© Ballhaus Berlin

Chronik Welt
04/21/2020

Chef von Berliner Kult-Bar: "Auch Vermieter werden verzichten müssen"

Nach wochenlangem Stillstand öffneten in Deutschland am Montag die Geschäfte - für Lokale sind noch keine Lockerungen in Sicht. Der Betreiber einer der ältesten Bars in Berlin berichtet von seinen Sorgen.

von Sandra Lumetsberger

Die deutsche Hauptstadt hat schon so einiges mitgemacht: Kriege, eine Mauer durch die Stadt und jetzt ein Virus. An sonst belebten Orten stand das öffentliche Leben fast mehrere Wochen lang still. Da traten die ersten Lockerungen in Kraft: Läden bis 800 Quadratmeter duften wieder aufsperren, was die ersten Einkäufer gleich nutzten. Biergärten, Bars, Clubs, Cafés und Restaurants bleiben aber vorerst noch zu.

In der Stadt, die keine Sperrstunde kennt, macht sich das besonders am Abend bemerkbar, etwa an den Hotspots in Kreuzberg, Friedrichshain oder in Mitte. Dort, in der Chauseestraße, zur Gründerzeit als "Preußisch Feuerland" bekannt, reihten sich vor mehr als 100 Jahren Maschinenfabriken und Gießereien aneinander, schließlich auch Geschäfts- und Vergnügungslokale. 1905 eröffnete das Ballhaus Berlin, zunächst als Gasthaus und Kaffeegarten. In den 1920ern wurde dort drinnen wild geschwoft, in der Nachkriegszeit gab’s dann Paartanz und Damenwahl.

Christof Blaesius hat das Haus 2014 übernommen. Viel Liebe haben sie hineingesteckt, erklärt er am Telefon. "Man muss da schon ein bisschen verrückt sein." Der Lockdown hat sein Unternehmen unmittelbar getroffen, oder wir er es beschreibt: "Wir mussten alles auf null fahren." Alles, das wäre neben dem Ballhaus auch eine der ältesten Kneipen der Stadt, das "Alt Berlin", wo schon Bertolt Brecht und später Quentin Tarantino, Brad Pitt und Joschka Fischer einen tranken. Auch ein Hostel, das viele internationale Gäste frequentieren, gehört dazu. Nun musste der Berliner Unternehmer erst einmal für die 30 Festangestellten Kurzarbeit-Anträge stellen, mehrere geringfügig Beschäftigte kündigen.

"Alle hängen in der Schleife"

Der Faktor Zeit spielt eine große Rolle. "Alle hängen in der Schleife, niemand weiß, wie es weitergehen könnte, daher ist es schwierig, Liquiditätspläne aufzustellen. Die wenigen Reserven, die man hat, werden erstmal eingesetzt, um das dringendste abzufedern", sagt Blaesius. Wann Staatshilfen greifen, ist für ihn unklar: "Sie können sich vorstellen, dass man sich einer Flut an Anträgen gegenübersieht, die erstmal nicht nur inhaltlich geprüft, sondern auch vom Arbeitspensum an den entsprechenden Stellen abgearbeitet werden müssen."

Berlin hatte vor fast vier Wochen zwei Soforthilfe-Programme für Firmen aufgelegt, die wegen der Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus in ihrer Existenz bedroht sind. Betriebe können dabei etwa zinslose Kredite oder Zuschüsse erhalten – Kleine Firmen mit bis zu fünf Beschäftigten, Freiberufler und Solo-Selbstständige bis zu 5.000 Euro und an zehn Mitarbeitern bis zu 15.000 Euro. Das Interesse war so groß, dass unter dem Andrang der Online-Antragsteller die Server der Investitionsbank Berlin (IBB) zusammenbrachen.

Für Blasesius würde die Soforthilfe seiner Eventagentur nützen, wo zwei Personen beschäftigt sind, die Aufnahme eines Kredits bei der staatlichen KfW-Bank sieht er hingegen kritisch: Selbst, wenn er genehmigt würde, löse er das Problem nicht. Man habe aktuell null Umsatz, aber laufend und hängt an Mietverträgen. "Die Szene wird nicht überleben können, wenn die Last nicht auf verschiedenen Schultern getragen wird. Es wird darauf hinauslaufen, dass auch Vermieter oder Immobilien-Eigentümer verzichten müssen", sagt Blaesius.

Die Probleme: Laufende Mieten und Pachten

So geht es auch vielen anderen Hotel- und Gastronomiebetrieben im Land. Zwar dürfen Cafes und Restaurants in vielen Bundesländern nach außen liefern, aber für viele rentiert sich das nicht. In München hat die Initiative "Save Our Local Gastro" (SOLG) eine Umfrage unter mehr als 250 Münchner Gaststätten, Restaurants, Bars, Hotels und Clubs gestartet. 31,4 Prozent der dort Befragten bieten zwar die Abholung von Speisen und Getränken an, aber für mehr als vier Fünftel reicht das nicht – vor allem mit Blick auf Miete und Pacht. 75,9 Prozent der Gastro-Betriebe gaben an, es würde das Überleben sichern, wenn ihnen diese während der Zeit der Schließung erlassen würde.

Wie in München gibt es auch in Berlin Initiativen, die den Lokalbetreibern helfen wollen: Durch den Kauf von Gutscheinen, die später konsumiert werden können (sollte das Unternehmen nicht vorher in Insolvenz gehen) oder Spendenaufrufe via Internet.

Auch Christof Blaesius bekommt viel Zuspruch und Solidaritätsbekundungen zu hören, aber so etwas sie Spenden, könne man nicht erwarten, findet er. "Das ist löblich und toll, aber bei einem mittleren Betrieb kann man sich ausrechnen, wie weit man damit kommt." Dennoch versucht er positiv zu bleiben: "Wie Sie hören, bin ich nicht in Panik oder ähnlichem, aber wir machen uns Gedanken für die Zeit danach und sind zumindest zuversichtlich, dass wir es schaffen können."

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