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Chronik Österreich
04/19/2019

Winterschäden lassen keine Pause: "Das Ökosystem Wald kippt"

Die nun voll zutage tretenden Waldschäden des Winters reihen sich ein in eine Serie von Extremereignissen

von Christian Willim, Matthias Nagl, Wolfgang Atzenhofer

Auf den Berghängen kehrt langsam der Frühling ein. Und damit werden die Schäden sichtbar, die der Winter im Wald hinterlassen hat. Die massiven Schneefälle im Jänner haben nicht nur auf der Innsbrucker Nordkette ihre Spuren hinterlassen. Spazierwege oberhalb der Stadt sind derzeit teilweise forstliches Sperrgebiet.

In der Stadt Salzburg ist der Rundwanderweg am Gaisberg wegen Waldschäden seit Anfang Jänner – und damit seit mehr als drei Monaten – gesperrt. Am Wochenende wird er eventuell vorübergehend geöffnet – so oder so ein Rekordwert. Entlang der Nordalpen hat die Last der Schneemassen in vielen Waldstücken die Bäume brechen lassen.

Salzburg hat es besonders schwer erwischt. „Aktuell rechnen wir mit 300.000 Festmetern Schadholz. Das ist in etwa die fünffache Menge eines normalen Winters“, sagt Michael Mitter, Salzburgs Landesforstdirektor. Betroffen sind vor allem Wälder unter 1000 Metern Seehöhe. „Die Schäden sind sehr verstreut, das heißt, es gibt viele betroffene Waldeigentümer“, erklärt Mitter.

Rekordmenge in OÖ

Eine ansatzweise Schadenssumme wird es erst nach der Abrechnung mit dem Katastrophenfonds geben. In Oberösterreich sollen im Süden und im Mühlviertel nach jüngsten Erkenntnissen gar 500.000 Festmeter Schadholz angefallen sein.

„Schon im Jänner mit einer derartigen Schadholzmenge konfrontiert zu werden ist dramatisch“, sagt Oberösterreichs Landesforstdirektorin Elfriede Moser. Die Rekordmenge gesellt sich zur im Vorjahr im Land eingeschlagenen Menge von 3,5 Millionen Festmetern. In guten Durchschnittsjahren liegt der Wert bei rund 2,5 Millionen Festmetern.

Für die heimischen Wälder war der strenge Winter die Fortsetzung einer Serie von Extremereignissen, die in Summe massive Schäden verursacht haben. Praktisch keine Region blieb verschont. Die Trockenheit im Frühjahr 2018, die über Monate nicht endete, hat vor allem im Mühl- und Waldviertel die Borkenkäferplage verstärkt.

Käfer, Sturm und Schnee

Im Oktober 2018 hat Sturmtief „Vaia“ vor allem im Süden Österreichs gewütet. „Nur durch den Windwurf haben wir 1,3 Millionen Festmeter Schadholz“, sagt Christian Matitz von der Landesforstabteilung Kärnten zu den Folgen in seinem Bundesland.

Auch die Steiermark war von „Vaia“ stärker betroffen als vom Schneebruch des Winters. Der Schadholzanteil in Österreich nahm 2018 im Vergleich zum Vorjahr um 53 Prozent zu und belief sich auf 9,9 Millionen Erntefestmeter. Der Schneebruch im heurigen Winter setzt die Negativserie fort.

Da auch das Schadholz aus dem Vorjahr bei weitem noch nicht aufgearbeitet ist, liegen riesige Mengen an Bäumen in den Wäldern. Das nächste Ungemach droht. „Jetzt wird es warm und der Buchdrucker beginnt zu fliegen“, erklärt Gernot Hoch vom Bundesforschungszentrum für Wald.

Trockenheit begünstigt Käfer

Bei dem Insekt handelt es sich um jene Borkenkäferart, die den Fichten am meisten zusetzt. Waldbesitzer stehen deshalb extrem unter Stress, das Schadholz möglichst rasch aus den Wäldern zu räumen. „Es ist ein Wettlauf mit der Zeit“, sagt Martin Höbarth, Geschäftsführer des Waldverbands.

Sorgen bereiten ihm die vor allem in Nieder- und Oberösterreich erneut ausbleibenden Regenfälle. Das begünstigt die Borkenkäfer-Ausbreitung in den vom Schädling ohnehin bereits am stärksten betroffenen Landstrichen.

„Die Ursache ist der Klimawandel“, sagt Höbarth zu all den Kalamitäten. „Wir spüren das seit fünf Jahren ganz massiv. Das Ökosystem Wald kippt. Es gibt praktisch keine Region mehr in Österreich, wo man von normalen Verhältnissen sprechen kann.“