Hantavirus auf Kreuzfahrtschiff: 15 Fragen, die jetzt wichtig sind
Auf dem Expeditionsschiff „MV Hondius“ ist es zu einem seltenen Hantavirus-Ausbruch gekommen. Mehrere Menschen erkrankten schwer, drei starben. Das Schiff war am 1. April in Südargentinien gestartet. Nach aktuellem Stand soll es am Sonntag, 10. Mai, vor Teneriffa eintreffen und nicht regulär in einem Passagierhafen anlegen, sondern im Bereich des Hafens von Granadilla im Süden der Insel gesichert abgefertigt werden.
Die Passagiere sollen anschließend unter Schutzvorkehrungen per Boot an Land gebracht und direkt weitertransportiert werden. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO wurden bisher acht Erkrankungen mit dem Ausbruch in Verbindung gebracht, fünf davon waren laborbestätigt.
Nachgewiesen wurde das sogenannte Andes-Virus, eine südamerikanische Hantavirus-Variante. Sie kann schwer verlaufen – verhält sich aber nicht wie das Coronavirus. Was man jetzt wissen muss.
1. Warum sorgt der Ausbruch international für Aufmerksamkeit?
Hantavirus-Erkrankungen sind an sich nicht neu. Ungewöhnlich ist aber die Kombination: ein Ausbruch auf einem Schiff, internationale Passagiere, mehrere Todesfälle und der Nachweis des Andes-Virus. Diese Variante kommt in Südamerika vor und kann – anders als die in Europa üblichen Hantaviren – in seltenen Fällen auch von Mensch zu Mensch weitergegeben werden. Genau deshalb verfolgen WHO, ECDC und nationale Gesundheitsbehörden den Fall eng.
2. Was sind Hantaviren?
Hantaviren sind eine Gruppe von Viren, die vor allem in Nagetieren vorkommen. Je nach Region zirkulieren unterschiedliche Varianten. Manche verursachen eher Erkrankungen mit Nierenbeteiligung, andere können vor allem die Lunge schwer angreifen. Der Name geht laut RKI (Robert-Koch-Institut) auf den Fluss Hantan in Korea zurück, nachdem während des Koreakrieges viele Soldaten an einer schweren fieberhaften Erkrankung erkrankt waren.
3. Wie steckt man sich normalerweise an?
Meist erfolgt die Ansteckung nicht von Mensch zu Mensch, sondern über infizierte Nagetiere. Diese scheiden das Virus über Speichel, Urin oder Kot aus. Gefährlich wird es vor allem, wenn kontaminierter Staub aufgewirbelt und eingeatmet wird – etwa beim Reinigen von Kellern, Dachböden, Scheunen, Gartenhäusern oder Berghütten. Auch direkter Kontakt mit Ausscheidungen oder Bisse können eine Rolle spielen.
4. Was ist das Andes-Virus?
Das Andes-Virus gehört zu den Hantaviren und kommt in Südamerika vor. Es kann das sogenannte Hantavirus-Lungensyndrom auslösen, eine schwere Erkrankung, bei der sich der Zustand innerhalb weniger Tage massiv verschlechtern kann. Die Sterblichkeit ist bei schweren Andes-Virus-Erkrankungen deutlich höher als bei den in Mitteleuropa üblichen Hantavirus-Infektionen.
5. Kann das Andes-Virus von Mensch zu Mensch übertragen werden?
Ja, aber nach bisherigem Wissen selten. Beschrieben sind Übertragungen vor allem bei engem, längerem Kontakt, etwa innerhalb von Familien, bei der Pflege oder sehr nahen Kontakten. Fachleute gehen nicht davon aus, dass sich das Virus über flüchtige Alltagskontakte so effizient verbreitet wie Grippe- oder Coronaviren. Das ist der entscheidende Punkt für die Risikoeinschätzung.
6. Ist das der Beginn einer neuen Pandemie?
Nach derzeitiger Einschätzung: nein. Die WHO spricht von einer ernsten Situation, bewertet das Risiko für die öffentliche Gesundheit aber als gering, auch das ECDC (Europäisches Zentrum für Krankheitskontrolle und -prävention) hält das Risiko für die Allgemeinbevölkerung in Europa für sehr gering. Der Grund: Hantaviren verbreiten sich normalerweise nicht leicht zwischen Menschen. Beim Andes-Virus ist eine Weitergabe zwar möglich, aber nicht in der Dynamik, die man von SARS-CoV-2 kennt.
