Chronik | Welt
13.06.2016

Die schwerste Schusswaffen-Tragödie in der Geschichte der USA

29-Jähriger, der dem FBI als IS- Unterstützer bekannt war und Homosexuelle hasste, richtete in Schwulenclub in Orlando ein Blutbad an. Obama bezeichnet Anschlag als "Terrorakt".

50 Tote, mindestens 53 Verletzte: Das Blutbad in dem vor allem bei Homosexuellen beliebten Nachtclub „Pulse“ in Orlando, Florida, ist nicht nur die schwerste Schusswaffen-Tragödie in der Geschichte Amerikas. Laut US-Medien schließen die Ermittler einen radikal-islamistischen Hintergrund nicht aus: Wenige Stunden nach dem Anschlag tauchte auf einer mit dem Islamischen Staat (IS) in Verbindung gebrachten Internetseite ein Foto auf, das den Attentäter zeigen soll. Dschihadisten äußerten im Web ihre Zustimmung zu dem Anschlag.

Obama: "Terrorakt"

US-Präsident Barack Obama hat den Anschlag als "Terrorakt" bezeichnet. Die Bluttat mache einmal mehr klar, wie leicht man in den USA an verheerende Waffen komme. Zugleich ordnete der Präsident Trauerbeflaggung an öffentlichen Gebäuden an. Der sichtbar erschütterte Präsident sprach den Opfern und Hinterbliebenen sein tief empfundenes Beileid aus. Er forderte seine Landsleute auf, "nicht der Angst nachzugeben". Es war das etwa 20. Statement Obamas zu einem der sogenannten "shootings" in seiner Amtszeit.

Auch viele US-Prominente wie die Schauspielerinnen Julianne Moore und Reese Witherspoon fordern nach dem Massaker striktere Waffengesetze.

FBI bestätigt IS-Bekenntnis

Der Täter, der 29-jährige Omar M., US-Amerikaner mit afghanischen Wurzeln, war dem FBI bekannt: Die US-Bundespolizei hatte ihn als einen von vielen hundert IS-Unterstützern auf dem Radar. Der Schütze soll kurz vor seiner Tat beim Polizeinotruf 911 angerufen und sich zum Islamischen Staat bekannt haben. Das FBI bestätigte dies im Laufe des Abends.

Die Ex-Frau des mutmaßlichen Täters sagte der Washington Post, ihr Mann sei eine instabile und gewalttätige Person gewesen. Es habe sie sehr oft geschlagen. Er sei nicht sehr religiös gewesen, sagte sie. Die beiden wurden 2011 geschieden.

Laut Angaben seines Vaters war Omar M. schwulenfeindlich: Der Vater berichtete, sein Sohn sei einmal extrem ärgerlich geworden, als zwei Männer sich in der Öffentlichkeit küssten. „Sie tun das, und mein Sohn sieht zu“, soll Omar M. gesagt haben.

Für Orlandos Bürgermeister Buddy Dyer war das Massaker die zweite Hiobsbotschaft binnen 48 Stunden. Am Freitag hatte ein 27-jähriger die durch die Casting-Show bekannte Sängerin Christina Grimmie (22) bei einer Autogrammstunde in einem Einkaufszentrum der 250.000-Einwohner-Stadt erschossen.

Notstand ausgerufen

Dryer rief nach dem Nachtclub-Massaker den Notstand aus. Diese Ausnahmeregelung soll die Ermittlungen erleichtern, an denen sowohl örtliche als auch Bundesbehörden beteiligt sind.

Zur allwöchentlichen Latin Night hatten sich rund 300 Gäste im über Floridas Grenzen hinaus bekannten „Pulse“ an der belebten South Orange Avenue aufgehalten. Dann geschah laut vorläufigen Berichten das: Ein mit einem halbautomatischen Gewehr vom Typ AR-15 und einer Pistole bewaffneter Mann eröffnete gegen zwei Uhr früh im Eingangsbereich das Feuer. Ein Polizist, der außer Dienst und dort im Nebenberuf als Sicherheitskraft eingesetzt war, verfolgte den Schützen ins Innere und schoss; ohne Erfolg. Der Täter verschanzte sich, es kam zu einer „Geiselnahmen-Situation“.

