AR-15-Gewehre: "Der Gold-Standard" für Massenschießereien.

© REUTERS/JONATHAN ERNST

Pulse-Attentat
06/13/2016

Die USA und die Waffen – warum der ganze Wahnsinn?

Nach der bislang schlimmsten Massenschießerei wird sich wieder nichts an den Waffengesetzen ändern.

von Thomas Trescher

Als die Polizisten den Saal des Pulse-Nachclubs in Orlando, Florida, betraten, in dem gerade 50 Menschen erschossen und nochmal so viele verletzt wurden, empfing sie eine Kakophonie von Klingeltönen. Es waren die Mobiltelefone der Toten; ihre Angehörigen versuchten sie zu erreichen, in der vergeblichen Hoffnung, dass es ihnen gut geht. Dass sie zumindest noch am Leben sind. Ob Amoklauf oder ein Terrorakt: Es war die schwerste Schusswaffentragödie in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

Wer ist der Schütze?

Der 29-Jährige Omar Mateen wurde in New York geboren, 2006 begann er bei der Securityfirma G4S zu arbeiten und 2009 heiratete er eine usbekische Immigrantin, die sich 2011 wieder von ihm scheiden ließ, weil er sie misshandelte. 2013 wurde er vom FBI zweimal verhört, weil seine Arbeitskollegen vermuteten, er könnte Kontakte zu Terroristen haben. Im Jahr darauf hatte das FBI einen konkreten Hinweis, dass er Kontakt mit Moner Mohammad Abusalha hatte, dem ersten US-amerikanischen Selbstmordattentäter in Syrien. Außer einem losen Kontakt konnte ihm auch diesmal nichts nachgewiesen werden.

Wie kommt ein Terror-Verdächtiger, der seine Frau misshandelte, in den USA zu Waffen?

Ganz legal. Mit seiner Waffenlizenz kaufte er eine eine Kurz- und eine Langwaffe. Wie die New York Times berichtet, wurden die meisten Waffen bei 16 der jüngsten Massenschießereien legal gekauft, mindestens acht der Attentäter hatten entweder psychische Probleme oder eine kriminelle Vergangenheit - und waren dennoch an Waffen gekommen.

Mit welcher Waffe wurde der Anschlag im Pulse verübt?

Mit einer AR-15. Die Washington Post nennt sie den "Gold-Standard" für Massenschießereien. Ob der Anschlag in San Bernandino vor einem halben Jahr, die Ermordung von 12 Menschen bei der Batman-Premiere in Aurora 2012 oder das Schulmassaker mit 26 Toten an der Sandy-Hook-Schule in Newtown, Connecticut: Die verwendete Waffe war jedes Mal die AR-15. Die Waffe wird seit den Sechzigern verkauft und von verschiedenen Anbietern hergestellt. Die Waffe ist der vom US-Militär verwendeten M16 nachempfunden. In wenigen Sekunden können mehrere Magazine verschossen werden, zudem gilt die Waffe als leicht und zuverlässig. 1994 wurde sie unter Präsident Bill Clinton für einen Zeitraum von zehn Jahren verboten. Das Verbot wurde 2004 vom Kongress nicht verlängert, obwohl die Unterstützer des Verbots argumentierten, die Waffe sei dafür optimiert, möglichst viele Menschen in möglichst kurzer Zeit zu töten.

Es scheint Zufall zu sein, dass es ebenfalls in Orlando, Florida war, als am Tag zuvor ein Mann bei der Autogrammstunde der 22-jährigen Sängerin Christina Grimmie eine Waffe zog, vor den Augen ihrer Fans den jungen Star aus bislang unbekannten Gründen erschoss, und nachher sich selbst. Der Zufall ist aber lediglich, dass es zwei Schießereien waren, die weltweit in den Medien waren, denn so genannte „mass shootings“ sind in den USA an der Tagesordnung.

Zwei Tage, bevor 50 Menschen im Pulse erschossen wurden, am 11. Juni 2016, wurden fünf Menschen in Roswell, New Mexico, erschossen. Drei getötet und zwei verletzt in Panorama City, Kalifornien. Eine Person getötet und drei verletzt in Stockton, Kalifornien. Eine Person getötet und drei verletzt in Charlotte, North Carolina. Vier verletzt in Webster, Minnesota. Zehn Tote und zwölf Verletzte bei fünf "mass shootings". Ein ganz normaler Tag in den USA.

Wie viele Waffen in Privatbesitz gibt es in den USA?

Nach Schätzungen der BBC gibt es rund 300 Millionen Waffen, einer Gallup-Umfrage zufolge gaben im Vorjahr 42 Prozent der US-Amerikaner an, mindestens eine Waffe zu besitzen. Das sind mehr Waffen in Privatbesitz als die Vereinigten Staaten Einwohner haben (rund 320 Millionen). Es gibt rund sechs Mal so viele Waffenhändler (fast 65.000) als Starbucks-Filialen (nicht ganz 11.000).

Wie viele Massenschießereien gab es im Vorjahr?

372, mehr als eine pro Tag. Dabei wurden 475 Menschen getötet und 1870 verletzt. Als Massenschießerei werden alle jene Taten bezeichnet, bei denen vier oder mehr Menschen an- oder erschossen werden.

Und wie viele Schießereien an Schulen?

