© Klinik Ottakring/Bernhard Noll

Chronik Österreich
11/17/2020

Weltfrühchentag: Früher Start ins Leben

Frühchen sind anfälliger für Infektionen. Welche Vorkehrungen die Neonatologie in Zeiten des Coronavirus trifft – und wie Eltern damit umgehen.

Robert wurde in der 28. Schwangerschaftswoche und damit zwölf Wochen zu früh geboren. Er wird derzeit auf der neonatologischen Station der Klinik Ottakring (ehemals Wilhelminenspital) intensivmedizinisch betreut. Seine Mutter, Drahomira Toracova, ist jeden Tag an seiner Seite. Die 34-Jährige litt unter einer Schwangerschaftsvergiftung und erhöhtem Blutdruck. Robert wurde per Notkaiserschnitt geholt – zu diesem Zeitpunkt wog er 855 Gramm und war 34 Zentimeter klein.

Rund 6.200 Frühchen kommen in Österreich pro Jahr vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche zur Welt. Die kleinsten unter ihnen sind nach der Geburt auf intensivmedizinische Versorgung angewiesen, wie sie die neonatologische Intensivstation in der Klinik Ottakring bereitstellt. Dort sind 14 Betten vorhanden – neun davon sind derzeit belegt. Hier werden Frühgeborene ab der 27. Schwangerschaftswoche und kranke Neugeborene behandelt.

Covid-positive Gebärende

Die Corona-Pandemie hat auch die Station im Pavillon 21 verändert. Die Klinik Ottakring ist die erste Anlaufstelle für Geburten von Covid-19 positiv getesteten Schwangeren. Der Anteil der Covid-positiven Gebärenden steigt, und daher hat man auch auf der Neonatologie Vorbereitungen getroffen: „Es gibt zwei einzelne Isolierplätze, die für potenziell infektiöse Kinder vorgesehen sind“, erklärt Dr. David Endress, Leiter der neonatologischen Intensivstation. Covid-positive Mütter mit Frühgeborenen, die eine stationäre Behandlung brauchen, müssen von ihren Kindern getrennt werden. „Zusätzlich zur Frühgeburtlichkeit wäre es ein sehr belastender Faktor, wenn sich das Baby anstecken würde“, erläutert Endress.

Außerdem seien manche Mütter auf der Intensivstation und wären nicht in der Lage, ihr Neugeborenes zu sehen. Erst in der Vorwoche waren frühgeborene Zwillinge in einem Einzelzimmer auf der Station isoliert, die Mutter musste nach der Geburt intensivmedizinisch mit Sauerstoff versorgt werden.

Routine bei Hygiene

„Wir versuchen, Besuche auf die Kernfamilie zu konzentrieren“, so der Mediziner. Gesunde Eltern dürfen rund um die Uhr bei ihrem Kind sein. Zu Beginn der Pandemie waren die Besuchszeiten eingeschränkter – mittlerweile sei durch Studien und aus eigener Erfahrung das Infektionsrisiko durch Besuche besser einzuschätzen.

Die schon zuvor strengen Hygienevorschriften wurden auf der Station weiter verschärft. Ärzte und Krankenschwestern tragen durchgehend FFP2-Masken, damit bei einem Infektionsfall nicht das gesamte Team ausfällt und die medizinische Versorgung der Frühchen trotzdem sichergestellt ist. Eltern erhalten vor Betreten der Station einen medizinischen Mund-Nasen-Schutz. Mittlerweile sei eine Routine eingekehrt, erzählt Endress. Es gab bereits einen Covid-19-Fall auf der Neonatologie, bei dem sich das Hygienekonzept bewährte.

Einschneidendes Erlebnis

Für betroffene Eltern kann eine Frühgeburt ein sehr traumatisches Ereignis sein. Auch wenn der Zustand des Frühchens stabil ist, können nach der Geburt jederzeit Komplikationen eintreten, auch Spätfolgen sind nicht auszuschließen.

Eltern werden soweit wie möglich in die Versorgung ihres Babys eingebunden. Auch bei den fragilsten Frühchen wird direkt nach der Geburt versucht, den Körperkontakt zwischen Mutter und Kind zu ermöglichen. „Das ist ein immenser Qualitätsgewinn für die Mutter-Kind-Bindung. In einem Fall wog das Frühchen nur 800 Gramm, aber wir konnten es der Mutter auf die Brust legen und sofort die Sauerstoffzufuhr beim Baby reduzieren. Außerdem treten weniger posttraumatische Reaktionen der Mutter auf“, weiß Endress.

Auch Toracova belastet ihre Frühgeburt: „Ich hatte starke Schuldgefühle, weil ich keine normale Geburt hatte und die Schwangerschaft nicht bis zum Schluss halten konnte.“ Ihr Mann arbeitet und kann Robert daher nur am Wochenende sehen. Das sei für ihn schmerzhaft, aber er zeige es nicht. Am liebsten würde sie rund um die Uhr bei ihrem Sohn bleiben – am Abend muss sie jedoch nach Hause und jeder Abschied tut weh. Die Coronavirus-Lage verunsichert sie nicht zusätzlich, denn: „Eine Grippe oder eine Erkältung könnte für Robert auch sehr problematisch sein. Das macht mir Sorgen“, so die Mutter, aber sie versuche, sich durch Einhaltung der Maßnahmen, die auch für Corona gelten, zu schützen. Die größte Angst hat Toracova, dass ihr Frühchen zu atmen aufhört, wenn es entlassen wird: „Durch die Lungenunreife hat er apnoische Pausen, das sind kurze Atemausfälle. Durch Stimulationen wird die Atmung wieder angeregt.“ Bis Robert nach Hause darf, ist es noch ein längerer Weg. Derzeit wird er über eine Magensonde ernährt.

Die meisten Frühchen werden um den errechneten Geburtstermin entlassen – im Fall von Robert heißt das, dass er bis Mitte Jänner in der Klinik bleiben könnte. Wie lange ein Frühchen letztendlich auf der Intensivstation ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab, etwa ob es Komplikationen gab oder ob das Baby die Nahrung selbst trinken kann.

Am heutigen Weltfrühchentag (17. 11.) können Sie Neonatologin Angelika Berger zwischen 14.30 und 15.30 Uhr telefonisch (01/ 5265760) Fragen stellen. Diese können auch vorab per eMail an gesundheitscoach@kurier.at geschickt werden. Die Antworten lesen Sie auf kurier.at.

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