Alexei Nawalny meldet sich via Instagram aus der Haft

© via REUTERS/@NAVALNY

Chronik Welt
03/20/2021

Botschaften an Putin aus dem „freundlichen KZ“

Während sich Kreml-Kritiker Alexej Nawalny aus dem Straflager IK2 meldet, bringen Verbündete neue Details ans Licht.

von Philipp Albrechtsberger

Das Haar kurz geschoren, der Blick angespannt – nur eines scheint sich der aktuell bekannteste Kreml-Kritiker Alexej Nawalny auch während seiner Haft behalten zu haben: seinen beißenden Galgenhumor. „Grüße an alle aus dem Sektor der besonderen Kontrolle A. Ich muss zugeben, dass mich das russische Gefängnissystem überrascht hat. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es möglich ist, ein echtes Konzentrationslager nur 100 Kilometer von Moskau entfernt, zu errichten“, ließ der 44-Jährige in dieser Woche über seinen Instagram-Kanal verlautbaren.

Trotz der drastischen Beschreibungen aus dem Straflager hat die Nachricht viele seiner Anhänger erleichtert aufatmen lassen.

In der Vorwoche war der Kontakt zu ihm auch für engste Vertraute abrupt abgerissen. Der Grund scheint nun klar: Nawalny, der eine mehrjährige Haftstrafe wegen Verstöße gegen Meldeauflagen verbüßt, wurde in eine neue Gefängnisanstalt verlegt. Dies bestätigen nicht nur Aussagen seiner Anwälte, sondern auch ein Brief des 235. Garnisonsgerichts in Moskau.

Der neue Aufenthaltsort hat es in sich. Nawalny, der vor seiner Verhaftung nur knapp einen Mordanschlag mit dem Nervengift Nowitschok überlebt hatte, wurde in das berüchtigte Straflager IK2 verlegt. Der Oppositionelle nennt es nach den ersten Tagen „unser freundliches Konzentrationslager“.

"Erziehung durch Entmenschlichung"

Denn physische Gewalt scheint nicht auf der Tagesordnung zu stehen, brutal ist für die Häftlinge vielmehr der Kontrollmechanismus. Kameras seien überall, schildert Nawalny, nachts werde er jede Stunde geweckt, auch der kleinste Verstoß werde zwar nicht gleich bestraft, aber notiert. „Erziehung durch Entmenschlichung“, sagt er.

Die weltweit rezitierten Botschaften aus IK2 werden Russlands Präsident Wladimir Putin, der jeglichen Zusammenhang mit Nawalnys Mordanschlag stets zurückgewiesen hat, kaum gefallen. Auch hinter Gittern versteht es der Oppositionelle, Politik zu betreiben.

Verbündete gibt es mittlerweile quer über das gesamte Land verteilt. Die von Nawalny und seinem Team aufwendig betriebenen Investigativrecherchen zu den Verfehlungen des russischen Präsidenten (Stichwort: Putins Palast) finden Fortsetzungen.

Putins milliardenteure Geheimresidenz an der Schwarzmeer-Küste zeigte Nawalny der Welt mittels Drohnenaufnahmen in all ihrer Pracht, nun förderte die Plattform Proekt weitere Details aus Russland dunklem Machtsystem ans Licht: Für die Errichtung von Luxusgästehäusern in der unmittelbaren Umgebung des Palastes wurde ein seit 1968 bestehendes Sommercamp für Kinder und Jugendliche dem Erdboden gleichgemacht.

Auch ein paar Kilometer weiter im Landesinneren soll es sich Putin nett eingerichtet haben. Recherchen der Tageszeitung Sobesednik zufolge steht auch das Luxusanwesen „Achipse Chalet“ in der Region rund um Krasnodar in Verbindung mit dem Staatschef. Zwar gehört die 3.800 Quadratmeter große Anlage offiziell dem Staatskonzern Gazprom, der russische Geheimdienst soll aber uneingeschränkten Zugang haben. Vor ungebetenen Gästen schützt ein hauseigenes Radar-Überwachungssystem. Drohnen-Flugverbot inklusive. Sicher ist sicher.

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