Chronik | Welt
19.10.2017

Journalistin auf Malta getötet: Bombe mit Handy gezündet

Wer hinter dem Attentat auf die Journalistin steckt, ist noch unklar. Daphne Caruana Galizia hatte immer wieder mit Enthüllungen rund um Geldwäsche und Steuerhinterziehung auf ihrem Blog Aufsehen erregt.

Die Bombe, mit der die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia getötet wurde, ist nach dpa-Informationen anscheinend mit einem Handy gezündet worden. Die Schäden an dem Auto, mit dem die 53-Jährige am Montag unweit ihres Zuhauses in Bidnija unterwegs war, deuteten auf die Verwendung von einem halben Kilogramm Sprengstoff hin, hieß es am Donnerstag aus Ermittlerkreisen.

Wer hinter dem Attentat auf die Journalistin steckt, ist noch unklar. Caruana Galizia hatte immer wieder mit Enthüllungen rund um Geldwäsche und Steuerhinterziehung auf ihrem Blog Aufsehen erregt. EU-Politiker und Journalistenverbände verlangten lückenlose Aufklärung.

Kinder von Journalistin fordern Rücktritt Muscats

Die Kinder von Caruana Galizia forderten Regierungschef Joseph Muscat unterdessen zum Rücktritt auf. "Uns interessiert Gerechtigkeit nicht ohne Veränderung", schrieb Matthew Caruana Galizia am Donnerstag auf Facebook. Gerechtigkeit werde es erst geben, wenn "alles, für das unsere Mutter gekämpft hat (...), die hoffnungslose Situation ersetzt, in der wir uns befinden". "Der Premierminister bat uns um Unterstützung. So wird er sie bekommen: Übernehmen Sie politische Verantwortung und treten Sie zurück."

Muscat zählt Caruana Galizia zu seinen schärfsten Kritikern. Sie hatte Mitarbeitern Muscats unter anderem vorgeworfen, Offshore-Formen in Panama zu haben. Auch schrieb sie, eine in den " Panama Papers" erwähnte Firma gehöre Muscats Frau. Muscat wies dies stets zurück. Zuletzt zielten Caruana Galizias Recherchen aber auch auf den Oppositionsführer Adrian Delia von der konservativ-christlichen Partei Partit Nazzjonalista. Sie warf ihm unter anderem vor, mit einem verurteilten Drogendealer befreundet zu sein.

Muscat hatte wegen der Enthüllungen im Juni vorgezogene Neuwahlen angesetzt, und fuhr mit seiner sozialdemokratischen Labour Partei einen Rekordsieg mit über 55 Prozent der Stimmen ein.

Auf Malta wurden bereits am Montag Mahnwachen abgehalten. Die Ermordung der Journalistin und Kolumnistin, die an manchen Tagen laut des US-Magazins Politico bis zu 400.000 Leser ( Malta hat nur 440.000 Einwohner) hatte, sorgt weltweit für Entsetzen. Die EU-Kommission äußerte sich ebenfalls geschockt. Denn Malta sei ja wohl nicht Russland, wo unliebsame Journalisten um ihr Leben fürchten müssen.

Bei der Aufklärung des Anschlags sollten die maltesischen Behörden neben niederländischen Forensikern auch von Ermittlern des FBI und Scotland Yard unterstützt werden, wie Times of Malta berichtete. Zunächst gehe es darum zu klären, wo der Sprengstoff angebracht worden war. Der Sprengstoff Semtex wird bei kommerziellen Sprengungen eingesetzt, gelangt aber auch immer wieder in die Hände von Terroristen.

Die konservative EVP-Fraktion im Europaparlament forderte eine unabhängige internationale Untersuchung der Tat. "Wir verlangen Gerechtigkeit", schrieb EVP-Chef Manfred Weber ( CSU) am Mittwoch im Kurznachrichtendienst Twitter. Das Thema soll in der kommenden Woche im EU-Parlamentsplenum auf die Tagesordnung kommen.

Maltas Premier erhebt Vorwürfe gegen Opposition

Bei der Suche nach den Hintermännern des Mordes an der Journalistin Daphne Caruana Galizia auf Malta hat Premier Joseph Muscat ( Bild) schwere Vorwürfe gegen die Opposition erhoben. Zwar wollte er nicht darüber spekulieren, wer hinter dem Anschlag stehen könnte, das "Einfachste" wäre aber für ihn, "mit dem Finger auf die Opposition zu zeigen", sagte Muscat der italienischen Zeitung La Repubblica (Mittwoch).

Caruana Galizia habe sich in ihren letzten Artikeln mit dem Chef der oppositionellen Nationalistischen Partei, Adrian Delia, befasst, sagte Muscat. Der italienischen ZeitungLa Stampasagte Muscat, die Journalistin habe Delia der " Geldwäsche, Prostitution und mehr" bezichtigt. Überdies habe sie auf ihrem Blog geschrieben, dass sie Drohungen "von Leuten in der Opposition" erhalten habe. Er könne dies aber nicht belegen, sagte Muscat.

In der Repubblica bezeichnete Muscat Caruana Galizia erneut als seine "größte Gegnerin". Die Journalistin habe ihn seit seiner Zeit als Oppositionsführer "angegriffen". "Aber das war ihr Job", betonte der Regierungschef. In einem Land wie Malta sei es "undenkbar, dass jemand wegen seines Jobs sterben muss". Er versprach erneut, die Täter zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen. Dazu habe er die US-Bundespolizei FBI sowie europäische Sicherheitsbehörden zu den Ermittlungen hinzugezogen.

Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Mittwoch entsetzt auf die Ermordung der maltesischen Journalistin reagiert. Regierungssprecher Steffen Seibert erklärte am Mittwoch in Berlin, es sei eine Voraussetzung für das Funktionieren von Rechtsstaat und Demokratie, dass Journalisten ohne Bedrohung für Leib und Leben ihrer Arbeit nachgehen könnten. "Das darf unter keinen Umständen infrage gestellt werden", betonte Seibert. Deshalb sei es auch eminent wichtig, das Verbrechen rasch und vollständig aufzuklären.