© REUTERS/ADRIA MALCOLM

Chronik Welt
10/27/2021

Staatsanwaltschaft schließt Anklage gegen Baldwin nicht aus

Der Tod der Kamerafrau Halyna Hutchins bei Dreharbeiten im US-Bundesstaat New Mexico wird immer ominöser.

von Dirk Hautkapp

Von den drei Waffen, die Hauptdarsteller und Todesschütze Alec Baldwin (63) potenziell zur Verfügung gestanden hätten, waren zwei „nicht funktionstüchtig”, sagte Sheriff Adan Mendoza am Mittwoch in Santa Fe. Der „F.LLI Pietta Long Colt .45 Revolver”, den Regie-Assistent Dave Halls Baldwin vor einer Woche für eine Proben-Szene des Western „Rust” zusteckte, war dagegen eine echte Waffe - und mit scharfer Munition geladen. Warum, das ist weiter unklar.
 
Baldwin, von Halls vorher mit dem Hinweis „nicht geladen” beschieden, zielte in Richtung Kamerafrau. Dabei löste sich ein Schuss. Das laut Mendoza „mutmaßlich bleihaltige Projektil”, das Ärzte später in der Schulter des dahinter stehenden Regisseurs Joel Souza fanden, hatte den Brustkorb der 42-Jährigen durchschlagen. Sie starb nach Nottransport per Hubschrauber im Krankenhaus. 
Die zuständige Bezirksstaatsanwältin, Mary Carmack-Altwies, bestätigte bei der ersten Presse-Unterrichtung nach dem Zwischenfall Aussagen, die sie zuvor gegenüber der New York Times gemacht hatte. Danach sei es noch zu früh, um über „kriminelle Fahrlässigkeit” und potenzielle strafrechtliche Konsequenzen zu sprechen. Die Ermittlungen seien komplex und noch im Anfangsstadium. Es könne „noch Wochen bis Monate” dauern, bis die Entscheidung fällt, ob Anklage erhoben wird oder nicht. „Niemand kann heute ausgeschlossen werden”, sagte die Juristin. 
 
Damit ist klar, dass weder Baldwin, der auch Mit-Produzent des Films ist und somit in Haftung genommen werden könnte, noch Regie-Assistent Halls noch die für die Waffen am Film-Set zuständige Fachkraft Hannah Gutierrez (24) aus dem Schneider sind. 
 
Carmack-Altwies erklärte, man konzentriere sich darauf herauszufinden, um was für eine Patrone es sich exakt gehandelt hat und wer die Waffe - gegen alle Regeln der Film-Branche - mit scharfer Munition bestückt hat. Ob Halls oder Gutierrez die Waffe vor dem Gebrauch untersucht haben, ist nicht bekannt. Beide gelten als zentrale Figuren in dem Fall, der die Film-Industrie alarmiert hat. Beide schweigen bisher in der Öffentlichkeit.
Für Aufsehen sorgte die Aussage von Sheriff Mendoza, dass am Drehort „etwas Selbstgefälligkeit” im Umgang mit Waffen geherrscht habe. Die eingesetzten Polizisten stellten demnach rund 500 Schuss Munition sicher, darunter seien Platz-Patronen, Fake-Patronen und echte Munition gewesen. “Absolut ungewöhnlich”, erklärten später Waffen-Experten der Filmindustrie.
 
Die Staatsanwältin betonte zuvor bei der New York Times, dass die seit dem Zwischenfall am 21. Oktober in den Medien benutzte Formulierung von einer sogenannten „prop gun” (Requisitenwaffe) irreführend gewesen sei. „Es war eine echte antike Waffe”, sagte sie, die zu der Ära (19. Jahrhundert) gepasst habe, in der der Film spielt.
 
Das Detail ist wichtig, weil Experten seit Tagen darauf hinweisen, dass echte Munition in einer Fake-Waffe vermutlich explodieren und den Schützen verletzen würde. Mit anderen Worten: Baldwin, in dem Glauben, alles sei in Ordnung, bekam eine voll funktionsfähige, scharfe Waffe in die Hand gedrückt. War Fahrlässigkeit der Grund oder gab es andere Motive? Die Frage ist zur Stunde nicht geklärt. Rachel Morrison, Oscar-nominierte Chef-Kamerafrau von Filmen wie „Black Panther”, zeigte sich im Sender CNN erschüttert über das Ausmaß von „Pflichtvergessenheit”.
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