© Tobias Pehböck

Reportage
03/28/2020

"Wir sind ein Geisterdorf geworden"

Corona kam und plötzlich war in Sankt Margarethen alles anders. Wie eine kleine Gemeinde mit der Angst vor dem Virus lebt.

von Yvonne Widler

Die Straßen sind leer. Der Gesangsverein ist verstummt. Gottesdienste bleiben aus. Beerdigungen müssen im engsten Kreis und ohne Messe stattfinden. Die Volkstanzgruppe probt nicht. Der örtliche Verschönerungsverein hat den gemeinsamen Frühjahrsputz abgesagt. Die Schule ist zu, keine Kinder toben umher. Das Greabochstadion darf bis auf Weiteres nicht betreten werden - der Obmann des örtlichen Fußballvereins, SV St. Margarethen, mäht einsam den Rasen des Spielfeldes, weil “der wächst ja weiter”. 

Seit 1996 ist der Steinbruch von Sankt Margarethen im Burgenland Treffpunkt für Opernfreunde. Die für den 8. Juli geplante Premiere von Giacomo Puccinis „Turandot“ wurde in die Spielsaison 2021 verlegt. Auch der Saisonstart des normalerweise stark frequentierten Family-Parks musste verschoben werden. 

Der Bürgermeister packt an

Sankt Margarethen ist bisher vom Corona-Virus verschont geblieben und so soll es bleiben”, mit diesen Worten beginnt Eduard Scheuhammer den Bürgermeisterbrief an seine 2.600-Seelen-Gemeinde. Als klar war, wie ernst die Lage ist, hat er kurzfristig Vertreter wichtiger Institutionen der Ortschaft zusammengerufen und einen Expertenstab gegründet. Neben dem Pfarrer und der Kindergartenleiterin ist auch der Kommandant der Feuerwehr im Team sowie das Rote Kreuz. In sehr kurzer Zeit mussten unzählige systemrelevante Entscheidungen getroffen werden.

“Wir haben mit anderen Herausforderungen zu kämpfen als große Städte”, sagt Scheuhammer, der immer ein Vertreter der lebendigen Dorfkultur war. Seit 1992 ist der 61-Jährige im hiesigen Gemeinderat tätig, doch “mit so etwas habe ich nicht mehr gerechnet”. 

Sankt Margarethen im Burgenland war im Lauf der Geschichte wiederholt von Kriegen, Verwüstungen und Seuchen betroffen. So mussten im Jahr 1713 viele Dorfbewohner ihr Leben lassen, es war das Pestjahr. 1745 wütete ein Großbrand und ein Jahrhundert später dann die Cholera.

Der Obelisk auf dem Hauptplatz gedenkt der vielen Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege. Der Gedenkstein beim Friedhofseingang soll an die Erschießung von „Menschen jüdischen und christlichen Glaubens” erinnern. Sie wurden hier in einem Massengrab beigesetzt. 

Sorge um die Älteren

“Und jetzt: Corona”, sagt Scheuhammer und räuspert sich. Es ist still dieser Tage im Gemeindeamt. Bloß zwei Menschen und der Bürgermeister sitzen an ihren Schreibtischen, alle anderen arbeiten von zuhause. Aber zum Nachdenken bleibt nicht viel Zeit. Scheuhammer ist stolz auf seine Gemeinde und darauf, was sie in kurzer Zeit auf die Beine gestellt hat.

“Für Eltern, die keine Alternativen haben, wird auch weiterhin die Möglichkeit der Betreuung in Krippe, Kindergarten und Schule möglich sein”, betont der Bürgermeister. In Anspruch nimmt das Angebot allerdings kaum jemand, die meisten Kinder hier sind nun ohnehin bei ihren Familien zuhause. Mehr Sorgen bereiten ihm die Pensionisten und gebrechlichen Bewohner.

70-Plus-Feier, ein Highlight im Ort

Will man die Anzahl der älteren Menschen im Ort wissen, muss der Bürgermeister nicht lange überlegen. Es wirkt, als würde er sich sogar ein bisschen über die Frage freuen, hat er nun doch die Gelegenheit von etwas ganz Besonderem zu erzählen. “Wir veranstalten jedes Jahr eine Feier für und mit Menschen, die 70 Jahre und älter sind. Wir sagen dazu 70plus-Feier, die gibt es seit 30 Jahren. Wir laden 470 Personen ein”, womit er erklärt hat, warum er die Anzahl so genau weiß. 

Zusammenhalt wird hier groß geschrieben, vor allem will man für jene da sein, die niemanden mehr haben. “Diese Familienstrukturen von damals, wo Großmutter, Mutter und Kind zusammen im gleichen Haus gewohnt haben, die kommen immer seltener vor. Auch bei uns auf dem Land.” Es gebe viele Betagte in Sankt Margarethen, die alleine wohnen. “Wenn sie Lebensmittel von unseren Nahversorgern brauchen, dann wird für sie eingekauft. Wir bringen ihnen alles vor die Türe.”

