Chronik | Welt
19.11.2017

Viel Bibel und viel Hollywood

Wie ein tiefreligiöser Milliardär seine Schätze multimedial präsentiert.

Die schöpferische Pause, die Gott ausweislich im zweiten Kapitel im 1. Buch Mose am siebenten Tag der Erschaffung der Welt einlegte, muss Steve Green irgendwann einfach vergessen haben. Geschlagene neun Acht-Stunden-Tage sind vonnöten, um das gestern in Washington offiziell eröffnete 500 Millionen Dollar teure "Museum der Bibel" des frommen Geschäftsmannes aus Oklahoma als Besucher vollständig zu würdigen. Warum? Steve Green hält die Bibel Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe, für eine "absolute Autorität".

Wer die zwölf Meter hohen Eingangstore durchschreitet, bekommt sofort das Gefühl, in einem sündhaft teuren Schatzkästlein zu stehen. Feinste Materialien aus aller Herren Länder wurden in einem denkmalgeschützten Kühlhaus auf 40.000 Quadratmetern verbaut. Das Freudenhaus für das Buch der Bücher liegt nur wenige Hundert Meter entfernt von der politischen Herzkammer der USA, dem Kapitol.

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Musical im Keller

Vom Kellergeschoss, in dem das Broadway-Musical "Amazing Grace" gezeigt wird, bis zum "biblischen Dachgarten", der in Maßarbeit von der Augsburger Firma Roschmann im Stil einer riesigen Thora-Rolle verglast ist, führen großzügige Treppen und ein halbes Dutzend Aufzüge. Maximal 5500 Besucher, denen kein Eintritt abverlangt, sondern lediglich eine Spende ab zehn Dollar nahegelegt wird, dürfen sich zeitgleich im Gebäude aufhalten.

Green wartet mit Dutzenden kostbaren Folianten auf. Dazu gehören Seiten aus der ersten Gutenberg-Bibel und das Exemplar von Rock-Star Elvis Presley. Und natürlich jene Ausgabe, die Gott rein geografisch nähergekommen ist als jede andere: die Bibel, mit der die Apollo 14-Mission auf dem Mond war.

Allein 42 Millionen Dollar sind in moderne Kommunikationstechnik geflossen. Wobei die 3000 handlichen Digital-Tourführer in zehn Sprachen, darunter Mandarin und Hebräisch, noch das Simpelste darstellen. Interaktive Bildschirmstationen, an denen Zwiegespräche mit Gestalten der Bibel-Geschichte möglich sind.

Hollywood-Niveau

Multimediale Touchscreens, die je nach Neigung des Benutzers seichte oder tiefe Abstiege in die Verästelungen der Heiligen Schrift ermöglichen. Dazu Dutzende Glasschaukästen mit wertvollen Schriftrollen. Green, dessen Privatsammlung über 40.000 Artefakte mit Bibel-Bezug enthalten soll, hat bei der musealen Inszenierung an nichts gespart.

Schmuckstück des Museums ist ein multimedialer Gang, der die Geschichte des Alten Testaments mit den Mitteln von 3-D, Dolby-Surround und bombastischer Illusionstechnik auf ein Erlebnisniveau herunterbricht, das Hollywood-Niveau erreicht. Nur über Sexualität oder Empfängnisverhütung im Zusammenhang mit der Bibel findet sich nichts.

Wer zwischen den weitläufigen Ausstellungsräumen zur "Geschichte", "Erzählung" und "Wirkung" der Bibel verschnaufen will, landet in der "Milch und Honig"-Kaffeebar.

David gegen Goliath

Wer richtig das Brot gebrochen bekommen will, schlägt im "Manna"-Restaurant auf. Dort serviert man von Feigen über Hummus und Butternuss-Kürbissuppe bis zu Grill-Huhn mit Artischocken alles, was den christlichen Gaumen erfreut. In der Kinder-Zone können unterdessen die Jüngsten spielerisch lernen, wie man als David Goliath mit einer Steinschleuder bezwingt oder Petrus beim Angeln hilft.

Bei alledem behauptet Steve Green, mit seinem Haus allein die Bibelfestigkeit der Besucher stärken zu wollen: "Wir promoten die Bibel, keine Religionen." Dass dennoch Zweifel an der Neutralität des Museumsgründers laut geworden sind, gerade im Herzen der Machtzentrale der USA, liegt an Green selbst.

Er warf den ersten Stein, als er vor einigen Jahren vor den nebenan liegenden Obersten Gerichtshof zog und gewann. Als Chef des auf knapp 700 Filialen landesweit bauenden Bastel- und Handwerkerbedarf-Riesen "Hobby Lobby" setzte der 75-Jährige durch, dass er im Zuge der Gesundheitsversicherung von Präsident Donald Trumps Vorgänger ("Obamacare") weiblichen Angestellten nicht die "Pille danach" bezahlen muss. Für ihn ein Instrument zur Abtreibung. Und daher mit seinem Glauben nicht vereinbar.

Seither gilt der privat auf über fünf Milliarden Dollar Vermögen taxierte Mann als stiller Bannerträger der religiösen Rechten. Anders als die Baptisten-Pastoren Jerry Falwell oder Robert Jeffress hat der aus armen Verhältnissen stammende Green, dem Insider nachsagen, mit dem Bibel-Museum und der ihm zugrunde liegenden Sammlung seinen bescheidenen Bildungshintergrund kompensieren zu wollen, aber nichts Eiferndes an sich.

Ob man damit auch verhindern kann, dass im polarisierten gesellschaftlichen Klima Amerikas extreme Glaubensgemeinschaften, die von Präsident Donald Trump hofiert werden, das Museum ideell kapern? Ein Museumskurator sagt es so: "Wir versuchen, dass jeder hier mit seiner Stimme singen kann."

Dabei gebe es aber Grenzen. So bot ein reicher Gönner in der Bauphase eine Spende von einer Million Dollar an. "Als er fragte, wo im Museum der Raum sei, in dem die Besucher ihr Leben in die Hände von Jesus Christus legen, war Schluss." Der Scheck wurde zurückgezogen.