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Chronik Welt
02/18/2021

Corona auf den Philippinen: "Wenn jemand Ärger macht, erschießt sie"

Die Philippinen erleben einen der längsten und härtesten Lockdowns der Welt. Die Behörden sind bei Durchsetzung der Maßnahmen nicht zimperlich.

Einen der längsten und härtesten Lockdowns der Welt erleben die Philippinen. Teile des ostasiatischen Inselstaats wie die Hauptstadtregion Metro Manila befinden sich seit fast einem Jahr unter Quarantäne.

Kinder, Jugendliche und Menschen ab 65 Jahren dürfen wegen der Corona-Pandemie seit Mitte März 2020 gar nicht außer Haus. Selbst vor der Eingangstür Luft zu schnappen, ist nicht erlaubt. Wer gegen die Corona-Auflagen verstößt, muss mit Haft oder Polizeigewalt rechnen.

"Wenn jemand Ärger macht, erschießt sie", hatte Präsident Rodrigo Duterte Polizei und Militär am 1. April angewiesen. Die philippinischen Behörden, die schon vor der Pandemie einen tödlichen Kampf gegen mutmaßliche Drogenhändler und Rebellen führten, setzen die Corona-Maßnahmen rigoros durch. Nach Polizeiangaben erfolgten allein im ersten Monat des Lockdowns - zwischen 17. März und 17. April 2020 - rund 30.000 Festnahmen.

"Die kompromisslose Haltung staatlicher Sicherheitskräfte zeigte sich immer wieder in unrechtmäßigen Inhaftierungen von Personen, die keine Maske trugen, nicht genug Abstand wahrten oder verdächtigt wurden, trotz Auflagen Produkte wie Masken zu verkaufen", erklärt das Philippinenbüro der Kölner Stiftung Asienhaus.

Kinder im Gefängnis

Der Covid-19-Lockdown werde vom Staat genutzt, um die Menschenrechte weiter einzuschränken. Die Duterte-Administration scheine "die Krise als ein politisches Gelegenheitsfenster zu betrachten, um autoritäre Ziele und institutionelle Umbauprozesse voranzutreiben", betont das Philippinenbüro in einem Bericht. So seien etwa Schlüsselpositionen der Pandemiebekämpfung wie die Coronakommission mit Generälen besetzt. Mitten in der Pandemie wurde zudem das umstrittene Antiterrorgesetz verabschiedet. Das Gesetz ermöglicht es, schon geringe Vergehen oder Straßenproteste als terroristische Handlung zu deklarieren.

Auch Minderjährige werden in Gefängnisse gesperrt. Kinder wurden zur Abschreckung in Hundekäfigen gesteckt und auf der Straße ausgestellt, wenn sie gegen die Ausgangsperre oder Quarantäneregeln verstießen, berichtet die Philippinen-Expertin Clara Handler, Projektreferentin der Dreikönigsaktion, im Gespräch mit der APA. "Für Kinder ist der lange Lockdown und das zu Hause bleiben seit nun fast einem Jahr besonders hart. Es gibt Kleinkinder, die noch nie in ihrem Leben an der frischen Luft waren." Insbesondere für arme Familien in beengten Verhältnissen ist es schlimm. Rund ein Drittel der Familien hat laut Statistikamt nur 10 bis 20 Quadratmeter zur Verfügung.

Die angespannte humanitäre Situation auf den Philippinen hat sich durch den Lockdown verschärft, die soziale Ungleichheit noch vergrößert. Rund die Hälfte der Bevölkerung bezeichnet sich in Studien der Social Weather Station (Soziale Wetterstation, SWS) als arm. Ein Rekord von 30 Prozent der Familien erleidet demnach Hunger, fast 30 Millionen Menschen verloren ihren Arbeitsplatz. Geschätzte fünf Millionen von insgesamt 28 Millionen Schülern brechen die Schule ab, weil sie mit den Distance-Learning-Anforderungen nicht Schritt halten können, erklärt die philippinische Menschenrechtsorganisation Philrights.

Oft gebe es nur ein Handy oder ein anderes Endgerät für eine mehrköpfige Familie, ergänzt Handler. Ohne Schule fallen viele ärmere Kinder auch um eine warme Mahlzeit um. Zudem steige die Gewalt physisch sowie auch virtuell. "Die sexuelle Ausbeutung von Kindern im Internet ist ein Riesenthema", sagt Handler, die auf den Philippinen Hilfsprojekte betreut.

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