Als wäre nie etwas gewesen: Die Mariahilfer Straße war am Samstag gerammelt voll 

© Kurier/Jeff Mangione

Interview
05/25/2020

WKW-Standortanwalt Biach: "Es ist Zeit für gesunden Patriotismus"

Der Wiener Standortanwalt Alexander Biach kritisiert im Interview die Parteien für das Corona-Hickhack: „Das ist Gift“

von Christoph Schwarz

Vor allem den für Wien so wichtigen Handel hat Corona mit voller Härte getroffen. Warum er trotzdem (noch) nicht für ein Ende der Maskenpflicht bei Einkäufen ist, wieso die Menschen bei den Hilfszahlungen etwas Geduld beweisen müssen und welche moralische Verpflichtung die Konsumenten jetzt haben, argumentiert Alexander Biach, Standortanwalt in der Wiener Wirtschaftskammer, im Interview mit dem KURIER.

KURIER: Die Lokale haben seit zehn Tagen wieder geöffnet. Waren Sie bereits mit gutem Gefühl essen – oder halten Sie es wie viele Wiener und warten noch etwas zu?

Alexander Biach: Meine Familie und ich waren essen, ja. Ich sehe es als eine persönliche moralische Pflicht, dazu beizutragen, das Geschäft in der Gastronomie wieder anzukurbeln. Und ich bin ehrlich: Es sind uns daheim auch langsam die Kochrezepte ausgegangen.

Insgesamt ist das Fazit in der Gastro und im Handel nach den ersten Tagen aber ernüchternd. Warum läuft das Hochfahren nicht so gut wie erhofft?

Es war eine Illusion zu glauben, dass man nach einem so langen Boxenstopp sofort wieder mit Vollspeed durchstarten kann. Umfragen zeigen, dass bis zu 40 Prozent der Menschen sagen, sie wollen ihren Konsum reduzieren. Und das liegt nicht vorrangig daran, dass diese Menschen von Kurzarbeit betroffen sind.

Sondern?

Es hat sich eine neue Bequemlichkeit eingeschlichen. Die Menschen haben gelernt, wie viel man von daheim per Internet bestellen und erledigen kann. Auf der einen Seite ist es ökologisch sinnvoll, sich Wege zu ersparen. Ich denke da an die vielen Pendler, die nach Wien kommen – wenn wir von denen 40 Prozent abhalten können, würde das unser Umweltproblem reduzieren. Auf der anderen Seite besteht die reale Gefahr, dass die lokale Wirtschaft zusammenbricht, wenn alle online im Ausland kaufen. Wirtschaftlich ist es nach Corona tatsächlich an der Zeit für einen gesunden Patriotismus: Wer jetzt auf Amazon klickt, verantwortet einen nachhaltigen Schaden. Das sollte man sich moralisch als Konsument überlegen.

Der Handel klagt, dass die Maske das Einkaufserlebnis zerstöre. Manche wollen ein Ende der Maskenpflicht.

Ich kann diesen Wunsch nachvollziehen. Diese Lockerung sollte so rasch es geht eintreten. Zuerst benötigen wir aber medizinische Sicherheit. Wir brauchen das Go der Virologen. Denn eine zweite Welle würden wir wirtschaftlich alle nicht überleben.

In Italien sorgen Preiserhöhungen beim Espresso für Aufregung. Steht uns eine Teuerungswelle bevor?

Die Preisbildung ist eine Frage von Angebot und Nachfrage, das weiß man aus der Schule. Derzeit ist es wichtig, die Kosten für die Unternehmer so lange wie möglich niedrig zu halten – dafür gibt es die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen. Solange es diese Hilfen gibt, kann man von Unternehmern durchaus fordern, die Preise nicht zu erhöhen. Irgendwann müssen die Hilfen aber auslaufen und dann muss auch die Nachfrage durch die Konsumenten wieder anspringen.

