Chronik | Welt
28.07.2017

Identitären-Schiff wieder auf Fahrt: Mit Ex-Mitarbeiter der FPÖ

Das Schiff der Rechtsextremisten ist wieder aus dem Hafen von Famagusta ausgelaufen. Eines der vorübergehend festgenommenen Besatzungsmitglieder ist Alexander Schleyer, der bis Ende März parlamentarischer Mitarbeiter eines FPÖ-Nationalratsabgeordneten war.

(*Update: Die C-Star änderte am Freitag mehrmals ihren Kurs*)

Das Schiff C-Star, das zunächst vor Nordzyperns Küste festgesessen ist, ist am Donnerstagabend wieder ausgelaufen. Mit dem Schiff will die rechtsextreme Identitäre Bewegung die Flüchtlingsrettungsschiffe vor der Küste Libyens bei ihrer Arbeit kontrollieren beziehungsweise behindern.

Zehn Besatzungsmitglieder befanden sich vorübergehend in Haft. Darunter sieben tamilische Seeleute, der schwedische Eigentümer, Kapitän und ein Co-Kapitän – und bei einem der Kapitäne soll es sich um einen ehemaligen parlamentarischen Mitarbeiter der FPÖ handeln. Der Name Alexander Schleyer wurde der Berliner Zeitung taz von den Behörden vor Ort bestätigt.

Mehrere Kursänderungen

Wie auf mehreren Schiffstracking-Seiten zu sehen war, nahm die C-Star am späten Freitagvormittag einen deutlichen Kurswechsel vor. Rätsel gab auch auf, dass das Schiff davor verhältnismäßig wenig Seemeilen hinter sich gelassen hatte. Das Ziel der Fahrt ist eigentlich Catania, um weitere illustre Passagiere an Bord zu nehmen (siehe unten). Beim Portal MarineTraffic ist die nächste Destination der C-Star aber mit "Kalecik" angegeben. Ein Ort dieses Namens befindet sich in Nordzypern. Am Freitagnachmittag fuhr das Schiff zunächst wieder zurück in Richtung Zypern, wendete dann aber erneut und ist nach mehreren Zick-Zack-Manövern nun offenbar wieder auf Kurs Richtung Westen.

Die derzeitige Position der unter mongolischer Flagge fahrenden C-Star:

Dokumentenfälschung

Nordzypern, das nur zum Zwischenstopp gedacht war, wollte die C-Star eigentlich verlassen. Im Hafen von Famagusta in der nur von Ankara anerkannten Türkischen Republik waren zehn Besatzungsmitglieder vorübergehend in Gewahrsam genommen worden. Ein Haftbefehl für einen Tag wurde angeordnet, wie die nordzypriotische Zeitung Kibris gazetesi am Donnerstag berichtete. Die Besatzung wurde unter anderem der Dokumentenfälschung und Benützung gefälschter Dokumente beschuldigt. Auch der Vorwurf des Menschenschmuggels wurde geprüft.

Am Donnerstagabend lief das Schiff wieder aus dem Hafen von Famagusta aus. "Die Crew der #CStar wurde freigelassen", schrieben die Identitären auf Twitter. "#DefendEurope auf dem Weg nach Catanien." Auch Medien in Nordzypern berichteten über die Freilassung. Ursprünglich war eine weitere Haftprüfung für Freitagmittag vorgesehen.

Tamilische Flüchtlinge an Bord

Bei der Ankunft in Nordzypern sollen nach einem Bericht der lokalen Zeitung Yeni Düzen 20 Flüchtlinge an Bord gewesen sein. 15 von ihnen sollen zurück nach Sri Lanka geflogen worden, fünf seien noch dort, heißt es. Die Identitären von einer Gruppe von "20 angehenden Seemännern", die auf der C-Star einen "kostenpflichtigen Trainingseinsatz" abgeleistet hätten.

Der britische Guardian hingegen berichtete, die Migranten hätten bis zu 10.000 Euro dafür bezahlt, mit dem Schiff in die EU zu kommen. Sie seien im afrikanischen Dschibuti an Bord gegangen.

Die "Crew" habe verschiedene Nationalitäten, heißt es in der Mitteilung der Identitären. Nach Meinung der Rechtsextremisten sind die Asylanträge auf eine Intrige von Nichtregierungsorganisationen (NGO) zurückzuführen. "Fünfzehn Mitglieder der Trainingscrew lehnten dieses Bestechungsangebot ab", heißt es.

