Immer wieder versuchen betrügerische Anrufer ihren Opfern Geld zu entlocken.

© APA/dpa/Julian Stratenschulte

Chronik Österreich
06/01/2020

Verliebt, verführt, verarmt: Heiratsschwindel in Corona-Zeiten

Die Corona-Krise hat das Geschäft mit digitalem Heiratsschwindel, also Loce Scam, für die Täter einfacher gemacht.

von Birgit Seiser

Am Anfang sind es nur nette Nachrichten mit Komplimenten auf Sozialen Netzwerken. Bald folgen tiefgründigere Chats. Und dann liest man die Worte: I love you. So locken sogenannte Love Scammer, also Liebesbetrüger im Internet, ihre Opfer in die Falle.

Seit dem Ausbruch der Corona-Krise haben viele Menschen mit Einsamkeit zu kämpfen.

Verbreitung
Die Täter sind meist in Banden organisiert. Vor allem in Russland, in  Ghana und Nigeria haben sich Betrüger auf Love Scamming spezialisiert. Die meisten europäischen Opfer gibt es  in Großbritannien  

800 Anfragen
erhält die Selbsthilfegruppe SOS Liebesbetrug pro Woche. In vielen Fällen handelt es sich um Angehörige, die nicht mehr wissen, wie sie das Familienmitglied überzeugen sollen, dass es den Partner gar nicht gibt

Singlebörsen
sind in den letzten Jahren immer mehr zum Platz für Love Scams geworden. Die Seitenbetreiber haben nur wenig Chancen, die Betrüger zu sperren, denn die machen einfach mit einem neuen Foto weiter

3,5 Millionen Euro
war der höchste Schaden, den ein Scammer bei einer Frau im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren verursachte

Diese Situation ist für Betrüger wie ein Selbstbedienungsladen, wie Claus Kahn, Leiter des Büros zur Bekämpfung von Betrug, Fälschung und Wirtschaftskriminalität des Bundeskriminalamts (BK), dem KURIER bestätigt: „Die Täter haben sich schnell auf diese Krise eingestellt. Sie haben die Zeit, in der sowieso niemand reisen konnte, genutzt, um das Vertrauen der Opfer zu gewinnen. Von den Kontakten, die seit dem Ausbruch der Krise entstanden sind, werden bald erste Geldforderungen kommen. Wir befürchten in nächster Zeit viele neue Fälle.“

Die Methoden, die Scammer anwenden, sind immer ähnlich. Sie schicken gestohlene Fotos von Soldaten, erfolgreichen Geschäftsmännern oder wunderschönen Frauen.

Wer sind die Love Scammer?

Hinter diesen Bildern sitzen kriminelle Banden, etwa in Russland oder Afrika, die sich die schönsten Liebesgeschichten ausdenken. „Meistens schreiben die Scammer mit mehreren Personen gleichzeitig. Durch das Internet fehlt die persönliche Einschätzung des Gegenübers. Und die Opfer merken nicht, dass sie nur eine Nummer sind. Sobald Geld gefordert wird, muss einem klar werden, dass es nicht um Liebe geht“, sagt Kahn.

Wer denkt, einem selbst könnte das nicht passieren, fühlt sich zu sicher. Uschi Tschorn betreibt die einzige Love-Scam-Selbsthilfegruppe für Österreich, Deutschland und die Schweiz. Sie selbst wurde 2016 zum Opfer. Pro Woche erhält sie bis zu 800 Anfragen von anderen.

„Selbst wenn die Opfer schon wissen, dass es Betrug ist, kommen viele nicht davon los. Sie sind in die Vorstellung verliebt, die sie sich von der Beziehung gemacht haben. Obwohl sie den Partner nie im echten Leben gesehen haben. Die Scammer bekunden tagelang ihre Liebe und melden sich dann plötzlich nicht mehr. Dann kommt endlich eine Nachricht, und man atmet auf. Es ist ein Spiel mit tiefen Emotionen, zu vergleichen mit einem Drogenrausch“, sagt Tschorn.

Sie selbst reiste nach Ghana, dem Land, von wo aus der Scammer in ihrem Fall agierte. „Das sind professionell organisierte Gruppen, die meistens aus vier oder fünf Personen bestehen. Sie machen das hauptberuflich“, sagt Tschorn – und der „Beruf“ ist lukrativ und in manchen Ländern zum Wirtschaftsfaktor geworden. Laut der Expertin schicken die Opfer durchschnittlich 100.000 bis 280.000 Euro an die Täter. Die höchste Schadenssumme in Österreich betrug laut BK 900.000 Euro.

"Opfern kann man keinen Vorwurf machen"

Das Geld wird meist mittels einer angeblichen Notsituation herausgelockt. Die Scammer behaupten, jemand aus ihrer Familie wäre erkrankt und müsste teuer behandelt werden. Oder sie würden die Opfer gerne besuchen, könnten sich die Reise aber nicht leisten. Wird bezahlt, kommen neue Forderungen. Laut Kriminalist Kahn hören die Täter erst dann auf, Geld zu fordern, wenn absolut nichts mehr zu holen ist.

Keine telefonische Auskunft
Die Polizei würde am Telefon niemals danach fragen, welche Wertgegenstände Sie zu Hause haben und wie hoch Ihr Kontostand ist. Geben Sie  niemals entsprechende Informationen am Telefon bekannt. Beenden Sie das Gespräch sofort bzw. fragen Sie vorher nach Namen, Dienststelle und Erreichbarkeit. Verständigen Sie die Polizei. Sollten die Betrüger mit ihrer Masche Erfolg gehabt haben, erstatten Sie sofort Anzeige. Keine falsche Scham

Ältere Verwandte warnen
Die Polizei bittet jedenfalls jüngere Familienmitglieder und Bekannte darum, ältere Personen vor Anrufen von falschen Polizisten zu warnen

„Man kann den Opfern keinen Vorwurf machen. Zuerst ist man verliebt, erzählt Familie und Freunden davon, und plötzlich ist alles weg. Opfer müssen dann verstehen, dass sie aber keine Liebe, sondern Geld verloren haben. Das ist schwierig“, sagt Kahn.

Betroffen seien gleich viele Frauen wie Männer aller Altersgruppen. Oft fallen sie danach so tief, dass sie später psychologische Hilfe brauchen, wie Uschi Tschorn sagt.

„Diese Menschen haben echt geliebt und stehen dann plötzlich ohne Geld und mit Liebeskummer da.“

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