Die Bundes-ÖVP übt heftige Kritik am Wiener Weg.

Ich habe in den vergangenen Tagen quer durch alle Parteien einiges an Polit-Hickhack feststellen müssen. Das ist Gift zum jetzigen Zeitpunkt und ich kann nur davon abraten. Die Angriffe (der Grünen, Anm.) auf den Finanzminister waren falsch. Er macht einen guten Job. So große Hilfspakete in so kurzer Zeit aufzustellen, das ist eine tolle Leistung. Ich hatte aber auch ein gutes Gespräch mit der Vizebürgermeisterin und verstehe ihre Verkehrsmaßnahmen nun besser. Sie will die Bewegungsfreiheit sicherstellen, falls neue Beschränkungen auf Wien zukommen. Mein Fazit: Jeder hat gute Absichten. Und es wird nur gemeinsam funktionieren.

Kritik an den Hilfszahlungen des Bundes, die vielfach über die Wirtschaftskammer organisiert werden, kommt nicht nur vom politischen Gegner, sondern von Unternehmern selbst. Warum dauert alles so lang?

Ich verstehe die Ungeduld der Menschen. Es ist ihr gutes Recht, Druck auf die Politik zu machen. Man muss aber fair bleiben und darf nicht vergessen, dass wir Hilfspakete in der Höhe von 38 Milliarden Euro bewegen. Das dauert seine Zeit, wenn man es ordentlich machen will. Wir wollen ja auch nicht, dass das Geld an der falschen Stelle landet. Ich bin zuversichtlich, dass die Gelder jetzt immer rascher fließen.

Welche Branchen trifft es in Wien besonders?

Wir haben eine Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung, die zeigt, dass es Wiener Besonderheiten gibt (siehe rechts). So muss unser Augenmerk besonders auf dem Handel liegen. Dieser ist nicht nur stark betroffen, sondern gemessen an der Wertschöpfung auch besonders wichtig für Wien. Eine Schädigung des Handels würde den Standort also ausgesprochen hart treffen. In der Industrie hingegen haben wir zwar keine so hohe Wertschöpfung – aber die Produkte sind überdurchschnittlich wichtig für den Export. Daher ist der Erhalt der AUA als Home Carrier so wichtig. Nicht nur wegen 6.000 AUA-Mitarbeitern, sondern wegen 17.500 weiterer Jobs, die da dranhängen. Verliert Wien die Stellung als Drehkreuz nach Osteuropa, weil die Flugverbindungen schlechter werden, dann wandern internationale Firmenzentralen ab.

Die Stadt Wien hat eigene Maßnahmen gesetzt – Taxi-Gutscheine, den Gastro-Gutschein, Futter für Fiaker-Pferde. Ist das Gutschein-Wahlkampf oder sind diese Maßnahmen sinnvoll?

Das ist schon sinnvoll. Die Wirte sind extrem stark betroffen, wir können sie aber nicht ewig staatlich stützen. Ziel muss sein, dass sie wieder alleine ohne Stützräder fahren. Daher müssen die Leute ins Lokal und ihr Schnitzel kaufen. Da muss man sie motivieren. Anders ist es beim Fiaker: Da ging es nicht nur darum, zu verhindern, dass Tiere zum Schlachter mussten. Sondern es ist wichtig für den Kulturstandort Wien. Fiaker sind in jeder Werbung zu sehen. Wenn ich das verfallen lasse, schädige ich die Wertschöpfung beim Tourismus. Das war eine strategische Investition.

Ab wann, schätzen Sie, wird sich die wirtschaftliche Lage wieder normalisieren?

Früher als wir denken. Da bin ich Optimist. Viele Unternehmer, höre ich, wollen bald wieder investieren, wenn es Anreize gibt. Ich denke, im Winter sieht es schon besser aus. Das wird auch wichtig sein, um die Schulden abzuarbeiten. Der Staatshaushalt saust derzeit in ein dramatisches Minus.