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Chronik Österreich
06/21/2020

Von Liesing bis Kaltenleutgeben: Unterwegs auf alten Gleisen

Erst Kurgäste, dann Zement und bald vielleicht Berufspendler – die Kaltenleutgebner Bahn fuhr von 1883 bis 2010.

von Theresa Bittermann

Schritt für Schritt, von Holzschwelle zu Holzschwelle geht es die alte Strecke der Kaltenleutgebner Bahn entlang. Ein regelmäßiger Zug ist hier schon länger nicht gefahren. Seit 1883 ziehen die Gleise sich dort schon von Liesing bis nach Kaltenleutgeben. Seit 2010 liegen sie still im Grünen. Am Ende der Strecke ragt eine alte Zementfabrik in die Höhe, sie ist der Grund, warum hier bis 2010 überhaupt noch Züge unterwegs waren. Seit die Fabrik leer steht, wurden dann auch die letzten Züge eingestellt.

Bis auf ein paar Vögel und den Straßenverkehr hinter den Bäumen ist es still entlang der Gleise. „Ah, hallo“, ruft unerwartet jemand aus dem Schuppen links von den Schienen. Christian Pühringer lugt heraus, er ist gerade mit einer alten Lok beschäftigt, die dort abgestellt ist.

Ein paar Mal pro Jahr dampft nämlich als nostalgische Attraktion doch noch eine Lok auf der Strecke. Ein paar Schritte weiter steht das alte Schild der Station „Waldmühle“.

Verloren sieht es dort aber wider Erwarten nicht aus. Denn obwohl die Strecke nicht regelmäßig befahren wird, entsteht gerade ein Bahnsteig. Und zwar kein historischer, wie es die lange Geschichte der Strecke vermuten ließe, sondern einer nach modernen Standards: Mit Blindenleitsystem, Beleuchtung und 76 Meter lang.

Moderner Bahnsteig

„Wir haben uns ganz bewusst für diese moderne Bauweise entschieden, damit diese Strecke einmal wieder für den Bahnverkehr genutzt werden kann“, erzählt Fabian Köhazy. Er ist Obmann des ehrenamtlichen Vereins Kaltenleutgebner Bahn. Jedes Wochenende trifft er sich mit ein paar anderen, um die Strecke in Schuss zu halten.

Obwohl die Schienen mitten im dichten Grün liegen, sind sie nicht verwachsen. Um den Grünschnitt kümmert sich der Verein. Aber auch technische Standards überprüfen sie. Herzensprojekt ist nun der neue Bahnsteig. 50.000 Euro kostet der. Das Geld kommt von den Nostalgiefahrten, die der Verein veranstaltet, und einem Kredit, den man extra aufgenommen hat.

Als in den vergangenen Wochen die Wiener Stadträtin Ulli Sima (SPÖ) die Idee einer Straßenbahnlinie von Wien nach Niederösterreich wieder aufleben ließ, war die Freude beim Verein groß. Die Kaltenleutgebner Strecke steht dafür nämlich zur Debatte.

Im Anfangsstadium einer Prüfung der Kaltenleutgebner Bahnstrecke stehen momentan die Wiener Lokalbahnen (WLB), wie Michael Unger,  Sprecher der WLB, dem KURIER mitteilte. „Wir schauen, welche Möglichkeiten es hier gibt, wie man eine Straßenbahnverbindung hier tatsächlich umsetzen könnte“, so Unger.

Die Bahnstrecke ist eingleisig, es müssten also auf jeden Fall Möglichkeiten wie Ausweichstellen geschaffen werden. Großer Vorteil der Strecke wäre, dass es „eine rasche und stauvermeidende Verbindung zum Verkehrsknotenpunkt Liesing gibt“, so Unger.  Die jetzigen Verbindungen (mit dem Bus zum Beispiel) seien laut Unger massiv überlastet.

Weniger erfreut über eine Wieder-Inbetriebnahme der Strecke wären einige Anrainer. In den vergangenen Jahren (als es nur noch Güterverkehr gab) sind mehrere Wohnhausanlagen und Einfamilienhäuser nah an den Gleisen gebaut worden.  Weil die Straßenbahn bei einigen direkt vor dem Balkon vorbeifahren würde, fürchten sich manche Anrainer  vor dem Lärm.  

Neu wäre diese öffentliche Verbindung aber nicht. Von der Streckeneröffnung 1883 bis 1951 brachte hier nämlich schon eine Straßenbahn Leute von Wien nach Niederösterreich und zurück. Kaltenleutgeben war damals ein beliebter Kurort und die Bahn eine Möglichkeit, die Kurgäste an ihr Ziel zu bringen.

Die alte Station Waldmühle um 1900. 

Die Station Waldmühle in den 1930er-Jahren mit einem Personenzug. 

Die Station Waldmühle in den 1930-Jahren.

Damals führte die Strecke sogar noch ein Stück weiter als heute, bis ins Ortszentrum von Kaltenleutgeben. Von 1951 bis 2010 fuhren dann nur noch Güterzüge von Liesing bis zu Waldmühle, wo die alte Zementfabrik steht.

Mark Twain und die Bahn

Etwa 5,5 Kilometer ist die Strecke lang. 25 Minuten brauchte man damals als Fahrgast von Liesing nach Kaltenleutgeben. Die Fahrt dauerte so lang, weil die Strecke fast durchgängig eine leichte Steigung hat. Ganz zum Unmut des bekannten Schriftstellers Mark Twain.

1898 verbrachte er ein paar Monate in Kaltenleutgeben und nutzte die Bahn. In seiner Autobiografie erwähnte er sie weniger schmeichelhaft als die „langsamste Bahn der Welt“. Heute ginge das schon um einiges schneller. Zwölf bis 14 Minuten würde eine moderne Bahn (inklusive Zwischenstopps) brauchen – so die Rechnung von Közahy.

Entlang der Bahnstrecke steht übrigens auch der denkmalgeschützte, historische Bahnhof Perchtoldsdorf.

Kaltenleutgebner Bahn

Kaltenleutgebner Bahn

Kaltenleutgebner Bahn

Kaltenleutgebner Bahn

Kaltenleutgebner Bahn

Die anderen Haltestellen wurden abgerissen. Seit 1951 der Personenverkehr eingestellt wurde, steht das Gebäude leer. Wie in einer Zeitkapsel wirkt der alte „Wartsaal“ mit nie abgehängten Werbeplakaten aus den 50er-Jahren. Vielleicht warten dort sogar bald schon wieder neue Fahrgäste.

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