64 im Vorjahr, also mehr als eine pro Woche. Die Zahl der Opfer ist nicht bekannt.

Wie viele Menschen sind insgesamt durch Schusswaffen ums Leben kommen?

13.286 im Jahr 2015, mehr als 36 Menschen pro Tag. Allein zwischen 1968 und 2011 wurden laut Politifact mehr Menschen – rund 1,4 Millionen – durch Schusswaffen in Privatbesitz getötet als US-Amerikaner in allen Kriegen seit dem Unabhängigkeitskrieg ums Leben gekommen sind.

"Das unveräußerliche Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück wird unseren Schülern genommen", sagte US-Präsident Barack Obama im Jänner diesen Jahres unter Tränen. Weil sie erschossen wurden. "Jedes Mal, wenn ich an diese Kinder denke, macht es mich wütend. Übrigens, dasselbe passiert jeden Tag auf den Straßen Chicagos. Und wir alle müssen vom Kongress verlangen, dass er mutig genug ist, den Lügen der Waffenlobby entgegen zu treten. Wir müssen unsere Bürger beschützen." Aber es bleibt jedes Mal bei Emotionen und Worten. Obama kündigte im Jänner zwar eine "Executive Action" an, um unter anderem so genannte "Background Checks" auszubauen, die die psychische Verfassung und kriminelle Vergangenheit der Käufer überprüfen sollen. Viele der Maßnahmen waren nicht einmal neu, sie wurden bislang nur einfach nicht umgesetzt. Dazu kommt: Eine "Executive Action" kann der nächste Präsident – im Gegensatz zu einem Gesetz – einfach aufheben. Und der republikanisch dominierte Kongress hat sofort angekündigt, jegliche Gesetze zu solchen Maßnahmen zu blockieren. Selbst der Präsident ist machtlos, wenn es um Waffen geht.

Warum ist das so?

Die Verfassung ist in den USA ein Heiligtum. Und der zweite Zusatzartikel (Amendment) zur Verfassung lautet: "A well regulated Militia, being necessary to the security of a free State, the right of the people to keep and bear Arms, shall not be infringed." Übersetzt also: "Da eine wohlgeordnete Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden." 2010 bestätigte der Oberste Gerichtshof im Urteil zu District of Columbia v Heller, dass die Verfassung tatsächlich so wörtlich auszulegen sei: Jeder hat das Recht, eine Waffe zu tragen.

Wie argumentieren die Befürworter der liberalen Waffengesetze ihre Position?

Ganz einfach: Wenn man den rechtschaffenen Bürgern ihre Waffen wegnimmt, können sie sich nicht mehr gegen jene verteidigen, die finstere Motive hegen. Dazu kommen noch Argumente, die ein wenig seltsam klingen: 65 Prozent der US-Amerikaner gaben 2015 in einer Umfrage an, dass das Recht, Waffen zu tragen, eine Versicherung ist, "sich gegen Tyrannei zu schützen". Wayne LaPierre, Vize-Präsident und bekanntestes Gesicht der mächtigen Waffenorganisation NRA (National Rifles Association) ist ein Proponent der Theorie, dass der Widerstand gegen die Nazis deshalb scheiterte, weil die Nationalsozialisten strenge Waffengesetze hatten.

Wie sehen das die Amerikaner selbst?

Das Recht, Waffen zu tragen, ist unumstritten. Aber laut einer Umfrage des TV-Senders CBS und der New York Times vom Jänner diesen Jahres befürworten 57 Prozent der Amerikaner strengere Waffengesetze. 86 Prozent der Amerikaner treten laut einer Gallup-Umfrage aus dem Vorjahr dafür ein, dass es "Background Checks" für alle Waffenkäufe geben sollte.

Gibt es die nicht?

Seit 1998 gibt es eine nationale Datenbank des FBI; und Waffenhändler sind verpflichtet, ihre Käufer dort gegenzuchecken. Vom Waffenbesitz ausgeschlossen sind nach diesem Gesetz unter anderem Menschen, die verurteilt sind nach einem Delikt, auf das mehr als ein Jahr Haft steht, die drogenabhängig sind oder in eine Anstalt für psychisch Kranke eingewiesen waren. Waffenverkäufe zwischen Privaten unterliegen dem Gesetz aber nicht, auch nicht Verkäufe bei – in den Staaten sehr beliebten – Waffenmessen. „Background Checks“ bei Waffenmessen hat auch Obamas „Executive Action“ aus dem Jänner zum Thema.

Wenn die Mehrheit der US-Amerikaner für strengere Gesetze ist, wieso gibt es die dann nicht?

88 Prozent der republikanischen und elf Prozent der demokratischen Abgeordneten haben nach eigenen Angaben der NRA irgendwann eine Spende der Waffenorganisation bekommen. Die NRA gilt als eine der mächtigsten, wenn nicht sogar als die mächtigste Lobby in den Vereinigten Staaten und sie lehnt jegliche Verschärfungen der Waffengesetze strikt ab. Im Wahlkampf zwischen Barack Obama und John McCain gab die NRA 40 Millionen Dollar aus. Im Mai gab die NRA bekannt, im Wahlkampf 2016 Donald Trump zu unterstützen. Zur Massenschießerei in Orlando hat sich die NRA bislang noch nicht geäußert.

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