Chronik | Welt
18.10.2017

Ermittlungen nach Anschlag: Maltesische Journalistin mit Plastiksprengstoff getötet

International bekannt wurde Daphne Caruana Galizia durch ihre Recherchen zu Geldwäsche und Steuerhinterziehung in dem Inselstaat. Das Auto der 53-Jährigen wurde am Montag in die Luft gejagt - mit Plastiksprengstoff, wie nun bekannt wurde.

Nach dem tödlichen Anschlag auf die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia laufen die Ermittlungen der Behörden zu den Hintergründen des Attentats weiter. Das Auto der 53-Jährigen sei am Montag unweit von ihrem Zuhause in Bidnija mit dem Plastiksprengstoff Semtex in die Luft gejagt worden, berichtete die Times of Malta am Mittwoch unter Berufung auf Polizeikreise.

Der Sprengstoff wird bei kommerziellen Sprengungen eingesetzt, gelangt aber auch immer wieder in die Hände von Terroristen. Die maltesischen Behörden werden von niederländischen und FBI-Ermittlern unterstützt.

Oppositionsführer Adrian Delia von der konservativ-christlichen Partei Partit Nazzjonalista forderte den sozialdemokratischen Regierungschef Joseph Muscat zum Rücktritt wegen fehlender Schutzmaßnahmen für die getötete Journalistin auf. Muscat sagte in einem Fernsehinterview, Caruana Galizia habe Polizeischutz verweigert. Bei der Polizei sei auch nicht offiziell angezeigt worden, dass sie Morddrohungen erhalten habe.
Über Drohungen schrieb Caruana Galizia aber auf ihrem Blog, wo sie in den vergangenen Wochen das Umfeld von Oppositionsführer Delia und seinen vermeintlichen Verbindungen zu Drogenhändlern unter die Lupe nahm. Unter einem Artikel veröffentlichte Caruana Galizia ein Bildschirmfoto eines Facebook-Profils, auf dem ein Foto von ihr in einem Käfig zu sehen ist. Das Profil schreibt sie einem angeblichen Freund Delias zu, den sie als verurteilten Drogendealer bezeichnet.
Daphne Caruana Galizia wurde 53 Jahre alt, sie hinterlässt drei Söhne, ihr ältester, Matthew, will ihre Arbeit fortsetzen. Die Journalistin war eine Ein-Personen-Firma undbei den Mächtigen auf Malta gefürchtet. Ihr Blog mit dem NamenRunning Commentaryund ihre Kolumnen für The Malta Independent waren Pflichtlektüre.
Die Journalistin hatte enthüllt, dass eine in den sogenannten Panama Papers erwähnte Firma der Frau des Regierungschefs Joseph Muscat gehöre. Im Juni musste deshalb neu gewählt werden, doch Muscats Arbeiterpartei ging trotz der schweren Korruptionsvorwürfe als Siegerin hervor.

Caruana Galizia veröffentlichte auch Unterlagen, wonach zwei enge Vertraute von Joseph Muscat viel Geld auf Offshore-Konten geschafft haben. Sie vermutete, dass das Geld mit der Ausgabe von EU-Pässen an reiche Russen und Kasachen verdient wurde. Sie fand Verbindungen zur Spielemafia.

Der 43-jährige Sozialdemokrat Muscat sagte nach dem Mord: "Jeder weiß, dass Frau Galizia eine scharfe Kritikerin von mir war – sowohl politisch als auch persönlich." Dennoch sei diese "barbarische" Tat durch nichts zu rechtfertigen. Er sprach von einem "schwarzen Tag für unsere Demokratie und unsere Meinungsfreiheit". Die Opposition forderte umgehend, die Einsetzung einer Untersuchungskommission, denn die Journalistin war bereits vor zwei Wochen zur Polizei gegangen, weil sie Morddrohungen erhalten hatte. Die maltesischen Behörden haben Hilfe von niederländischen Gerichtsmedizinern und Beamte der US-Bundespolizei FBI angefordert.
Auf Malta wurden bereits am Montag Mahnwachen abgehalten. Die Ermordung der Journalistin und Kolumnistin, die an manchen Tagen laut des US-Magazins Politico bis zu 400.000 Leser ( Malta hat nur 440.000 Einwohner) hatte, sorgt weltweit für Entsetzen. Die EU-Kommission äußerte sich ebenfalls geschockt. Denn Malta sei ja wohl nicht Russland, wo unliebsame Journalisten um ihr Leben fürchten müssen.

Maltas Premier erhebt nach Mordanschlag Vorwürfe gegen Opposition

Bei der Suche nach den Hintermännern des Mordes an der Journalistin Daphne Caruana Galizia auf Malta hat Premier Joseph Muscat schwere Vorwürfe gegen die Opposition erhoben. Zwar wollte er nicht darüber spekulieren, wer hinter dem Anschlag stehen könnte, das "Einfachste" wäre aber für ihn, "mit dem Finger auf die Opposition zu zeigen", sagte Muscat der italienischen Zeitung La Repubblica (Mittwoch).

Caruana Galizia habe sich in ihren letzten Artikeln mit dem Chef der oppositionellen Nationalistischen Partei, Adrian Delia, befasst, sagte Muscat. Der italienischen Zeitung La Stampa sagte Muscat, die Journalistin habe Delia der "Geldwäsche, Prostitution und mehr" bezichtigt. Überdies habe sie auf ihrem Blog geschrieben, dass sie Drohungen "von Leuten in der Opposition" erhalten habe. Er könne dies aber nicht belegen, sagte Muscat.

In der Repubblica bezeichnete Muscat Caruana Galizia erneut als seine "größte Gegnerin". Die Journalistin habe ihn seit seiner Zeit als Oppositionsführer "angegriffen". "Aber das war ihr Job", betonte der Regierungschef. In einem Land wie Malta sei es "undenkbar, dass jemand wegen seines Jobs sterben muss". Er versprach erneut, die Täter zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen. Dazu habe er die US-Bundespolizei FBI sowie europäische Sicherheitsbehörden zu den Ermittlungen hinzugezogen.

Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Mittwoch entsetzt auf die Ermordung der maltesischen Journalistin reagiert. Regierungssprecher Steffen Seibert erklärte am Mittwoch in Berlin, es sei eine Voraussetzung für das Funktionieren von Rechtsstaat und Demokratie, dass Journalisten ohne Bedrohung für Leib und Leben ihrer Arbeit nachgehen könnten. "Das darf unter keinen Umständen infrage gestellt werden", betonte Seibert. Deshalb sei es auch eminent wichtig, das Verbrechen rasch und vollständig aufzuklären.

Caurana Galizia hatte mehrere Korruptionsaffären aufgedeckt. Die Vorwürfe im Zusammenhang mit den "Panama Papers" hatten sich auch gegen Vertraute von Muscat gerichtet.

Der Sohn der getöteten Journalistin hatte am Dienstag Muscats Regierung für den Anschlag verantwortlich gemacht. Oppositionsführer Delia forderte Muscat zum Rücktritt auf, weil er es versäumt habe, die Reporterin zu schützen. Muscat wies diesen Vorwurf im maltesischen Fernsehen zurück und sagte, er könne niemandem Polizeischutz geben, der dies nicht wolle.