Stürmung

Gegen fünf Uhr entschloss sich die Polizei, die inzwischen mit Sondereinsatz-Trupps vor Ort war, zur Stürmung. Dabei wurden Rammfahrzeuge und Blendgranaten eingesetzt, um den Täter abzulenken. Neun Polizisten waren in der direkten Auseinandersetzung mit dem Täter beteiligt, der an Ort und Stelle erschossen wurde. Ein Beamter wurde verletzt, ein Kevlar-Helm rettete ihm das Leben.

Für die Gäste des Klubs kam der Albtraum, dessen historische Dimension erst im Laufe des Sonntags bei vielen Amerikaner ins Bewusstsein einsickerte, völlig unerwartet. „Die Party war voll im Gange“, berichtete Christoph Hansen, der im „Adonis Room“ mit Freunden feierte, „plötzlich hörte ich 20, 40, 50 Schüsse.“ Menschen seien reihenweise zu Boden gegangen. Andere versuchten sich in Deckung zu bringen und stolperten dabei über schwer verletzte Opfer. Die Klub-Leitung zog panisch die Reißleine: „Verlasst das Haus – und rennt!“

"Verlasst das Haus – und rennt!"

Augenzeugen berichteten von „chaotischen Zuständen“. Dutzende Verletzte wurden aus dem Lokal getragen. Weil nicht genügend Notarztwagen zur Verfügung standen, improvisierten die Einsatzkräfte. Auf Videobildern war zu sehen, wie Polizisten einen Schwerverletzten auf die Ladefläche eines Pick-Up-Transporters hievten. Vor dem nur drei Straßenblocks entfernten Krankenhaus „Regional Medical Center“ stauten sich die Verletzten-Transporte.

Angehörige, alarmiert über Facebook, waren über Stunden im Ungewissen. „Mein Sohn hat Bauchschüsse, hat mir seine Freundin auf Facebook geschrieben“, sagte eine Mutter dem Sender CNN, „ich weiß nicht, ob er noch lebt.“ Amerika hielt für einen Augenblick den Atem an, als am Sonntag gegen elf Uhr die Opferzahl bekannt wurde: Mindestens 50 Tote.

Der Täter Omar M. stammte aus dem knapp zwei Autostunden südlich von Orlando entfernt gelegenen Port St. Lucie. Laut Polizeichef John Mina war er „sehr gut organisiert“ und „sehr gut vorbereitet“. Die von ihm benutzten Waffen seien legal gewesen, da er als Sicherheitskraft gearbeitet habe. Ob er Sprengsätze am Körper trug, wird noch untersucht. Es sei aber jedenfalls ein „verdächtiger Gegenstand“ gefunden worden.

Sollte sich die islamistische Komponente bestätigen, müsse von einem „amerikanischen Bataclan“ gesprochen werden, schrieben Twitter-Nutzer. In der Pariser Konzerthalle hatten islamistische Terroristen im November vergangenen Jahres 90 Menschen getötet.

Anti-Islam-Debatte

Beobachter gingen für diesen Fall von einer Neuauflage der vom republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump initiierten Anti-Islam-Debatte auf. Seit dem Amoklauf eines islamistischen Ehepaares in San Bernardino drängt Trump auf einen vorübergehenden Einreisestopp für Muslime.

Der demokratische Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders lenkte das Augenmerk auf die Debatte um den Verkauf von Schnellfeuergewehren: „Wir müssen alles tun, damit diese Waffen nicht in die Hände von Kriminellen oder psychisch Kranken geraten“, sagte Sanders. Allein in diesem Jahr kamen bereits fast 6000 Menschen in Amerika durch Schusswaffen ums Leben.

