Agnes Palmisano war als Kind vom Jodeln fasziniert, heute ist sie führende Interpretin des Dudlers.

© Julia Grandegger

Chronik Österreich
02/25/2020

Wenn Wiener jodeln: Das „Hu-jolo-huu“ in der Stadt

Wie Wiener Sängerinnen eine fast ausgestorbene Musiktradition am Leben halten.

von Anna-Maria Bauer

Bei gejauchztem „Juhuhu-hui!“ oder „Hu-jolo-huu!“ denkt man oft an Menschen in Tracht und schneebedeckte Alpen, vielleicht an die Trapp-Familie, jedenfalls ans Land. Dabei hat das Jodeln auch eine städtische Tradition.

2010 wurde der Dudler, so nennt sich die Wiener Form des Jodelns, sogar in das Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbe Österreichs aufgenommen. Er gilt als kunstvoller, verzierter und komplexer als die alpenländische Variante und hat sich vor allem in den Heurigebezirken Ottakring und Hernals als fester Bestandteil der Gesangskultur entwickelt. Beim Heurigen ist er heute nur selten zu hören, dafür auf Konzertbühnen.

Hören

1. 3., Leopoldmuseum, Agnes Palmisano mit Paul Gulda:  „Brettl- und Wienerlieder“

6. 3., Akkordeon-Festival, Purkersdorf: Tini Kainrath singt mit Peter Havlicek und Tommy Hohsa
 
Singen

Palmisano gibt Dudelworkshops auf Anfrage, von 17. bis 19. Juli beim Musikforum Viktring und im Herbst in der Gea Akademie

Eine, die als führende Interpretin dieser Musikgattung gilt, ist Agnes Palmisano (45). Das Dudeln bzw. auch das Jodeln setzt für Palmisano dort an, wo Worte nicht mehr ausreichen: Zum einen wenn man seine Gefühle nicht anders zum Ausdruck bringen kann. Zum anderen wenn es zu unanständig wird: „Schon in der Renaissance hat man dann ,Fallala’ gesungen, also an sich sinnlose Silben, die die Fantasie belebt haben.“

Ganz hoch und ganz tief

Jodeln hat sie schon als Kind fasziniert, diese Bandbreite vom ganz Hohen bis zum richtig Tiefen – auch wenn ihr das als Kind noch nicht bewusst war; da klang es einfach nur zauberhaft. „Ich wollte schon bei Heidi immer mitjodeln“, sagt sie und muss bei der Erinnerung lächeln.

Dabei ist die Tochter einer Pinzgauerin und eines Kärntner Slowenen in Wöllersdorf (Niederösterreich) und in Moskau komplett dialektfrei aufgewachsen. Auch ihre ersten Lieder hatte sie noch auf Hochdeutsch geschrieben.

Aber je mehr sie sich während ihres Gesangsstudiums in Wien mit dem Texten von Liedern auseinandersetzte, desto klarer wurde ihr, dass sich Gefühle im Dialekt besser ausdrücken lassen. Und als sie zufällig das Wahlfach „Wienerlied“ bei Roland Neuwirth belegte, war ihr schnell klar, dass sie etwas gefunden hatte, dem sie sich widmen wollte. „Frei nach Wittgenstein: Worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man dudeln.“

Hochschaubahnfahrt

Ähnlich erging es der Sängerin Tini Kainrath (51), die vor 20 Jahren durch Wienerlied-Sänger Helmut Emersberger auf das Dudeln angesprochen wurde. „Er hat mir eine, damals schon höchst altmodische, Musikkassette aufgenommen mit Dudlern von Trude Mally, Louise Wagner und Maly Nagl. Ich war so begeistert, dass ich sofort angefangen habe zu üben.“

Dudeln sei ja eine Kunstform des Singens, habe aber auch diese Wildheit einer Hochschaubahnfahrt in sich, das habe Tini Kainrath fasziniert.

Vom alpenländischen Jodler unterscheidet sich der Dudler zum einen dadurch, dass er meist von Instrumenten wie Klarinette oder Harmonika begleitet wird. Zum anderen gebe es stilistische Unterschiede: „Die Wiener Musik hat nicht ein durchgehendes Tempo“, sagt Palmisano. „Weil wie Wiener wissen, dass Zeit manchmal stehen zu bleiben scheint, um dann wieder zu verfliegen.“

Ein bisschen hatte Agnes Palmisano noch an der Seite von einer der wichtigsten Wienerlied-Vertreterin dudeln dürfen: Trudy Mally.

Konkrete Tipps habe sie von Mally dabei gar nicht so bekommen. „Sie hat gesagt: ,Du musst üben, sonst wird das nichts.‘“ Palmisano war es vor allem eine Ehre mit ihr singen zu dürfen. „Ihre Stimme habe ich immer noch im Ohr.“