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Chronik Welt
05/21/2020

Bestellt und nicht abgeholt: Leihmutter-Babys warten auf Eltern

Wegen der Corona-Reisebeschränkungen können Hunderte Paare weltweit ihre von Leihmüttern ausgetragenen Kinder nicht abholen.

von Irene Thierjung

21 erfolglose künstliche Befruchtungen, fünf Fehlgeburten – und der Kinderwunsch unverändert groß. Die Verzweiflung brachte Paula aus Bayern dazu, einen Schritt zu gehen, den sie sich früher nicht vorstellen konnte: Ihr zweites Kind von einer Leihmutter austragen zu lassen.

Seit 27. April ist Paula nun Mutter von Zwillingen, geboren in der Ukraine. Doch auf ein Happy End wartet die 45-Jährige, wie sie dem Spiegel erzählte: Wegen der aktuellen Reisebeschränkungen können sie, ihr Mann und der achtjährige Sohn die Babys nicht abholen.

Die Geschichte der Familie steht stellvertretend für die vieler Hundert anderer Familien weltweit. Nicht nur in der Ukraine ist Leihmutterschaft zu einem Wirtschaftszweig geworden, sondern auch in Indien, Südafrika, den USA oder in den letzten Jahren Griechenland.

Allein für den größten ukrainischen Anbieter, BioTexCom, brachten in den vergangenen zwei Monaten rund 60 Frauen Babys zur Welt. Die Zahl könnte bei einem anhaltenden Lockdown landesweit auf 1.000 anwachsen, warnte die Ombudsfrau für Menschenrechte im ukrainischen Parlament kürzlich.

In vielen Ländern illegal

BioTexCom betreut die Babys in einem firmeneigenen Hotel in Kiew. Krankenschwestern versorgen sie, elektrische Wippen ersetzen schaukelnde Kinderwagen. Die biologischen Eltern von 16 Säuglingen sind anwesend, sie haben es vor dem Lockdown noch ins Land geschafft.

Im "Hotel Venice" in Kiew warten bereits rund 60 Babys darauf, mit ihren Eltern ausreisen zu dürfen

Das Hotel gehört der Firma BioTexCom, nach eigenen Angaben die größte Vermittlungsagentur für Leihmutterschaften in der Ukraine

Krankenschwestern kümmern sich um die Neugeborenen,...

..die Bindung zu den Eltern ersetzt das aber nicht

Per YouTube-Video schlug der medienaffine BioTexCom-Chef Albert Totschilowskyj nun Alarm. Mit Bildern schreiender Babys in einem mit Bettchen vollgestellten Schlafsaal will er die Regierung in Kiew dazu bringen, die biologischen Eltern leichter ein- und mit ihren Kindern wieder ausreisen zu lassen.

Derzeit verlangt die Ukraine ein Schreiben des jeweiligen Außenministeriums, das beispielsweise die USA laut Totschilowskyj zügig ausstellen.

YouTube-Video von BioTexCom

In Paulas Fall hat Berlin eine solche "Verbalnote" unter Verweis auf die Illegalität von Leihmutterschaft in Deutschland verweigert. Dorther sowie aus der Schweiz und aus Österreich bezieht BioTexCom knapp ein Fünftel seiner Kunden. In Österreich ist Leihmutterschaft zwar wie in vielen EU-Ländern verboten, ein im Ausland ausgetragenes Baby kann aber als eigenes anerkannt werden.

Finanzielle und emotionale Probleme

Für die Eltern in spe ist das lange Warten auf ihre bereits geborenen Kinder ein Desaster – in vielerlei Hinsicht. Zu den mindestens 60.000 Euro, die sie für die Leihmutterschaft bezahlt haben (rund 15.000 erhält die Leihmutter etwa in der Ukraine) kommen die Kosten für die Versorgung der Kinder.

Und vor allem psychisch schlägt die Situation zu Buche: Eine Bindung zwischen Eltern und Kind aufzubauen ist durch Videotelefonate nicht möglich.

In den USA hat man nun sogar ein Tabu gebrochen: Um die Babys so gut wie möglich zu betreuen, kümmern sich neben Angestellten der Vermittlungsagenturen manche Leihmütter selbst um sie.

Als sie gefragt wurde, ob sie sich das vorstellen könne, habe sie gezögert, berichtet die 22-jährige Sierra Martin dem Guardian. Doch dann habe sie zugesagt, Steven nach dessen Geburt zu sich und ihren eigenen Kindern zu nehmen. Stevens Eltern, ein homosexuelles Paar aus China, ringt um eine Einreise in die USA.

Zu den praktischen Problemen für die Betreuerinnen der Babys – fehlende Papiere oder fehlende Krankenversicherung – kommen emotionale. "Ich liebe Steven", sagt Martin, "aber ich weiß, dass er zu seinen Eltern gehört."