Dafür wurde ein Corona-Freiwilligenteam eingerichtet, das mittlerweile 70 Personen umfasst. “Wir stellen auch der Apotheke Freiwillige zur Verfügung, sie helfen dabei, den Betroffenen vom Arzt verordnete Medikamente zuzustellen.”

Auch wenn sie einfach nur reden wollen, “dann plaudern wir mit ihnen ein bisschen am Telefon”.

Scheuhammer sagt, die Nachbarschafts- und Familienhilfe funktioniert bisweilen sehr gut. “Was auch immer noch kommt, wir sind gut vorbereitet.” Wichtig sei, dass sich alle Einwohner weiter an die Regeln halten und eine Ansteckung unbedingt vermeiden. 

Der Herr Doktor und der Pfarrer

Der Hausarzt von Sankt Margarethen, Dr. Arnold Haberhauer, weiß derzeit nicht, was er zuerst machen soll. Die Ordinationshilfe hebt gestresst den Hörer ab und sagt, “der Herr Doktor ist draußen unterwegs”. Sie selbst habe auch so viel zu tun, wie nie zuvor. Mehr Anrufe, große Unsicherheit - der Arzt als erste Anlaufstelle, genießt er doch meist das höchste Vertrauen im Ort. Neben allem muss das Tagesgeschäft am Laufen gehalten werden. Sie, die Ordinationshilfe, sei in erster Linie aber froh, dass es bis dato noch keine Infizierten in Sankt Margarethen gibt.

Dann muss sie wieder auflegen. Erreicht man den Arzt außerhalb der Öffnungszeiten, dann läuft ein extra für die Corona-Krise aufgenommenes Tonband. “Grüß Gott! Bitte hören Sie die Aufnahme bis zum Ende”, fordert die ernste Stimme von Dr. Haberhauer seine Patienten auf. Danach verweist er auf die bekannten Notrufnummern und erinnert daran, bei Corona-Symptomen nicht persönlich zu erscheinen. 

Der Pfarrer, Richard Geier, ist derzeit auch nur telefonisch erreichbar. In den Schaukästen, die rund um die Kirche platziert sind, stehen die wichtigsten Informationen für die Bewohner. So etwa der Hinweis auf die Website www.martinus.at - so gelangt man zur Diözese Eisenstadt, welche auf einen “Digitalen Meilenstein” in ihrer Geschichte verweist, die Martinus App. Heilige Messen gibt es dort im Live-Stream. 

Der Sportverein und der Trainer

Johannes Pieler hat den Telefonhörer seit einer Woche ebenfalls nicht aus der Hand gelegt. Einen Sponsor nach dem anderen ruft er nun durch und versucht, die Partner bei der Stange zu halten. Er ist Obmann des hiesigen Fußballvereins. Der SV St. Margarethen, derzeit im Mittelfeld in der Burgenlandliga platziert, pausiert.

Die Spieler verzichten auf ihre Prämien. “Natürlich mache ich mir Sorgen um die Zukunft unseres Vereins, aber das ist jetzt nicht das Wichtigste. Ich gehe davon aus, dass die Solidarität der Menschen hier groß genug sein wird, um den SV St. Margarethen am Leben zu  halten”, sagt Pieler und erzählt, wie die Spieler sich in dieser schweren Zeit fit halten. “Der Trainer hat eine WhatsApp Gruppe gegründet. Er schickt ihnen Trainings-Dateien, Fotos und Videos mit Übungen, die die Burschen machen sollen.” Pieler fokussiert sich gerne auf die positiven Seiten des Lebens und die liegen im wahrsten Sinne des Wortes “in der Natur der Sache”.

Aktuell habe es nämlich einen großen Vorteil, außerhalb der großen Stadt zu wohnen. Abstand halten sei hier viel einfacher “und die weitläufigen Felder und Wälder rund um St. Margarethen bieten idealen Raum, um sich zu bewegen.” Langweilig wird Pieler aber auch in diesen Zeiten nicht. Der Fußballplatz muss trotz Corona in Schuss gehalten werden. 

Die Peitschen und die “Narrischen”

Sie nennt sich auch die Lederhexe. Aber ihr richtiger Name ist Sonja Blazs. Die 49-Jährige betreibt eine Schuhreparatur und ein Lederhandwerk - beides dort, wo sie auch wohnt, in der Neubaugasse 46 in Sankt Margarethen. Blazs ist weit und breit die einzige ihres Fachs und hat auch in der Corona-Krise nicht aufgehört, Schuhe zu reparieren und Gürtel anzufertigen. “Ich verwende Vollrindleder, poliere händisch. Solche bekommt man im Geschäft kaum noch.”

 

Doch es sind nicht nur Schuhe und Gürtel, die sich Blazs’ Kunden abholen. Es sind auch Peitschen und diverse Ledergarnituren für Sadomaso-Liebhaber, die sie produziert. “Alles nach speziellem Wunsch und Maß!”, sagt Blasz und erzählt, dass sie für eine Peitsche ungefähr sechs Tage braucht. “Inklusive Trockenzeit, weil ich diese Dinge doch speichel- und schweißfest lackieren muss. Sollen ja einiges aushalten”, scherzt sie und hängt noch einen dran:

“Ich hatte überlegt, Schutzmasken zu machen, aber durch das Leder bekommt man keine Luft.”

