Virus an Bord: Die Odyssee der MV Hondius
Es war keine gewöhnliche Kreuzfahrt. Sie führte nicht in die sonnige Karibik, sondern in die eisige Antarktis, und sie war auch außergewöhnlich teuer: Mehr als 16.000 Euro kostete ein Ticket. Die MV Hondius – benannt nach Jodocus Hondius, einem flämischen Kartografen aus dem 17. Jahrhundert – ist ein Schiff der Polarklasse 6, was bedeutet, dass es bis zu 70 Zentimeter dickes Packeis durchbrechen kann.
Es ist auch keiner dieser hochhausgroßen Ozeanriesen mit mehreren Tausend Kabinenplätzen. Auf der MV Hondius (die unter niederländischer Flagge fährt) haben maximal 176 Passagiere Platz; derzeit sind, inklusive Besatzung, knapp 150 Menschen an Bord.
Drei Teilnehmer der Kreuzfahrt, die am 1. April im argentinischen Ushuaia (Feuerland) begonnen hatte, sind inzwischen tot. Todesursache: das Andes-Virus aus der Gruppe der Hantaviren. Dieses kommt in Chile und Argentinien vor und kann auch von Mensch zu Mensch übertragen werden.
Risiko für Pandemie gering
Das Risiko, dass sich daraus eine Pandemie entwickelt, wird von Experten allerdings als gering angesehen. „Soweit wir das Virus kennen, ist die Übertragung von Mensch zu Mensch nicht so leicht möglich wie bei Covid oder der Grippe“, erklärt Britta Lassmann, Infektiologin am Center on Emerging Infectious Diseases der Boston University. Sie arbeitet mit einem digitalen Epidemie-Frühwarnsystem auf KI-Basis.
Bricht irgendwo auf der Welt eine Viruserkrankung aus, zählt jede Stunde. Täglich gehen 400 bis 1.000 Signale in das digitale Epidemie-Frühwarnsystem BEACON ein. „Sie können potenzielle Zeichen einer Infektionskrankheit oder eines frühen Ausbruchs sein“, sagt Infektionslogin Britta Lassmann. Sie ist BEACON’s Edior-in-Chief. „Wir nutzen verschiedene KI-Modelle, die uns helfen, die Signale zu priorisieren und zu analysieren.“ Täglich leitet sie fünf bis zehn Analysen an die Behörden weiter. Nicht mehr, nicht weniger.
Derzeit laufen Untersuchungen, ob sich die Übertragbarkeit verändert hat. „Ergebnisse werden bis nächste Woche erwartet. Dann ist eine vollständige Risikobewertung möglich.“ Auch für Lassmann ist der Fall aber ungewöhnlich – und komplex.
Der erste Tote war ein betagter Niederländer, der am 11. April an Bord verstorben ist. Am 24. April steuerte die MV Hondius die Atlantikinsel St. Helena an (dorthin war einst Napoleon verbannt worden), wo die Leiche an Land gebracht wurde. Die ebenfalls infizierte Ehefrau des Verstorbenen wurde von St. Helena in eine Klinik nach Johannesburg geflogen, wo sie verstarb.
Die WHO sucht inzwischen nach den 82 Fluggästen, die mit der Niederländerin an Bord waren; sie könnten sich während des Fluges infiziert haben. Auch nach weiteren Passagieren, die auf St. Helena von Bord gingen, wird gesucht.
Das dritte Todesopfer ist eine am 2. Mai gestorbene Deutsche. Eine Kontaktperson, die sich vermutlich angesteckt hat, wurde am Mittwoch ausgeflogen und – von Einsatzkräften in Schutzkleidung – in die Universitätsklinik im deutschen Düsseldorf gebracht. Gleichzeitig wurden zwei Crewmitglieder (darunter der Schiffsarzt) evakuiert, sie befinden sich in einem Amsterdamer Spital. Weitere infizierte Passagiere sind in Johannesburg und Zürich in Behandlung.
Die Kreuzfahrt begann am 1. April im argentinischen Ushuaia (Feuerland). Auf St. Helena sind etliche Passagiere ausgestiegen, eine Erkrankte wurde nach Johannesburg geflogen, wo sie verstarb. Derzeit nimmt die MV Hondius Kurs auf Teneriffa.
Entwarnung gab es bei einer KLM-Stewardess, die Symptome gezeigt hatte. Sie wurde inzwischen negativ getestet und aus der Klinik entlassen. Die kurz darauf verstorbene niederländische Passagierin sollte ursprünglich nicht nach Johannesburg, sondern nach Amsterdam geflogen werden und war auch schon kurz in der Maschine, als die Crew beschloss, sie doch nicht mitreisen zu lassen. In diesem Flieger war die Stewardess im Dienst.
Das Pestschiff
Tagelang ankerte das Schiff vor der Insel Kap Verde, wo die Behörden keine Landeerlaubnis erteilten. Die Situation erinnert an frühere Zeiten, als Schiffe nicht einlaufen durften.
Der US-amerikanische Reiseblogger Jake Rosmarin, der an Bord der MV Hondius ist, meldete sich via Videobotschaft zu Wort: „Was hier gerade passiert, ist für uns alle sehr real“, sagt er da. „Wir sind nicht nur eine Geschichte. Wir sind nicht nur Schlagzeilen. Wir sind Menschen. Menschen mit Familien, mit einem eigenen Leben, mit Leuten, die zu Hause auf uns warten.“
Nachdem die Gefahr nach dem ersten Todesfall an Bord noch nicht besonders ernst genommen wurde, wie ein anderer Blogger berichtete, sind laut Rosmarin inzwischen Social Distancing und Maskenzwang angesagt. Das Essen wird den Passagieren in die Kabine serviert, der Zugang zu den Außendecks ist gestattet. „Alles, was wir gerade wollen, ist, uns sicher zu fühlen, Klarheit zu haben und nach Hause zu kommen.“
45 Tage Isolation
Derzeit nimmt das Schiff Kurs auf Teneriffa, wo es am Sonntag erwartet wird. Die spanischen Behörden haben versichert, die Passagiere „in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht und im humanitären Geist“ willkommen zu heißen. Infizierte sollen in einer Klinik aufgenommen, die anderen zur Beobachtung in Hotels untergebracht werden.
Das britische Außenministerium hat einen kostenlosen Rückführungsflug für britische Passagiere und Besatzungsmitglieder organisiert. Die Betroffenen müssen sich danach 45 Tage lang in Isolation begeben und von den Behörden testen und überwachen lassen.
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