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Chronik Welt
03/12/2019

Boeing in der Krise: Flugverbot in ganz Europa, Anhörung in den USA

Der Hersteller verteidigt die 737-MAX8 vehement, doch nun droht ein monatelanges "Grounding".

von Dominik Schreiber

„Noch nie habe ich gesagt, es ist unsicher, mit einem speziellen Modell zu fliegen. Aber in diesem Fall muss ich das tun“, sagte der ehemalige Sicherheitschef der US-Luftfahrtbehörde FAA, David Soucie. Am Dienstagnachmittag kam es auch in Europa wenig später zum großen Grounding der Unglücksflieger. Nachdem China, Südkorea und sogar Australien zu derartig harten Maßnahmen griffen, zogen Großbritannien und wenig später auch Deutschland (für vorerst drei Monate) und Österreich mit einer Sperre des Luftraums für entsprechende Boeing-Maschinen nach. Am Abend erließ die Europäusche Luftfahrtbehörde schließlich ein europaweites Flugverbot für den Problemflieger, der Druck auf Boeing steigt damit weiter. Der Akteinkurs des US-Unternehmens gab deshalb erneut nach.

Flugzeuge umgeleitet

Viele Fluglinien bekamen es bereits nach der britischen Luftraumsperre am Dienstag zu Mittag mit der Angst zu tun. Sie fürchteten offenbar, dass ihre Maschinen nicht mehr zurückkehren könnten und teuer auf fremden Flughäfen für Wochen oder Monate geparkt werden müssen. Die Norwegian Airlines kündigte als erste via Twitter an, keine weiteren Flüge mehr durchzuführen. Wenig später drehten sechs Flüge der Turkish Airlines gegen 15:30 Uhr über Europa und Afrika ab und steuerten Istanbul an. Auch andere Jets verschiedener Airlines wurden so zurückbeordert.

Auch TUI-Fly stoppte seine Flüge, wurde gegen 15:40 Uhr bekannt gegeben. Die polnische LOT nahm Flüge mit MAX8 offenbar ebenfalls aus ihrem Flugprogramm und ersetzte sie kurzerhand durch Embraer-Flugzeuge.

Teilweise im Minutentakt folgten neueste Meldungen über freiwillige Groundings. Gegen 16:00 sperrte Deutschland aus Sicherheitsgründen seinen Luftraum für die MAX8. Österreich folgte um 16:30 Uhr gemeinsam mit Frankreich und Irland. Es ging Schlag auf Schlag.

Die isländische Landesfluglinie Iceland Air kündigte gegen 17 Uhr ebenfalls an, seine drei Maschinen vorerst auf dem Boden zu lassen. Um 17:20 Uhr folgten die Niederlande mit einem Flugverbot, wenig später Italien. Gegen 18 Uhr teilte Turkish Airlines via Pressemitteilung auch offiziell mit, dass alle MAX8-Flüge "bis auf weiteres" gestoppt werden. Um 18:30 schloss sich die Europäische Luftfahrtagentur EASA an und erteilte ein Grounding aller MAX8- und MAX9-Maschinen für ganz Europa, um 19 Uhr folgte Indien mit einer ähnlichen Ankündigung.

Am Dienstagabend haben sich auch Flugbegleiter in den USA bis zur Klärung der Ursache für ein Startverbot für baugleiche Maschinen ausgesprochen. Die Gewerkschaft APFA (Vereinigung der Professionellen Flugbegleiter), die die mehr als 27.000 Flugbegleiter von American Airlines vertritt, forderte den Chef der größten US-Fluggesellschaft am Dienstag dazu auf. Auch die Gewerkschaft der Transportarbeiter (TWU), in der unter anderem die Flugbegleiter von Southwest Airlines organisiert sind, verlangte ein Startverbot.

Boeing bleibt ungerührt

Alles deutete vorerst daraufhin, dass bald nur noch die USA die Flugzeuge weiterbetreiben werden. Obwohl auch dort immer mehr Politiker Konsequenzen fordern, stuft die US-Luftfahrtbehörde die MAX8 weiterhin als „flugtüchtig“ ein, und Boeing selbst verkündet, vollstes Vertrauen in die eigenen Flugzeuge zu haben. Allerdings könnte es bald auch eine Anhörung vor dem Senat geben, entsprechende Pläne wurden bereits vom Republikaner Ted Cruz geäußert.

Der US–Hersteller Boeing musste aber in der Nacht auf Dienstag erstmals Probleme mit der Software zugeben. Wie berichtet, ist das sogenannte MCAS-System im Visier. Dieses sorgt für die richtige Trimmung, also ob die Flugzeugnase zu hoch oder zu tief ist. Sowohl beim Lion-Air-Absturz in Indonesien als auch in Addis Abeba gibt es Hinweise, dass MCAS eingegriffen hat – und möglicherweise auch zum Absturz beigetragen hat.

 

Boeing sprach bisher aber nur von einem möglichen Softwareproblem in Indonesien. Der Flugzeugbauer habe deshalb ein verbessertes Kontrollprogramm entwickelt, um „ein bereits sicheres Flugzeug noch sicherer zu machen“, wie das Unternehmen erklärte. In den kommenden Wochen soll das Update in den Flugzeugen eingespielt werden.

20 Kilometer

Wie berichtet, gibt es auch beim Absturz in Addis Abeba Hinweise auf einen Fehler beim MCAS, allerdings wird derzeit auch geprüft, ob ein Vogelschlag den Sensor beschädigt hat. Da zwischen letzter bekannter Position und Absturzort rund 20 Kilometer liegen, ist vollkommen unklar, was dazwischen passiert ist. Darauf berufen sich jene Experten, die vor Schnellschüssen warnen.

Mehrere internationale Fachmedien bestätigten aber mittlerweile den KURIER-Bericht wonach der Pilot dem Tower Probleme bei der Geschwindigkeit gemeldet hat. Denn der Jet war beim letzten bekannten Punkt rund 300 km/h zu schnell. Inwieweit das MCAS-System hier eine Rolle gespielt hat, ist noch unklar. MCAS greift aber erst ab einer Höhe von etwa 400 Metern über dem Boden überhaupt ein, diese hatte der Jet gerade erreicht, als der Kontakt abbrach.

Über die Auswertung des Flugschreibers und des Voice-Rekorders ist noch nichts bekannt. Werden dort weitere Indizien gefunden, die auf Probleme des MCAS-Systems zurückzuführen sind, könnte es doch noch ein komplettes Grounding der Flotte geben. Derartige Forderungen gab es bereits nach dem Lion-Air-Absturz, wurden allerdings von Teilen des Luftfahrtindustrie als weit überzogen zurückgewiesen.

Ob es mit einer verstärkten Ausbildung von Boeing und neuen Handbüchern für die Piloten getan ist, werden die Untersuchungen zeigen. Bei der Lion-Air gibt es erst einen Zwischenbericht, im aktuellen Fall Ethopian Airlines sind noch sehr viele Fragen offen.

Rekordbilanz

Für Boeing hatte das Jahr eigentlich gut begonnen, in der Jahresbilanz war erstmals in der über 100 Jahre langen Geschichte ein Umsatz von mehr als 100 Milliarden Dollar erzielt worden. Am Dienstag wollte man den neuen 777x präsentieren, den Nachfolger des berühmten Jumbojets. Die Aktie legte in zwei Monaten fast 40 Prozent an Wert zu – davon ist nun ein Drittel bereits wieder weg.

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