Chronik
25.08.2017

Tschetschenen-Bande ausgehoben: Verbrechen auf Bestellung

Auf das Konto einer Tschetschenen-Bande sollen Brandstiftung, Schutzgelderpressung und Raub gehen. Der Innenminister will die asylberechtigten Verdächtigen abschieben.

Ein ohrenbetäubender Knall riss die Bewohner von Hollabrunn (NÖ ) im März aus dem Schlaf. In einer Pizzeria mitten im Stadtzentrum gab es mehrere Explosionen. Direkt über dem Lokal befanden sich Wohnungen. Nur durch Glück wurde niemand getötet oder verletzt.

Wie sich nun herausstellt, steckten hinter dieser Brandstiftung mafiöse Strukturen. Eine Tschetschenen-Bande soll den Brand gelegt haben – und zwar auf Auftrag. Der Betreiber des schlecht gehenden Lokals wollte laut Ermittlern die Versicherungssumme kassieren. 150.000 Euro soll er den Tschetschenen für die Brandstiftung bezahlt haben. Der Schaden belief sich auf 250.000 Euro.

Preislisten

Brandermittler des Landeskriminalamtes NÖ ( LKA) brachten den Fall damit ins Rollen. Rasch wurde die Verbindung zu einer ellenlangen Liste anderer Straftaten hergestellt. "Es gab sogar Preislisten für Auftragsdienste. Angeboten wurde fast alles", sagt Omar Haijawi-Pirchner, Leiter des Landeskriminalamtes NÖ.

Neun Tschetschenen wurden in Wien, St. Pölten und Krems verhaftet (ursprünglich war von acht Festnahmen die Rede, in der Nacht auf Freitag wurde ein weiterer Gesuchter im Bereich des Wiener Gürtels festgenommen, Anm.). Der Pizzeria-Betreiber wurde auf freiem Fuß angezeigt.

Bei den Hausdurchsuchungen wurden Waffen, Schuldscheine, Suchtgift, Bargeld in verschiedenen Währungen und sogar Polizeiuniformen gefunden.

Die Brandstiftung ist nur ein Delikt, das den Männern, allesamt anerkannte Flüchtlinge, zur Last gelegt wird. Laut Ermittlern gehen auch Schutzgeld-Erpressungen, Körperverletzungen, Raubdelikte und Waffengeschäfte auf ihr Konto.

Ins Visier gerieten sie auch nach einer Massenfestnahme von Tschetschenen auf der Donauinsel im vergangenen Februar. Rund 50 Männer hatten sich dort getroffen, um sich die Reviere aufzuteilen. 22 Personen wurden damals festgenommen, bei ihnen wurden auch mehrere Waffen gefunden. Rasch wurde klar: Hier handelt es sich um organisierte Kriminalität. "Sie wollten ein Parallelrecht aufbauen, die Gruppe war mafiös organisiert", sagt Franz Lang, Chef des Bundeskriminalamtes.

Die aktuell ausgeforschte Bande hatte ihr Revier in den Wiener Bezirken nördlich der Donau und in Niederösterreich. Sämtliche Festgenommene im Alter von 25 bis 37 Jahren haben laut Andreas Holzer, Leiter des Referats für Organisierte Kriminalität im Bundeskriminalamt "Kampferfahrung". Schutzgeld-Erpressung dürfte zum Standard-Repertoire der Männer gehört haben. "Das waren durchaus die härteren Burschen."

Einen ägyptischen Mediziner erleichterten sie um 40.000 Euro. Später musste ihnen der Arzt zu Diensten sein, wenn ein Bandenmitglied Stich- oder Schussverletzungen erlitten hatte. Zudem wurde er gezwungen, Schmerzmittel-Rezepte auszustellen. Die Medikamente wurden dann als Drogenersatz verkauft.

Auch Wettbüros, Friseure und Lokalbetreiber standen auf der Schutzgeld-Liste. Wiener Friseure mussten monatlich 1000 Euro zahlen um "beschützt" zu werden. Der Arm der Bande reichte bis nach Herzogenburg, wo ebenfalls ein Lokalbesitzer bedroht wurde.

