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Chronik Welt
12/31/2019

Puolanka, das pessimistischste Dorf Finnlands

Die abgelegene Ortschaft sieht in ihrer Trostlosigkeit ein Alleinstellungsmerkmal - und wirbt damit um Besucher.

von Jens Mattern

„Ein frohes neues Jahr“ – dies wünscht man sich nicht im finnischen Städtchen Puolanka. „Wir feiern hier ein Festival des Pessimismus’, das beginnt am ersten Januar und endet am 31. Dezember“ so Tommi Rajala, Vorsitzender der 2006 gegründeten „Pessimistenvereinigung“ gegenüber dem KURIER. Der Ort im nördlichen Zentralfinnland sei der am meisten pessimistische in ganz Finnland.

Wer sich ihm im verschneiten Kiefernwald nähert, wird durch große Schilder gewarnt „Bald kommt Puolanka – noch hast Du Zeit umzudrehen“. Eine seltsame Werbung mit ernsten Ursachen. Das erregt Aufmerksamkeit.

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Zu Beginn der Nuller Jahre lebten hier noch 3800 Menschen – doch abgelegene Ortschaften wie Puolanka schrumpfen, da die Forstwirtschaft und die Viehhaltung zu wenig Perspektive bieten. Heute sind 2600 Menschen übrig. Ein allgemein finnisches Problem – zwischen 2010 und 2017 zogen zehn Prozent der Landbevölkerung in die größeren Städte. Ganz Finnland hat auch mit der Überalterung zu kämpfen.

Auf der Webseite des Pessimistenvereins werden T-Shirts, Sticker, Taschen und andere Gadgets verkauft, die den Pessimismus-Charakter des Ortes bewerben. Finanziert wird dies von der Ortschaft sowie von der EU. Die Bewohner organisierten ein Pessimismus-Musik-Festival, die lokale Band, angeführt von der 60-jährigen Krankenschwester Riitta Nykänen mit dem Namen, die „Trauma-Gruppe“ wirkt mit.

Mutter und Sohn tindern

Auf Youtube berichten die Bewohner von ihren Missgeschicken, wie ein Zwanzigjähriger, der bei Rendezvous-Anläufen auf Tinder allein seine Mutter antrifft.

Bürgermeister Peltola Iltalehti sieht hingegen Risiken bei all dem offiziellen Pessimismus: „Es könnte so weit gehen, dass die Leute über diese Art von Aufmerksamkeit nur depressiver werden“, zitiert ihn Finnlands größte Zeitung Helsingin Sanomat.

Einige Bewohner sehen durch die Aktionen des Vereins die Reputation des Ortes in Gefahr, gesteht auch Rajala, ein Mann mit Glatze und durchsichtiger Brille, der während des Gesprächs auch mal lacht, was nach Vereinssatzung verboten ist. Rajala entgegne dann den Kritikern – „welche Reputation?“. Puolanka würde doch sonst niemand kennen.

„Finnische Orte mit frischer Luft und schönen Wäldern gibt es genug, wir haben nun ein Alleinstellungsmerkmal“ so der Software-Experte und Videofilmer Rajala, der seit vier Jahren wieder im Ort seiner Kindheit lebt.

Der 41-Jährige ist davon überzeugt, dass Pessimisten glücklicher seien als Optimisten. Denn Erstere gehen immer vom Scheitern aus und seien dann froh, wenn etwas gut gehe. Optimisten gehen vom Gelingen aus und könnten sich nicht mehr darüber freuen, wenn alles läuft, fühlten sich jedoch beim Scheitern enttäuscht.

Ein Pessimist könne jedoch nie enttäuscht sein. Ob gerade darum Finnland wieder als „glücklichstes Land der Welt“ dieses Jahr bei den Vereinten Nationen gekürt wurde, sei dahin gestellt.

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