Provisorisches Krematorium in Neu Delhi

© APA/AFP/PRAKASH SINGH

Chronik Welt
04/28/2021

Corona-Hölle Indien: "Rund um die Menschen ist der Tod"

Angesichts Hunderttausender Neuinfektionen am Tag gibt es in vielen Spitälern keine Betten und Medikamente mehr. Das hat mehrere Gründe.

von Irene Thierjung, Karoline Krause-Sandner

Es sind albtraumhafte Bilder, die dieser Tage aus Indien kommen: inmitten von Siedlungen, auf Parkplätzen und in Grünanlagen, brennen Dutzende Scheiterhaufen, einer neben dem anderen. Männer in Schutzanzügen bereiten in Tücher gehüllte Tote für die Verbrennung vor; Angehörige kollabieren aus Trauer und Wut über den Tod ihrer Lieben.

Indien befindet sich in einer beispiellosen Corona-Krise, seit einer Woche werden täglich mehr als 300.000 Neuinfektionen gemeldet. Am Mittwoch waren es 360.960 – der bisher höchste Wert.

Das unterfinanzierte indische Gesundheitssystem, das abgesehen von einigen Privatkliniken in den Städten bereits vor Beginn der Pandemie massiv zu kämpfen hatte, steht vor dem Kollaps.

Sauerstoff auf dem Schwarzmarkt

„Die Krankenhäuser sind überfüllt“, sagt Franklin Jones, Leiter der Nothilfe von World Vision in Indien, das unter anderem Spitäler mit Betten und medizinischer Ausrüstung unterstützt. Jones lebt in Chennai, einer Stadt mit mehr als sieben Millionen Einwohnern im Süden des Landes, und erlebt die Krise dort aus nächster Nähe mit: „Es gibt absolut keine freien Betten mehr.“

Ein Befund, der mittlerweile für viele indische Regionen gilt, sowohl für öffentliche als auch private Spitäler. Selbst mit viel Geld erhalte man keine Aufnahme mehr, berichtet Peter Rimmele vom Büro der deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung in Neu Delhi im KURIER Daily-Podcast.

Doch es mangelt nicht nur an Betten, sondern auch an Medikamenten und vor allem Sauerstoff. In den Medien häufen sich die Berichte verzweifelter Angehöriger, die von Ärzten gebeten wurden, selbst Dosen des antiviralen Mittels Remdesivir oder Kartuschen mit Sauerstoff zu besorgen. Meist bleibt dafür nur der Schwarzmarkt, wo horrende Preise verlangt werden.

Selbst wenn die indische Armee nun ihre Sauerstoffreserven angezapft hat und internationale Hilfe anrollt, rechnen Experten mit einer Besserung der Lage frühestens Mitte Mai.

Seit Beginn der Pandemie gab es im 1,3 Milliarden-Einwohner-Land offiziell 18 Millionen Infektionen und 200.000 Todesopfer – die Dunkelziffer dürfte in beiden Fällen weit höher sein. In Indien wird immer noch unzureichend getestet und als Corona-Toter zählt nur, wer wegen seiner Infektion im Spital behandelt wurde. Menschen, die darauf keine Chance hatten und zuhause starben, werden nicht registriert.

Dass es mehr Corona-Tote gebe als gemeldet, sieht man laut dem Experten Rimmele auch an den festgestellten Verbrennungen im Vergleich zu den offiziellen Todeszahlen. „Rund um die Menschen ist der Tod“, fasst Franklin Jones die Lage zusammen.

Coronakrise in Indien

Vielerorts gibt es keine freien Spitalsbetten mehr. Erkrankte werden notdürftig vor den Krankenhäusern in ihren Autos versorgt...

...oder hoffen auf dem Boden auf eine Behandlung

Ein Mann hilft seiner Frau mit Sauerstoff

Sauerstoff ist inzwischen ein rares Gut. Diese Covid-Kranken hatten Glück...

...ihnen wurde auf dem Gelände eines Sikh-Tempels geholfen

Oft müssen sich Angehörige selbst um Sauerstoff kümmern

Der Schwarzmarkt boomt, ebenso wie der für...

...antivirale Medikamente

Eilig werden Behelfs-Krankenhäuser errichtet, aber auch...

...provisorische Krematorien

Dass die Lage so dramatisch werden konnte, hat mehrere Gründe. Einer ist die starke Verbreitung einer im Jänner aufgetauchten Doppelmutation. „Die Krankheit verbreitet sich dadurch viel schneller“, ist Jones überzeugt. In der aktuellen Welle würden Infizierte anders als früher stets ihre ganze Familie anstecken.

Soziale Distanz ist unmöglich

Das ist auch bedingt durch den zweiten Grund für die hohen Infektionszahlen: die Lebensumstände von Hunderten Millionen Indern. Familien leben auf engem Raum zusammen, Junge und Alte, Gesunde und Kranke.

In Slums ist soziale Distanz unmöglich; ebenso Home-Office. Wer seinen Lebensunterhalt als Taglöhner, Landarbeiter oder Teeverkäufer verdient, muss sein Zuhause notgedrungen verlassen.

Zwar gab und gibt es in Indien auch Lockdowns. Doch wie auch im Rest der Welt war in den vergangenen Monaten eine große Corona-Müdigkeit zu spüren, befördert von Premier Narendra Modi, der den Kampf gegen Corona kurz vor Ausbruch der aktuellen Krise für beendet erklärt hatte.

Auf Wahlveranstaltungen seiner Partei, bei Cricketspielen und beim noch bis Freitag dauernden hinduistischen Fest Kumbh Mela tummelten sich Tausende bis Hunderttausende Menschen – und trugen das Virus in alle Landesteile weiter.

Impf-Wettlauf gegen die Zeit

Gegen das Coronavirus geimpft sind bisher knapp 10 Prozent der Einwohner, die meisten erhielten allerdings erst eine Dosis des Vakzins.

Das Land ist einer der weltweit größten Pharma-Hersteller, exportierte den Großteil der Vakzine aber bisher entsprechend internationaler Verträge. Nun will man das Impfprogramm deutlich intensivieren: Seit Mittwoch können sich alle Inder über 18 Jahren für einen Termin anmelden. Die Frage ist nur, wann es den nötigen Impfstoff dafür geben wird.

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