Terrorverdacht

Der Fund einer vergrabenen Kalaschnikow-Maschinenpistole auf einem Feld im Raum Schwechat im vergangenen Frühjahr führte Verfassungsschützer zunächst ebenfalls in Richtung der Tschetschenen-Bande. Wie Friedrich Köhl von der Staatsanwaltschaft Korneuburg bestätigt, hatte sich ein Ungar der Polizei überraschend als Informant angeboten.

Der Mann hatte den Beamten eine hollywoodreife Geschichte aufgetischt und sie zu einem angeblichen Waffenlager von möglichen Terroristen geführt. Als Tatort-Spezialisten auf dem Acker bei Mannswörth tatsächlich eine Kalaschnikow ausgruben, läuteten beim Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung zunächst die Alarmglocken.

Der Fall entpuppte sich aber als ganz anders. Auf der Waffe wurde lediglich die DNA des Ungarn gefunden. Der Mann wurde in seiner Heimat bereits gesucht, weil er dort eine Haftstrafe zu verbüßen hat. Er versteckte die Waffe selbst, in der Hoffnung als Polizei-Informant Schutz in Österreich zu erlangen.

Das schwierige Erbe eines kleinen Volkes

Mit "großer Genugtuung" gab ÖVP-Innenminister Wolfgang Sobotka am Freitag den Ermittlungserfolg bekannt. Die verhafteten Tschetschenen waren allesamt anerkannte Flüchtlinge. Gegen sie wurden sofort Asylaberkennungsverfahren eingeleitet. "Für Tschetschenen gibt es wohl überhaupt keinen Grund für Asyl", sagte der Innenminister.

Tatsächlich gibt es in Österreich die größte tschetschenische Community in Europa. Rund 30.000 Tschetschenen sollen hier leben; genaue Zahlen gibt es nicht. Der Großteil der Tschetschenen lebt in Wien, hier wird ihre Zahl auf 15.000 Personen geschätzt.

Und noch immer sind sie in der Asylstatistik auf den vorderen Plätzen. Mit Ende Juli hatten in diesem Jahr 821 Personen aus der Russischen Föderation (darunter fallen auch Menschen aus Tschetschenien) Antrag auf Asyl gestellt. Nur Syrer, Afghanen und Nigerianer haben mehr Asylanträge gestellt.

Die Anerkennungsquote bei Tschetschenen ist vergleichsweise gering, beläuft sich auf rund ein Drittel. Heuer wurden 344 Anträge positiv beurteilt, bei 519 gab es eine negative Entscheidung. Zum Vergleich: Bei Syrern beträgt die Anerkennungsquote derzeit 91 Prozent, bei Nigerianern hingegen nur ein Prozent.

Der Ruf der Tschetschenen in Österreich ist kein guter. Dafür gesorgt haben auch Jugendbanden wie die "Goldenbergs", Schlägervideos, auf denen ein Mädchen – unter anderem – von tschetschenischen Burschen geohrfeigt wird, blutige Auseinandersetzungen mit afghanischen Gruppen oder die Tatsache, dass auffallend viele IS-Kämpfer aus Österreich aus dieser Community kommen.

Und das hängt sehr wohl auch mit der Geschichte zusammen. Seit 200 Jahren kämpfen die Tschetschenen gegen die übermächtigen Russen. In ihrer Heimat haben sie Gräueltaten erlebt; Diktator Stalin ließ sie sie nach Kasachstan deportieren. Kämpfen war nötig, um zu überleben. Oder, wie Politologe Thomas Schmidinger in einem KURIER-Interview beschrieb: "Jede Community hat einen Rucksack, aber bei den Tschetschenen ist er besonders groß."

Geflüchtete Tschetschenen sind zumeist traumatisiert, Gewalt haben sie oft als Alltag erlebt. Sie sind zumeist tief gläubig, leben in patriarchalischen Strukturen, besitzen einen hohen Nationalstolz. Und sie bleiben in der Regel unter sich: Geheiratet wird innerhalb des Volkes.