Vor Istanbul breitet sich der "Seerotz" immer weiter aus

Vor Istanbul breitet sich der "Seerotz" immer weiter aus
Ein grausiger Algenschleim macht Baden im Marmarameer weit gehend unmöglich. Auch die Fischer sind verzweifelt.

Hellbrauner Schleim so weit das Auge reicht. Wie in jedem Frühjahr breitet sich im Marmarameer vor der Bosporus-Metropole Istanbul der Algenteppich massiv aus. Doch heuer früher und massiver.

Vor Istanbul breitet sich der "Seerotz" immer weiter aus

Die Ursachen dieses Naturphänomens, der auch "Seerotz" genannt wird und auf Ausscheidungen der Algen zurückzuführen ist: Schlecht bis gar nicht geklärte Abwässer - immerhin leben um das Marmarameer rund 20 Millionen Menschen, Industrieanlagen, die großen 10.000 Schiffe, die jährlich die Passage zwischen Ägäis und Schwarzem Meer nehmen und immer wieder Abfälle entsorgen. Und die durch den Klimawandel hervorgerufene Erwärmung des Marmarameeres: An der Oberfläche liegt die Temperatur um 2,5 Grad über dem Durchschnitt der vergangen 40 Jahre. All das begünstigt den Wildwuchs der Algen.

Vor Istanbul breitet sich der "Seerotz" immer weiter aus

Die Folgen: Viele Istanbuler, die Wochenendhäuschen in der Region haben, müssen auf Abkühlung im Meer verzichten. Und die Fischer sind zur Untätigkeit gezwungen, weil sie ihre Netze nicht auswerfen können. Diese würden durch den Schleim unbrauchbar werden.

Vor Istanbul breitet sich der "Seerotz" immer weiter aus

Katastrophal freilich sind die Auswirkungen auf Meeres-Fauna und -Flora. Mittel- und langfristig setzt sich der Schleim auf dem Meeresboden ab und legt sich etwa auf Muscheln und Korallen. Wenn sie nicht gänzlich absterben, wird jedenfalls deren Wachstum verlangsamt, und Korallen können ihrer Funktion, Wasser zu filtern, nicht mehr nachkommen. Zudem hat der "Seerotz" einen negativen Einfluss auf das so genannte Zooplankton, von dem sich Fische ernähren. Bayram Öztürk, Meeresbiologe an der Uni Istanbul, warnt bereits vor einem Massensterben von Meereslebewesen.

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Aktionsplan

Die Dramatik der Lage hat nun auch Recep Tayyip Erdogan alarmiert. Der Präsident beauftragte seinen Umweltminister Murat Kurum, einen Aktionsplan zu entwickeln. Und dieser hat bereits ein 22-Punkte-Programm vorgestellt. Unter anderem soll noch heuer ein Drittel des Marmarameeres (die Gesamtfläche entpricht in etwa der von Oberösterreich) als Schutzgebiet ausgewiesen werden. Zudem soll der Ausbau der Kläranlagen massiv ausgeweitet werden. Denn bisher gehen rund 70 Prozent der Abwässer Istanbuls mit seinen rund 15 Millionen Einwohnern lediglich vorbehandelt ins Meer.

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