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Chronik Österreich
11/01/2021

Trauerbegleitung: Über ein Tabu namens Tod

Unsere Gesellschaft verdrängt das Sterben. Dabei braucht es die Trauer, um den Verlust zu verkraften.

von Valerie Krb

Der Weg von der Arbeit nach Hause ist für Kathrin Unterhofer eine Art Katharsis. Sie braucht diese eine Stunde, um Distanz zu gewinnen. Distanz zu dem Schmerz, dem sie täglich begegnet. Und die sie braucht, um helfen zu können.

Kathrin Unterhofer ist Trauerbegleiterin bei der Caritas. Seit zwölf Jahren unterstützt sie Menschen in ihren schwersten Stunden. Nach dem Verlust ist sie diejenige, die der Trauer ihren nötigen Raum gibt. Die die Tränen des Gegenübers aushält. Und die dabei hilft, den Alltag trotz des allgegenwärtigen Todes zu meistern.

Unsere Gesellschaft verdrängt das Sterben. Das Trauerjahr hat ausgedient. Ebenso schwarze Kleidung als Erinnerung an den Verstorbenen. Was geblieben ist, ist das Begräbnis als letztes und einziges Ritual, um sich zu verabschieden. Dabei sei Trauern die Lösung und nicht das Problem, schreibt die deutsche Trauerbegleiterin Chris Paul.

Angst vor der Trauer

„Trauer ist Ausdruck von Liebe und Verbundenheit mit dem verstorbenen Menschen“, sagt Kathrin Unterhofer, die die Kontaktstelle Trauer der Caritas leitet. Und es braucht Trauer, um Verlust zu verkraften. Umso tragischer ist es, dass sie in unserer Gesellschaft keinen Platz hat. Viele hätten Angst, Trauernden zu begegnen. Wüssten nicht, wie sie damit umgehen sollen, erklärt Unterhofer. „In unseren Trauergruppen zeigen sich Betroffene immer wieder verletzt, weil sie von ihrem Umfeld gemieden werden.“ Sie möchte die Menschen ermutigen, auf Trauernde zuzugehen.

Dagmar R. hat das selbst erlebt. Ihr Partner verstirbt nur drei Tage vor seinem 46. Geburtstag völlig unerwartet an Herzversagen. „Außerhalb meiner Familie wusste kaum jemand, wie man damit umgehen soll. Nach dem Kondolieren war das Thema für die meisten abgeschlossen“, sagt Dagmar R.

Sie erzählt von ihrem Tal der Hoffnungslosigkeit und wie ihr Leben in ein Davor und ein Danach zerrissen wurde. Ihre Trauerarbeit sei zudem von den Erwartungen von außen erschwert und der Verlust verharmlost worden.

In einer Trauergruppe der Caritas lernt Dagmar R. andere Frauen und Männer kennen, die ihren Partner früh verloren hatten. Sie beschließen, den Young Widow_ers Dinner Club zu gründen. Seit 2017 trifft sich die Gruppe aus Witwen und Witwern zwischen 20 und 50 Jahren, um essen zu gehen, zu plaudern, einander Halt zu geben. Es tue gut, ohne Erklärung verstanden zu werden. „Wenn man in so einem Alter den Partner verliert, steht man komplett alleine da.“ Der Club sei eine sichere Zone, frei von Ratschlägen und Plattitüden. Trauernde würden Menschen brauchen, die sie unterstützen und nicht die Trauer beseitigen wollen. Im Club würde man sich gegenseitig in seinem individuellen Trauerweg bestärken.

Der erste Todestag

Individuell ist auch ein wichtiges Stichwort für Trauerbegleiterin Kathrin Unterhofer. Die Psychotherapie ging lange davon aus, dass Trauer strikte Phasen durchläuft. Nach dem Schema: zuerst Leugnen, dann Zorn, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Doch jeder gehe anders damit um, immer wieder könne es Rückschläge geben. „Vor allem vor dem ersten Todestag kommen viele Erinnerungen hoch“, sagt sie.

Auch der Herbst sei eine Zeit, in der sich besonders viele an die Kontaktstelle Trauer wenden würden. Mit der dunkleren Jahreszeit beginne der Rückzug ins eigene Heim, noch dazu ist Allerseelen. Heuer komme noch etwas dazu. Viele Menschen, die während der Pandemie jemanden verloren haben, hätten die Suche nach Hilfe aufgeschoben und würden sich erst jetzt welche suchen.

Auch die Trauerbegleitung ist individuell: „Ich würde zum Beispiel keine Eltern begleiten, die ihr Kind verloren haben, weil ich selbst ein kleines Kind habe.“

Beratung und Begleitung
Die Caritas, das Rote Kreuz und die Initiative Rainbows bieten Unterstützung für Trauernde. Akuthilfe gibt es auch beim Sozialpsychiatrischen Notdienst unter 01/31330 und bei der Telefonseelsorge unter 142.

91.599 Menschen sind in Österreich im Jahr 2020 gestorben. Das war um ein Zehntel mehr als im Jahr davor, was auch auf die Pandemie zurückzuführen ist.

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