Sie lacht in den Telefonhörer und wird sogleich wieder ernst, als sie von den “paar Narrischen” im Ort erzählt, die immer noch glauben, Corona wäre nicht schlimmer als die Influenza. Aber es seien zum Glück nur ganz, ganz wenige. 

Geld wird in den Briefkasten gelegt

Kürzlich musste Blazs zur Post, um einen Gürtel für einen Geburtstag zu verschicken. Der Kunde hatte zu viel Angst vor einer Ansteckung, um ihn selbst abzuholen. “Wir sind ein Geisterdorf geworden. Ich war die einzige, die draußen unterwegs war.” Für die meisten ihrer Abnehmer hat sie aber eine praktischere Lösung gefunden. “Wenn ich das Lederwerk fertiggestellt habe, hänge ich es in einem Papiersackerl an die Türe. Die Kunden werfen mir dann ein Geldkuvert in den Briefkasten. Das funktioniert sehr gut.”

Die Aufträge seien zwar weniger geworden, aber sie arbeite derzeit einfach einen nach dem anderen ab. Dann sehe man weiter. Ihre Einkäufe erledigt sie beim kleinen Supermarkt, den es in der Ortschaft gibt. Das Gebäck bekommt sie geliefert, aber das war schon immer so. “Glutenfrei”. 

Sonja Blasz lebt gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem 12-jährigen Sohn. “Die Oma beschäftigen wir auch. Wir kochen jetzt viel gemeinsam, sie darf Kartoffeln schälen und schneiden.” Wieder lacht sie herzhaft ins Telefon. Sie erzählt, dass Maxi in eine iPad-Klasse geht, alle Übungen über das Online-System erhält und jeden Tag ab 9 Uhr seine Aufgaben macht. Er ist jetzt zuhause bei Mama und Oma. Wäre nicht Corona-Krisa, würde er sich nachmittags mit seinen Freunden zum Fußballspielen treffen. Nun geht Sonja Blasz mit ihrem Sohn laufen.

Lieber im Freien

Ein eigenes Fitness-Center hat St. Margarethen nie gehabt. Die Yogalehrerin Yelena Drofenik hat ihr Studio derzeit geschlossen. Die Nachfrage nach Video-Unterricht ist mehr als überschaubar, daher hat sie das bisher nicht in Betracht gezogen. Es wirkt so, als würden die Sankt Margarethner ohnehin lieber Ausflüge in die gerade zum Frühling erwachte Natur machen, mit ihren Hunden oder mit ihren Walking-Stöcken. 

“Schere, Kamm - Sabine Hamm”. Dass sich Friseurgeschäfte gerne das eine oder andere Wortspiel bei der Namensgebung zu Nutze machen, weiß man mittlerweile. Doch der Charme von Sabine Hamm liegt ganz woanders, nämlich in ihrer lockeren und zugänglichen Art.

Die 40-Jährige, die diese Wochen gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten verbringt, telefoniert fast täglich mit ihren Kunden. “Es fehlt mir. Ich war doch ständig unter Menschen.” Finanziell macht sie sich aktuell noch keine Sorgen. “Die Kunden können doch nicht weglaufen, weil niemand geöffnet hat. Schlimm wäre es nur dann, wenn nun eine andere Friseurin aufsperrt, die sich nicht an die Regeln hält.”

Hamm überlegt jetzt schon, wie sie am besten vorgeht, wenn sie ihr Geschäft wieder aufsperren darf. “Zuerst nehme ich jene dran, die am längsten gewartet haben.” Da ihre Nachbarn auch ihre Freunde sind, verbringt sie aktuell viel Zeit am Fenster. “Wir hängen uns alle bis zur Hüfte hinaus, Kaffeehäferl in der Hand, und tratschen.” Das Witzeln am Telefon weicht gegen Endes des Gespräches dann doch einer gewissen Unsicherheit. “Vier Wochen kann ich diesen Zustand aushalten, aber wenn das länger dauert, schaut die Welt vielleicht anders aus.” 

“Schau ma amoi”

Sankt Margarethen kämpft mit ähnlichen Problemen, wie viele andere Ortschaften in Österreich. Schwindende Gastronomie, bröckelnde Infrastruktur, Landflucht, Familien werden kleiner, die Menschen werden älter. “Wirtshäuser und Heurigen werden von Jahr zu Jahr weniger. Zwei Gaststätten haben wir noch, die jeweils ein paar Tage die Woche geöffnet haben”, erzählt Bürgermeister Scheuhammer. Sie bieten Essen auf Rädern an und versorgen den Kindergarten und die Nachmittagsbetreuung der Schule mit Speisen. Im Regelfall funktioniert das.

Dann kam Corona und der Regelfall war Geschichte. Aus “Jeder kennt Jeden” wurde innerhalb kürzester Zeit “Jeder hilft Jedem”. So stolz Bürgermeister Eduard Scheuhammer auf seine Gemeinde derzeit auch ist, “ich wünsche mir dennoch sehnlichst, dass das bald vorbei ist. Aber wie sagt man: Schau ma amoi."

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