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Chronik Österreich
02/06/2021

Trotz Impfung einsam im Heim: "Es ist zum Heulen"

Pflegeheime sind "weitgehend durchgeimpft", dennoch bleiben die restriktiven Besuchsregeln: Angehörige verzweifeln.

von Elisabeth Holzer, Christian Willim

Maria ist 90, ihr Körper tut nicht mehr recht mit: Seit sie vor ein paar Jahren erblindete und auf einen Rollstuhl angewiesen ist, lebt die Steirerin im Pflegeheim.

Nun ist die betagte Dame aber geistig fit, oder besser: sie ist es noch. "Die Tante verfällt immer mehr, sie verabschiedet sich immer mehr von der Welt", beschreibt ihre Nichte (Name der Redaktion bekannt). "Ihr Lebenswille verschwindet, sie ist einsam. Das ist zum Heulen und zum Schreien."

Nur ein Besucher pro Woche

Die Besuchregeln des Pflegeheimes, in dem Maria untergebracht ist, sind gemäß der Vorgaben des Bundes strikt: Einmal pro Woche darf ein Bewohner einen Besucher empfangen -  für 30 Minuten. Der wiederum muss vorab festgelegt werden: Pro Bewohner sind nur zwei Kontaktpersonen erlaubt, die sich wöchentlich abwechseln dürfen, negative Corona-Tests vorlegen und FFP2-Masken tragen müssen.

Heim durchgeimpft

Die strengen Vorschriften sind der Pandemie geschuldet und sollen helfen, die Ansteckungen in der besonders verletzlichen Gruppe zu senken. "Das verstehe ich alles", versichert Marias Nichte. "Aber das Heim ist völlig durchgeimpft, auch mit der zweiten Impfung. Kann man dann die Maßnahmen nicht lockern?"

Zwischen erster und zweiter Teilimpfung liegen mehrere Wochen. In dieser Zeit ist das Risiko einer Infektion mit dem Coronavirus nicht zur Gänze gebannt. Laut Virologin Christina Nicolodi könnte es bis zu 20 Tage dauern, bis ausreichend Antikörper aufgebaut sind, um eine Infektion zu verhindern

Möglicher Antrieb
Ein schwerer Verlauf trotz erster Teilimpfung sei aber sehr unwahrscheinlich. Eine Infektion nach der ersten Dosis könnte im besten Fall symptomlos sein und ein Antrieb für den Antikörper-Aufbau sein

Keine Änderung

Das Gesundheitsministerium bedauert und winkt ab: "Bis zum Vorliegen zusätzlicher Erfahrungen müssen die bestehenden Testprogramme und Hygienemaßnahmen aufrechterhalten werden", heißt es am Freitag. Die Impfung biete „nach derzeitigem Wissenstand einen Individualschutz“, doch es sei unklar, ob Geimpfte nicht dennoch das Virus weitergeben können.

Das sei entscheidend, denn: Ein gewisser Teil der Bewohner in Heimen könnte derzeit einfach nicht geimpft werden, etwa aus medizinischen Gründen. „In der Pandemiesituation ist auch zum Schutz dieser Personen die weitere Aufrechterhaltung gewisser Test und Hygienemaßnahmen erforderlich, um eine unbemerkte Ausbreitung und Infektion der ungeimpften Bewohner zu vermeiden“, begründet ein Sprecher des Ministeriums.

Herdenimmunität nötig

Auch Virologe Christoph Steininger bremst allzu große Erwartungen auf rasche Änderung: "Das Ziel ist, Herdenimmunität zu erreichen, dann können wir fix Entwarnung geben." Das würde zumindest eine Durchimpfungsrate von 70 Prozent voraussetzen in ganz Österreich. "In einem Heim lebt nur ein kleiner Teil der Österreicher, wir brauchen aber die Durchimpfungsrate in der gesamten Bevölkerung."

43 Prozent der Todesopfer

Tatsächlich bereiteten Ärzten und Gesundheitsexperten die Senioren, speziell jene in Heimen, von Beginn der Corona-Pandemie an die größten Sorgen: 3.426 infizierte oder erkrankte Heimbewohner sind seit dem Vorjahr gestorben das sind 43 Prozent aller Todesopfer, die mit dem Coronavirus in Zusammenhang stehen.

Dennoch Ansteckungen

Gesundheitsminister Rudolf Anschober berichtete erst kürzlich, dass in 90 Prozent der Heimen bereits geimpft wurde, die Erstimmunisierungen seien "weitgehend" erledigt. Er rechnet insgesamt mit einer Impfquote von 80 bis 90 Prozent unter den Bewohnern. Dennoch gibt es auch dort Neuansteckungen, etwa in einem steirischen Heim, in dem erst kürzlich erste Vakzine verabreicht worden waren.

74.000 Heimbewohner

Maria ist bei Weitem kein Einzelfall. Rund 74.000 Senioren leben in den rund 900 Heimen Österreichs. Die Aussicht auf Erleichterungen für Bewohner und Besucher wird aktuell auch durch die ungewisse Lage mit Hinblick auf die Virusmutationen gedämpft. "Die Zeichen stehen nicht auf Öffnung", sagt Robert Kaufmann, Obmann der ARGE Tiroler Altersheime.

Reduktion auf Minimum

Im Bundesland sind wegen der aktuellen Bedrohungslage durch die südafrikanische Covid-Mutation – gegen die Impfungen vermutlich weniger Schutz bieten – vielmehr Verschärfungen angesagt. Die Heime wurden am Freitag vom Land angehalten, "Besuche auf ein Minimum zu reduzieren".

Auch wenn sich alle – Bewohner, Angehörige und Mitarbeiter – nach Lockerungen in den Heimen sehnen würden, steht für Kaufmann fest: „Wir können nicht 20 Meter vor dem Ziel einen Bauchfleck riskieren.“

Zweite Impfrunde

In dem von ihm geleiteten Heim „s’zenzi“ in Zirl stand Freitagabend gerade die zweite Impfrunde an. In der ersten Runde ließen sich 90 Prozent der Bewohner das Vakzin verabreichen. „Ich hoffe, dass es wirkt“, sagt der Heimleiter. Dass weiter Vorsicht geboten ist, zeigt sich für ihn daran, dass es in Tirol erst in jüngster Zeit zwei Ausbrüche in Heimen gab.

"Warum nur 30 Minuten?"

Marias Nichte kann die Maßnahmen verstehen, aber nicht die restriktive Handhabung der nötigen Sozialkontakte. "Warum nur ein Besucher pro Woche, wenn man sich testen lassen muss? Warum nur 30 Minuten und nicht länger? Ich will eine Perspektive vom Minister hören." Das Warten auf eine hohe Durchimpfungsrate im gesamten Land könne sich bis in den Herbst ziehen, befürchtet die Angestellte. "Und da weiß ich nicht, wie viele Leute in den Heimen das noch erleben werden."

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