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Chronik Österreich
02/28/2022

Tausende Gewalttäter mussten schon zur Therapie

Seit 6 Monaten verpflichtend: Der Verein Neustart betreute seither 4.000 Personen.

von Michaela Reibenwein

Was übrig bleibt, ist oft die Scham. Das Unbehagen, darüber zu sprechen. Die Angst vor Konsequenzen. Sei es eine Trennung oder eine Verurteilung.

Seit einem halben Jahr müssen Gewalttäter verpflichtend zur Therapie. Es sind nicht nur solche, die tatsächlich zugeschlagen haben. Auch solche, die ihre Wut nicht mehr bändigen konnten und gegen Wände gedroschen oder massive Drohungen ausgesprochen haben.

Rund 4.000 Klienten hat der Verein Neustart seither zugewiesen bekommen – Neustart stellt das Angebot in den Bundesländern Wien, Burgenland, Niederösterreich, Oberösterreich und Steiermark. „Das sind deutlich mehr als gedacht“, sagt Dina Nachbaur. Sie leitet die Gewaltpräventionsberatung.

Die Klienten sind zu 90 Prozent Männer. Das häufigste Motiv ist Eifersucht. Und die Bereitschaft der Täter, darüber zu sprechen, überraschend groß. „Mehr als 70 Prozent melden sich in den ersten fünf Tagen“, sagt Nachbaur. „Sie spüren einen Mitteilungsbedarf. Und sie sind in einer Krisensituation, können nicht zurück in die Wohnung.“

Sechs Stunden Zeit

Sechs Stunden lang haben sie Zeit, über das Geschehene zu sprechen. Ihre Perspektive zu schildern, sich in die anderen Familienmitglieder einzufühlen. Herauszufinden, wann genau der Zeitpunkt des „No return“ war. Und Strategien zu finden, wie sie künftig mit solchen Situationen umgehen können.

„Viele spüren es auch körperlich, bevor sie explodieren. Da geht es um den sprichwörtlichen dicken Hals oder heiße Hände“, weiß Nachbaur. Spätestens dann braucht es einen Notfallplan. „Abstand halten, keine Gegenstände in die Hand nehmen. Am besten eine Auszeit, rausgehen. Und auf keinen Fall Alkohol oder Suchtmittel konsumieren oder Freunde aufsuchen, die dann noch aufstacheln“, erklärt die Juristin und Kriminalsoziologin.

Was ebenfalls helfen kann: Safe Words mit dem Partner oder der Partnerin vereinbaren, die deutlich machen: Jetzt keinen Schritt weiter.

„Für viele ist es ein Weckruf, wenn die Polizei da steht und jemanden auffordert, die Wohnung zu verlassen. Doch nicht alle sehen die verpflichtende Betreuung ein. „Oft wird die Schuld beim Opfer gesucht und das eigene Handeln relativiert“, erklärt Nachbaur. Frei nach dem Motto: „Das machen eh alle. So schlimm war es ja nicht.“

Keine Frage des Alters

Der Großteil der Betreuten ist zwischen 40 und 50 Jahre alt. Doch es sind auch 14-Jährige dabei. Genauso wie Männer über 80. Bei fremdsprachigen Gewalttätern wird online ein Dolmetscher zugeschaltet.

Die sechsstündige Therapie sei oft ein Anstoß, sagt Nachbaur. „Einige wollen danach freiwillig weitermachen. Etwa mit Anti-Gewalt-Trainings.“ Und es gibt solche, die erneut zur Therapie müssen: „Nach sechs Monaten verzeichnen wir auch Wiederholungstäter“, berichtet Nachbaur.

Wer sich vor der Therapie drücken will, kommt nicht weit. Dann drohen Strafen bis 5.000 Euro und polizeiliche Vorladungen. Im schlimmsten Fall sogar eine polizeiliche Vorführung.

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