Spenden gesammelt

Laut eigenen Angaben wurde die Aktion über Spenden finanziert, es seien mehr als 100.000 Euro gesammelt worden, um das Schiff zu chartern, das als eine Art "Anti-Flüchtlings-Streife" fungieren soll. Die Schweizer Zeitung Blick nannte es "Schiff der Schande".

Mitte Juni gaben die Identitären bekannt, dass der Online-Bezahldienst Paypal das dafür eingerichtete Konto eingefroren hat und die eingangenen Gelder an die Spender zurücküberwies.

Patrick Lenart, Mitgründer der Identitären in Österreich und Co-Leiter, gehört laut Spiegel Online zu den Initiatoren der Aktion. Wie berichtet, soll sich der Deutsche Alexander Schleyer als Kapitän an Bord der C-Star befinden.

Ehemaliger Parlamentsmitarbeiter der FPÖ

Schleyer, ein Deutscher, lebt in Wien, ist ehemaliger Bundeswehr-Soldat und war zuletzt parlamentarischer Mitarbeiter von FPÖ-Nationalratsabgeordnetem Christian Höbart. Doch in sozialen Medien schrieb er über "Kanackenkinder" und verspottete schiffbrüchige Migranten im Mittelmeer. Als die Einträge bekannt wurden, wurde Schleyer beurlaubt und mit Ende März das Dienstverhältnis schließlich aufgelöst.

Schleyer, er versah früher seinen Dienst bei der deutschen Marine, bekennt sich zu den Identitären, und hat nach der ersten Bootsaktion der Rechtsradikalen seine Hilfe als Kapitän angeboten. Im Mai brüsteten sich die Identitären, im sizilianischen Hafen von Pozzallo mit einem Schlauchboot ein NGO-Rettungsschiff bei der Arbeit gestört zu haben.

Erst vor wenigen Tagen postete Schleyer auf Instagram Bilder von der Brücke eines Schiffes, und schrieb, dass er es gerade durch das Rote Meer steuere. Dort befand sich kürzlich auch die C-Star, bevor sie durch den Suezkanal fahren wollte. Beim Suezkanal ist das Schiff am vergangenen Wochenende von ägyptischen Behörden kontrolliert worden. Die Identitären sprachen von einer "Routinekontrolle". Das Schiff konnte seine Fahrt aber erst am Montag, nach Problemen mit einigen Papieren, fortsetzen.

Die Bootsfahrt der rechten "Identitären" im Mittelmeer stand seit diesem ungeplanten Aufenthalt unter einem schlechten Stern. In Nordzypern drohte zwischenzeitlich der völlige Kollaps der rechten "Mission".

Vorwürfe gegen Schiffseigner

Auch der Schiffseigner der C-Star, Sven Thomas Egerstrom, ist kein unbeschriebenes Blatt. Laut dem britischen Antirassismusportal Hope not Hate betätigt er sich als dubioser Sicherheitsunternehmer, der unter anderem bewaffneten Schutz vor Piraten anbietet. Das Ziel der Identitären-Mission sei Egerstrom von Beginn an bewusst gewesen. Er unterstütze das Vorhaben der Aktion, "Recherche" im Mittelmeer zu betreiben.

Laut einem Bericht von Voice Of America wurden 2015 auf den Seychellen auf einem von Egerstroms Schiffen automatische Waffen im Wert von 2 Millionen Dollar beschlagnahmt. Zu Beginn der "Defend Europe"-Aktion gab es Vorwürfe, der Schiffseigner hätte auch bewaffnete Sicherheitskräfte an Bord gebracht. Die Identitären hatten gegenüber tagesschau.de angekündigt, Security-Mitarbeiter mit an Bord zu nehmen, die gegen möglicherweise bewaffnete Menschenschlepper vorgehen könnten.

Identitäre warten in Italien

Die "Defend Europe"-Gruppe, die aus Mitgliedern der Identitären und rechten Youtube-Sternchen besteht, befindet sich derzeit im sizilianischen Catania und wartet darauf von der C-Star abgeholt zu werden. Von dort aus stellen der Wiener Identitären-Co-Leiter Martin Sellner, der deutsche Identitären-Anführer Daniel Fiß, sowie Lauren Southern und Brittany Pettibone, zwei Vertreterinnen der nordamerikanischen Alt-Right-Szene, diverse Videos mit Statusberichten ins Netz.

In Italien waren bereits Demonstrationen gegen die Aktivisten angekündigt. Der Bürgermeister von Catania kündigte vergangene Woche zudem an, dafür zu sorgen, dass die C-Star keine Einfahrtsgenehmigung für den Hafen bekommt.