Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Tote auf Kreuzfahrtschiff: Wie gefährlich ist das Hantavirus?

Es dürfte sich auf dem Kreuzfahrtschiff um eine lebensbedrohliche Variante handeln, die schwere Lungenerkrankungen auslösen kann.
Das Kreuzfahrtschiff "MV Hondius" im Meer.

Mindestens drei Menschen sind laut Weltgesundheitsorganisation WHO auf einem kleinen Kreuzfahrtschiff im Atlantik gestorben, mutmaßlich nach einer Infektion mit dem Hantavirus - der KURIER berichtete. Weitere drei Personen seien infiziert, wovon eine in Südafrika auf einer Intensivstation betreut werde. In einem Fall wurde das Virus in einem Labor nachgewiesen, die weiteren Infektionen gelten als Verdachtsfälle. Eine detaillierte Untersuchung sei im Gange. 

Laut Berichten ist das Schiff „MV Hondius“ von Ushuaia im Süden Argentiniens aufgebrochen und befand sich zuletzt vor seinem Zielhafen Praia, der Hauptstadt von Kap Verde. 170 Passagiere haben an Bord Platz, zudem etwa 70 Besatzungsmitglieder. Der KURIER beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was ist das Hantavirus? 

Das Hantavirus umfasst eine Gruppe von Viren, die hauptsächlich von Nagern (z. B. Mäusen) getragen werden. Noch ist wenig über die Virusvariante der Betroffenen bekannt, wahrscheinlich ist aber, dass es sich um das Andes-Virus aus der Gruppe der Hantaviren handelt. Das Andes-Virus kommt in Europa nicht vor, allerdings in Südamerika, von wo aus das Kreuzfahrtschiff startete. "Die Patienten am Kreuzfahrtschiff dürften möglicherweise bereits an Land von einer Reisratte infiziert worden sein, die nicht in Europa vorkommt. Das häufigstes Hantavirus in Österreich ist das Puumala-Virus, das von der Rötelmaus übertragen wird", sagt Marton Szell, Facharzt für Infektiologie und Tropenmedizin von der Tropenordination in Wien Mitte. 

Wie steckt man sich an?

Übertragen werden Hantaviren durch das Einatmen von Staub, der mit Ausscheidungen infizierter Nager, also Urin, Kot oder Speichel, verunreinigt ist. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch kommt bei der europäischen Variante nicht vor, bei der Andes-Variante ist dies möglich. „Das Andes-Virus ist das einzige Hantavirus, das von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. In In Lateinamerika gibt es mit dem Andes Virus immer wieder kleine Ausbrüche. Meistens erkranken nahe Angehörige, wo direkter Speichelkontakt vorkommt. Es müssen also sehr nahe Verbindungen sein, anders als bei COVID-19“, so Szell. Weiters interessant: Das Andes-Virus kann nur am Anfang der Erkrankung übertragen werden. „Sobald die Betroffenen schwer krank sind, ist es nicht mehr übertragbar, vermutlich weil sie dann schwer ein- und ausatmen können, im Bett liegen und auch keine sozialen Kontakte haben“, sagt der Experte. „Da die Inkubationszeit 2 bis 3 Wochen beträgt, könnte es sein, dass auf dem Schiff noch Leute krank werden“, so Szell. Somit sollten alle Kontaktpersonen isoliert und beobachtet werden. 

Welche Symptome treten auf? Wie verläuft die Erkrankung?

Die Inkubationszeit, also die Zeit bis es zu ersten Symptomen kommt, kann zwei bis drei Wochen dauern. Das Andes-Virus kann das Hantavirus-Lungen-Syndrom (HPS) auslösen: Zunächst kommt es zu grippeähnlichen Symptomen wie plötzlich hohem Fieber, starken Kopf-, Muskel- und Rückenschmerzen und einem ausgeprägten Krankheitsgefühl. Auch Magen-Darm-Beschwerden können auftreten. Später sind schwere Atemnot, Flüssigkeit in der Lunge sowie eine rasche Verschlechterung innerhalb weniger Tage typisch. Die Sterblichkeit ist deutlich höher als bei europäischen Hantaviren. Bei etwa 30 bis 40 Prozent der Infektionen verläuft die Erkrankung tödlich. „Das liegt daran, dass diese Variante eine schwere Lungenerkrankung auslösen kann, die letztlich zum Lungenversagen führt. Das europäische Puumala‑Virus kann hingegen die Nierenfunktion beeinträchtigen und im schlimmsten Fall zu Nierenversagen führen. Ein tödlicher Verlauf ist hier mit unter einem Prozent selten, da mit der Dialyse eine wirksame Behandlung zur Verfügung steht“, erklärt Szell. Schwere Verläufe treten vor allem bei älteren oder vorerkrankten Menschen auf. „In vielen Fällen bleibt eine Infektion jedoch mild oder sogar unbemerkt“, sagt Szell. Auch bei der europäischen Variante zeigen sich grippeähnliche Symptome.

Wie kann man die Infektion behandeln?

Eine spezifische antivirale Therapie gibt es nicht. "Es gibt lediglich intensivmedizinische Maßnahmen, aber nichts Etabliertes. Infizierte müssen isoliert werden. Auch eine Impfung ist in absehbarer Zeit nicht in Sicht: "In Lateinamerika handelt sich jährlich lediglich um ein paar Dutzend Fälle, außerdem gibt es unterschiedliche Varianten - da wird es schwierig sein, eine Impfung zu entwickeln. 

Wie kann man sich in Österreich infizieren?

"In Österreich ist das Hantavirus endemisch überall dort, wo Rötelmäuse sind", erklärt Szell. Typische Risikoumgebungen des Puumala-Virus seien Berghütten, Keller, Dachböden, Wochenendhäuser, Scheunen und Gartenhäuser, wo die Rötelmaus im Winter Unterschlupf sucht. Zu Infektionen kommt es meist nach der Reinigung im Frühjahr. Pro Jahr werden durchschnittlich 20 bis 40 Infektionen mit Hantaviren registriert. Ein erhöhtes Ansteckungsrisiko besteht nach sogenannten Mastjahren mit reichem Nahrungsangebot für die Rötelmaus. Häufig sind in Österreich Männer von einer Infektion betroffen, da es sich häufig um Jäger, Waldarbeiter und Förster handelt. Szell rät: "Vor dem Putzen ordentlich lüften und wenn man wirklich viel Staub aufwirbelt, eine FFP2-Maske tragen."

Tote Mäuse sind nicht ansteckend, sollten aber sicherheitshalber nur mit Handschuhen angegriffen werden. Zudem könnten Exkremente in der Nähe des Tieres zur Infektion führen. Auch beim Biss einer lebenden Rötelmaus kann das Virus übertragen werden. 

Kommentare