Chronik | Österreich
31.05.2017

Neue Ungereimtheiten um Achensee-Absturz

"Blitzobduktion" an Piloten des Polizeihubschraubers, hohe Direktzahlungen an Hinterbliebene und wenig Interesse an Zeugen.

Der Absturz eines Polizeihubschraubers in den Tiroler Achensee mit vier Toten gibt neue Rätsel auf. Nachdem der KURIER im Vorjahr bereits berichtete, dass es Hinweise darauf gibt, dass die Ursache für das Unglück "frisiert" worden sein könnte, liefert die Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage durch das Innenministerium nun neue Ungereimtheiten.

Der Eurocopter war im März 2011 offenbar bei einem missglückten Tiefflugmanöver über dem See abgestürzt. Der Pilot flog laut Aufzeichnungen zuvor minutenlang in wilden Manövern durch das Tal und raste dann im Tiefflug auf die Wasseroberfläche zu – diese war aufgrund der Windstille spiegelglatt und nicht genau auszumachen. Entsprechendes war in einem Absturzbericht des Verkehrsministeriums zu lesen, der dann per Gesetzesänderung ausgesetzt wurde.

Ein daraufhin verfasster Bericht des Innenministeriums kam zu dem Schluss, dass statt Leichtsinn ein epileptischer Anfall oder ein Vogelschlag zum Absturz geführt haben könnte. Doch beide Unglücksursachen waren von allen ermittelnden Experten zuvor völlig ausgeschlossen worden. Auch Zeugen widersprachen dem.
Dennoch halten der Leiter der Flugpolizei, Werner Senn, und das Ministerium an dieser Version fest. Dem widersprechen allerdings auch interne Polizeiprotokolle und der endgültige Obduktionsbericht, der eine "relevante Bewusstseinsbeeinträchtigung vor dem Aufschlag" ausschließt.

Obduktion in einer Stunde

Eine Anfrage der Neos wirft neue Fragen auf. So wurde die Leiche des Piloten erst einige Tage nach dem Absturz aus dem See geborgen. Die Leiche wurde um elf Uhr in die Gerichtsmedizin gebracht – das vorläufige Ergebnis bereits um 12 Uhr an einen anwesenden Kriminalisten übermittelt und an die Medien weiterverbreitet. Eine Obduktion dauert laut Gerichtsmedizinern allerdings in der Regel zwei bis vier Stunden.

Laut einem damaligen Unfallermittler habe eine Verwandte des an Bord befindlichen Schweizer Grenzschützers an der Unfallstelle behauptet, dass dieser oft in Tirol mitflog, weil dort schärfere Manöver als daheim geflogen werden. Die Frau sei später aber nicht mehr bereit gewesen, diese Aussage zu protokollieren.

653.000 Euro

Offenbar wurden relativ rasch knapp 653.000 Euro an Hinterbliebene ausbezahlt. Direkt und ohne allfällige Prozesse. Und das bei einem Unfall, der angeblich wegen höherer Gewalt (wie Vogelschlag) passiert sein soll. Diese Zahlungen "erfolgten nach den Bestimmungen des Wachebediensteten-Hilfeleistungsgesetzes und des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches" heißt es dazu in der Beantwortung.

Ein Zeuge, der sich nach den Medienberichten bei der Flugpolizei meldete und berichtete, zuvor zwei Mal Absturzübungen beim Achensee beobachtet zu haben, wollte demnach seine Personalien nicht bekannt geben. Derselbe Mann meldete sich allerdings bei verschiedenen Medien und gab seinen Namen auf Nachfrage bekannt. Genauso wie ein weiterer Zeuge, der den Unglücksflug beobachte und schon vorher wilde Manöver beobachtet hatte.

Laut Innenministerium stimmen solche Berichte aber nicht mit den Aufzeichnungen des Flugdatenerfassungsprogramms überein.