Vier Menschen starben

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Chronik Österreich
09/06/2019

Vier Tote im Polizei-Hubschrauber: Krisensitzung im Ministerium

Vor acht Jahren zerschellte ein Polizei-Hubschrauber im Achensee: Kommen die wahren Hintergründe nun doch noch ans Licht?

von Dominik Schreiber, Kid Möchel

Im November 2016 platzte die Bombe: Der KURIER veröffentlichte erste Dokumente, die starke Hinweise darauf liefern, dass die Ursache für den Absturz eines Polizei-Hubschraubers in den Achensee (mit vier Toten) vertuscht worden sein könnte. Ein Vogelschlag oder ein epileptischer Anfall wurden als Unfall-Ursache im offiziellen Endbericht des Innenministeriums genannt.

Doch Zeugen, interne Dokumente und Untersuchungen durch Experten ergeben ein ganz anderes Bild.


Es hat allen Anschein als ob der Hubschrauber immer wieder für unmotivierte „Absturzübungen“ und wilde Manöver missbraucht worden sein könnte. Auch die Flugkurve am Unfalltag zeigt wilde Kurven mit haarsträubenden Fluglagen und Fallgeschwindigkeiten von bis zu 20 Metern pro Sekunde.

Der Absturz war bereits 2011

Achteinhalb Jahre danach fand dazu nun am Donnerstag eine Krisensitzung im Verkehrsministerium statt, auch Sektionschefs waren dem Vernehmen nach involviert. Es geht offenbar darum, dass die ganze Sache nun ans Tageslicht kommen könnte. Mittlerweile wurde offenbar ein Endbericht der Untersuchungsstelle des Verkehrsministeriums fertiggestellt.

Dieser dürfte brisant sein, zumindest wurde der Veröffentlichungs-Termin in den vergangenen Monaten bereits mehrfach verschoben. Das Ergebnis hätte laut Bettina Bogner, Chefin der Untersuchungsstelle, spätestens im März 2019 präsentiert werden sollen. Gründe für die Verzögerung wurden bisher keine genannt, auch das Ergebnis der Krisensitzung wurde vorerst nicht bekanntgegeben.

Im März 2011 schlug der Hubschrauber jedenfalls auf dem Achensee auf. Der Pilot Markus P. und drei Insassen (zwei Polizisten sowie ein Schweizer Kollege) waren sofort tot. Die Obduktion ergab keine „relevante Bewusstseinsbeeinträchtigung“ von P. Der Sachschaden betrug rund 15 Millionen Euro.

Das Verkehrsministerium hatte bereits 2012 einen Bericht zum Absturz fertig gestellt, der es in sich hatte. Wie der KURIER Jahre später enthüllte, waren Vogelschlag und ein epileptischer Anfall des Piloten ausgeschlossen worden. Tatsächlich sprach alles dagegen.

Wilde Manöver

Nach dem KURIER-Bericht meldeten sich zahlreiche Zeugen, die zuvor noch niemals befragt wurden: Sie berichteten von halsbrecherischen Manövern des Polizei-Hubschraubers unmittelbar vor dem Absturz und auch einige Tage zuvor. Polizeiinsider sprachen davon, dass der Helikopter quasi als fliegendes Hütten-Taxi im Einsatz war. Ein Gerichtssachverständiger berichtete von „schweren flugdisziplinären Mängel“ im Einsatzbetrieb der Polizei, auch der betroffene Hubschrauber sollte eigentlich die mehr als zehn Kilometer entfernte Grenze überwachen.

Die Neos stellten daraufhin eine Serie von parlamentarischen Anfragen, die enthüllten, dass die Flotte mehr Abstürze hat als die deutsche – obwohl diese fünf Mal mehr Helikopter hat. Seit 1986 stürzten acht Polizei-Hubschrauber ab, 14 Menschen starben, der Schaden betrug 47 Millionen Euro.

Wollte man vertuschen, dass dann ein weiterer wegen Leichtsinn zerstört wurde?

2012 wurde nachträglich ein Gesetz geändert, damit dieser Unfall (und ein weiterer in Deutschlandsberg 2009) nicht vom Verkehrsministerium untersucht werden darf. Der erste Bericht, der das Innenministerium widerlegte, blieb vier Jahre unter Verschluss – bis der KURIER dies enthüllte.

Erst ein Bericht des Rechnungshofes im Jahr 2018 forderte eine neue Untersuchung der Ursache ein, die nun beendet wurde. Dass vor der Veröffentlichung eine „Abstimmungssitzung“ zwischen den beiden Ministerien einberufen wurde, lässt die Spekulationen jedenfalls mehr blühen als jemals zuvor.

Der Leiter der Flugpolizei des Innenministeriums, Werner Senn, wurde vom KURIER mehrfach schriftlich um Stellungnahmen zu allen Vorgängen gebeten, antwortete allerdings nie auf die Fragen.

*UPDATE am 6.9. um 11:06 Uhr: Stellungnahme des Verkehrsministeriums

Das Verkehrsministerium hat nun auf den KURIER-Artikel reagiert und erklärt, dass sich die Veröffentlichung des Berichts um "ein bis zwei Wochen" verzögern wird. Im Rahmen der Sitzung habe "das Innenministerium um eine ergänzende Datenauswertung ersucht", denen das Verkehrsministerium nun nachkommen möchte. Das habe aber keine gröbere Änderung an dem Bericht zur Folge, wird betont.