7. Warum werden trotzdem weitere Fälle erwartet?
Die Inkubationszeit ist relativ lang. Zwischen einer Ansteckung und ersten Symptomen liegen meist zwei bis vier Wochen, in Einzelfällen auch länger. Deshalb ist möglich, dass bei Menschen, die Kontakt zu Erkrankten hatten oder gemeinsam exponiert waren, in den kommenden Tagen oder Wochen noch Symptome auftreten. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass sich daraus eine größere Welle entwickelt.
8. Welche Symptome treten auf?
Zu Beginn wirkt die Erkrankung oft wie ein schwerer grippaler Infekt: Fieber, starke Kopf-, Muskel- und Rückenschmerzen, ausgeprägtes Krankheitsgefühl, Schwindel, Übelkeit oder Erbrechen. Bei schweren Verläufen kommen nach einigen Tagen Husten und Atemnot hinzu. Beim Andes-Virus kann sich Flüssigkeit in der Lunge sammeln, im schlimmsten Fall kommt es zu einem schweren Versagen der Lungen- und Kreislauffunktion.
9. Wie tödlich ist das Hantavirus?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten, weil es viele Hantavirus-Varianten gibt. Die in Mitteleuropa häufigeren Varianten verlaufen meist milder und betreffen vor allem die Nieren; Todesfälle sind selten. Beim südamerikanischen Andes-Virus ist das anders: Bei schweren Erkrankungen werden Sterblichkeitsraten von etwa 30 bis 40 Prozent beschrieben. Entscheidend sind aber immer die konkrete Virusvariante, Vorerkrankungen, Alter und die rasche intensivmedizinische Versorgung.
10. Was weiß man aus früheren Ausbrüchen?
Ein wichtiger Vergleich ist ein Ausbruch in der argentinischen Provinz Chubut in den Jahren 2018/2019. Damals wurden 34 bestätigte Andes-Virus-Infektionen und 11 Todesfälle beschrieben. Eine im New England Journal of Medicine veröffentlichte Analyse kam zu dem Schluss, dass es dort zu Mensch-zu-Mensch-Übertragungen kam, wobei wenige symptomatische Personen eine zentrale Rolle spielten.
11. Gibt es eine Behandlung?
Eine etablierte gezielte antivirale Therapie gibt es nicht. Behandelt wird unterstützend und, wenn nötig, intensivmedizinisch: Überwachung, Sauerstoffgabe, Kreislaufstabilisierung, Beatmung und Behandlung von Organversagen. Entscheidend ist, schwere Verläufe früh zu erkennen und Erkrankte rasch in geeignete medizinische Betreuung zu bringen.
12. Gibt es eine Impfung?
Für die aktuelle Situation steht keine allgemein verfügbare Impfung zur Verfügung. Die Vorbeugung besteht daher vor allem aus Expositionsvermeidung, rascher Diagnose, Isolation Erkrankter, Kontaktverfolgung und medizinischer Überwachung von Risikokontakten.
13. Kann sich das Andes-Virus in Europa dauerhaft ausbreiten?
Das gilt derzeit als unwahrscheinlich. Der wichtigste Grund: Die natürlichen Nagetier-Wirte des Andes-Virus kommen in Europa nicht vor. Ohne passenden Tierwirt ist eine dauerhafte Verbreitung deutlich erschwert. Einzelne eingeschleppte Fälle oder begrenzte Infektionsketten können nicht ausgeschlossen werden, eine breite Ausbreitung in der Bevölkerung wird derzeit aber nicht erwartet.
14. Welche Hantaviren sind in Österreich relevant?
In Österreich spielt vor allem das Puumala-Virus eine Rolle, das mit der Rötelmaus verbunden ist. Infektionen treten typischerweise dort auf, wo Menschen mit Mäusekot, Urin oder aufgewirbeltem Staub in Kontakt kommen. Diese Infektionen können unangenehm und mit Nierenbeteiligung verbunden sein, verlaufen aber meist deutlich weniger gefährlich als schwere Andes-Virus-Erkrankungen.
15. Wie kann man sich schützen?
Wer Räume reinigt, in denen Nager gewesen sein könnten, sollte zuerst gut lüften und Staub nicht trocken aufwirbeln. Sinnvoll sind Handschuhe, feuchtes Reinigen und bei starker Staubentwicklung eine FFP2-Maske. Tote Mäuse sollten nicht mit bloßen Händen angegriffen werden. Wer nach möglichem Kontakt mit Nagetierausscheidungen hohes Fieber, starke Rücken- oder Flankenschmerzen, Atemnot oder ein schweres Krankheitsgefühl entwickelt, sollte ärztlich abklären lassen, ob eine Hantavirus-Infektion infrage kommt.
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