Die Behörden betonten, dass es keine Hinweise auf weitere Anschläge gebe. Trotzdem wurde der Notstand ausgerufen. Die Wirtschaftsverbände in Orlando sind besorgt. Die 250.000-Einwohner-Stadt gehört mit mehr als 65 Millionen Besuchern im Jahr zu Amerikas Top-Tourismus-Zielen, vor allem die Adresse Disney und Seaworld sorgen für gewaltige Einnahmen. Jetzt wird Orlando nicht mehr mit unbeschwertem Vergnügen in Verbindung gebracht. Sondern mit einer der schlimmsten Tragödien in der Geschichte Amerikas.

Orlando: Was weiß man bisher - und was nicht?

50 Tote, 53 Verletzte: Was sich im Homosexuellen-Klub "Pulse" in Orlando über Stunden abgespielt hat, ist eine Tragödie. Die Einzelheiten des Massakers werden erst allmählich deutlich. Ein so folgenschweres Verbrechen eines einzelnen Täters hat es in den USA noch nie gegeben.

Was macht diese Gewalttat so besonders?

Orlando geht nicht nur als schlimmstes "mass shooting" in die Geschichte der USA ein. Das Massaker hat auch ungewöhnlich viele Dimensionen: Es geht möglicherweise um Islamismus, vielleicht auch um internationalen Terrorismus, in jedem Fall um Waffengesetze sowie um die Akzeptanz von Schwulen, Lesben und anderen sexuellen Minderheiten in den USA.

Was genau ist in dem Homosexuellen-Klub passiert, wie konnten so viele Menschen sterben?

Das ist noch nicht klar. Man muss sich das "Pulse" anders als den Konzertsaal "Bataclan", einen der Pariser Anschlagsorte, nicht als Halle mit einer Bühne vorstellen, sondern als recht verzweigtes Gebäude mit vielen Räumen. Der Täter nahm dort Geiseln. Ob die Polizei früher hätte stürmen können, muss noch geklärt werden. Auch viele Stunden nach der Tat lief noch die Bergung weiterer Opfer. Es muss ein entsetzliches Chaos gewesen sein.

War der Täter ein Islamist?

Das weiß man nicht. Der Todesschütze Omar M. soll sich bei der Polizei im Zusammenhang mit den Schüssen zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekannt haben. Der IS reklamiert die Tat offenbar für sich. Vater und Ex-Frau beschreiben M. als nicht sehr religiös, aber psychisch labil und gewalttätig. Er stand auf keiner Terrorliste und war laut FBI nicht aktuell unter Beobachtung.

Wie kam M. an die Waffen?

Es heißt, er habe sie wenige Tage vor der Tat völlig legal erworben. Das ist deswegen bemerkenswert, weil M. in den vergangenen Jahren bereits zweimal in Berührung mit dem FBI kam. Einmal sei es auch um einen islamistischen Hintergrund gegangen, aber nur ganz am Rande. Der Erwerb eines Sturmgewehrs, wie es der Täter benutzte, war früher verboten, ist es aber nicht mehr. M.s Arbeitgeber, Sicherheitsdienstleister, sagt: Das Tragen einer Waffe gehörte bei seinem Angestellten zum Alltag. Der Mann war seit 2007 für das Sicherheitsunternehmen G4S tätig gewesen und habe im Dienst eine Waffe getragen.

Warum wurde ausgerechnet der Club "Pulse" das Ziel?

Auch das ist noch nicht klar. M. fuhr immerhin 170 Kilometer weit mit einem Mietwagen zu seinem Ziel. Was ihn ausgerechnet dorthin trieb: offen.

Wird diese entsetzliche Tat auch Thema im US-Präsidentschaftswahlkampf?

