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Chronik Welt
04/07/2021

Floyd-Prozess stellt die US-Polizei vor eine Zerreißprobe

Im Verfahren um den Tod des Afroamerikaners stellen sich immer mehr Polizisten gegen ihren unter Mordanklage stehenden Ex-Kollegen.

von Dirk Hautkapp

Die Farbe ihrer Uniformen war namensgebend: Die „blaue Mauer“ bezeichnet den Umstand, dass ein Cop in den USA einem anderen Cop nicht in den Rücken fällt. Erst recht nicht, wenn es um die strafrechtliche Aufarbeitung von Missständen geht, die – wie im derzeit spektakulärsten Fall in den USA – mit jahrzehntelanger Haft für den Vertreter des staatlichen Gewaltmonopols enden kann.

Umso krasser ist die Realität: Nach acht Verhandlungstagen im Verfahren um den gewaltsamen Tod des hilflos auf dem Boden liegenden Afroamerikaners George Floyd, der im Mai 2020 in Minneapolis unter dem Knie von Officer Derek Chauvin seine letzten Atemzüge tat, lässt sich sagen: Die „blaue Mauer“ ist eingestürzt.

Rund ein halbes Dutzend hoher und höchster Ex-Arbeitskollegen hat dem mit drei verschiedenen Mord-Anklagen konfrontierten Chauvin in minutiösen Befragungen der Staatsanwälte in seltener Eindeutigkeit Versagen und Verstöße gegen polizeiliche Vorschriften attestiert.

Es fing an mit Sergeant David Pleoger, Führungsbeamter Chauvins am Tag von Floyds Tod. Sein Tenor: Ein Beamter kann sein Knie nur solange einsetzen, um eine Person in Schach zu halten, bis sie in Handschellen liegt – das war auch der rote Faden, an dem sich alle nach ihm einvernommenen Zeugen orientierten. Lieutenant Richard Zimmermann, der Chef der Mordkommission, stellte unmissverständlich klar, dass es keinerlei Notwendigkeit dafür gegeben habe, Floyd über neun Minuten lang zu fixieren, indem man ihm das Knie ins Genick drückt.

Weder Solidarität noch Verständnis

Null Solidarität oder gar Verständnis für Chauvins auf Handy-Videos festgehaltenen Auftritt vor einem Supermarkt, in dem Floyd mit einem gefälschten 20-Dollar-Schein aufgefallen war, zeigt der erste Polizist der Metropole im Bundesstaat Minnesota. Medaria Arradondo erklärte, Chauvin habe Floyd ohne Not auch dann noch malträtiert, als der nur 46 Jahre alt gewordene Schwarze in Handschellen auf dem Bauch lag und keinerlei Widerstand mehr leistete – eine Missachtung „unserer Ethik und Werte“.

Inspektorin Katie Blackwell, die Chauvin seit 20 Jahren kennt, betonte, dass die Polizei in Minneapolis Chauvins Knie-Einsatz weder lehrt noch befürwortet. Mehr noch: Arradondo deutete an, dass Chauvin sich auch unterlassene Hilfeleistung zu Schulden kommen ließ. Weil er Floyd, der mehrfach rief „Ich kann nicht atmen“, und dann bewusstlos wurde, Erste Hilfe verweigerte. Folge: Sanitäter sagten aus, dass Floyd beim Eintreffen der Rettungskräfte bereits tot gewesen sei. Bradford Langenfeld, der behandelnde Arzt im Spital, in das Floyd gebracht wurde, gab zu Protokoll, Herzstillstand ausgelöst durch Sauerstoffmangel oder Ersticken sei die wahrscheinlichste Todesursache gewesen.

Ins Gewicht fällt auch die Aussage des für Kriseninterventionsschulung zuständigen Beamten Ker Yang. Er legte dar, dass die Polizei in Minneapolis darin unterrichtet werde, wie man mit psychisch auffälligen oder unter dem Einfluss von Drogen stehenden Personen möglichst schonend umgeht. Danach hat Chauvin 2016 einen 40-stündigen Kurs absolviert, in dem Deeskalation eingeübt wurde. Zwei Jahre später folgte eine Unterweisung zur Gewaltanwendung, bei der der Schutz des Lebens als Ultima Ratio im Mittelpunkt gestanden sei, berichtete der dafür zuständige Polizist Johnny Mercil. Der aus Los Angeles angereiste Polizei-Sachverständige Jody Stiger nannte Chauvins Vorgehen schlicht „exzessiv“.

Chauvins Verteidiger Eric Nelson hält indes weiter an der These fest, dass nicht Chauvins Knie Floyds Tod verursacht habe – sondern eine Opioid-Überdosis, die sich der Verdächtige unmittelbar vor dem Polizeieinsatz in Pillenform verabreicht habe. Ein Urteil im Prozess wird Ende April erwartet. Sollte Chauvin freigesprochen werden, wird mit schweren Ausschreitungen gerechnet.

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