Ja, das ist sie schon jetzt. Als noch überhaupt nicht klar war, was eigentlich genau passiert ist, setzte der Republikaner Donald Trump bereits die ersten Tweets ab, stellte einen islamistischen Zusammenhang her. Um diese Äußerungen entspann sich ein heftiger Streit auf Twitter. Unabhängig davon reagierten auch seine demokratischen Rivalen Hillary Clinton und Bernie Sanders sowie viel politische Prominenz. Später forderte Trump Obamas Rücktritt und Clintons Wahlkampfausstieg, weil beide sich geweigert hätten, die Wörter "radikaler Islam" zu benutzen.

Die schlimmsten Amokläufe und Bluttaten in den USA seit 50 Jahren

Buchstäblich jeden Tag sterben in den USA Dutzende Menschen durch Waffengewalt. Aber während sogenannte "shootings" mit ein bis drei oder vier Toten an der Tagesordnung sind, ragt die Tat von Orlando mit 50 Toten heraus. Die Opferzahl ist eine der höchsten in den USA seit 50 Jahren.

Eine Übersicht über einige Bluttaten mit zweistelligen Opferzahlen:

- Dezember 2015: Im kalifornischen San Bernardino töten ein Mann und eine Frau 14 Menschen. Sie sterben später im Kugelhagel der Polizei. Es handelte sich um einen islamistischen Terrorakt.

- Dezember 2012: Bei einem Amoklauf an einer US-Schule kommen in Newtown (Connecticut) 27 Menschen ums Leben, darunter 20 Kinder. Der 20-jährige Schütze tötet sich selbst.

- Juli 2012: Während der Mitternachts-Preview eines "Batman"-Films tötet ein 24-Jähriger in einem Kino in Aurora (Colorado) zwölf Menschen. 70 werden verletzt.

- November 2009: In der Militärbasis Fort Hood (Texas) tötet ein Armeepsychologe 13 Menschen und verletzt 42.

- April 2009: In Binghamton (New York) erschießt ein Mann 13 Menschen in einem Verwaltungsgebäude.

- April 2007: An der Technischen Universität von Virginia erschießt ein Student 32 Menschen und verletzt 15. Es ist das schlimmste Massaker an einer Schule in der Geschichte der USA.

- 20. April 1999: Zwei Schüler erschießen an der Columbine High School in Littleton (Colorado) zwölf Schüler und einen Lehrer und verletzen 24 Menschen. Die Täter nehmen sich das Leben.

- 16. Oktober 1991: Im Texanischen Killeen tötet ein Mann in einer Cafeteria 23 Menschen. Anschließend begeht er Suizid.

- 18. Juli 1984: In einem Schnellrestaurant in Kalifornien erschießt ein 41-Jähriger wahllos 21 Menschen. Er wird von einem Polizisten erschossen.

- 1. August 1966: Von einem Turm der Universität von Texas schießt ein Amokläufer mehr als eine Stunde lang auf Passanten. Mindestens 14 Menschen werden getötet.

Papst und Putin verurteilen Massaker

Das Blutbad in einem Club in der US-Stadt Orlando mit mindestens 50 Toten hat auch im Ausland Abscheu und Trauer ausgelöst. Papst Franziskus äußerte "Entsetzen und Schmerz über diese Manifestation sinnlosen Hasses", wie aus einer Mitteilung des Vatikan hervorgeht.

Der russische Präsident Wladimir Putin sprach von einem "barbarischen Verbrechen". Russland teile Schmerz und Trauer, betonte der Kremlchef in einem in Moskau veröffentlichten Telegramm an seinen US-Kollegen Barack Obama. Er hoffe auf eine schnelle Genesung der Verwundeten.

Mast des World Trade Centers in Regenbogenfarben

Als Zeichen der Trauer und Solidarität mit den Opfern des Massakers in einem Homosexuellen-Club in Orlando erstrahlt der Mast an der Spitze des World Trade Centers in New York in Regenbogenfarben. In der Nacht auf Sonntag (Ortszeit) hatte ein 29-jähriger Mann in dem Nachtclub "Pulse" mindestens 50 Menschen getötet und 53 weitere verletzt.