© Tobias Pehböck

Interview
01/31/2020

Tatortreinigerin: "Menschen müssen sterben"

Eine 26-Jährige hat hauptberuflich mit dem Tod zu tun. Kamila Horvath-Karwas' Arbeit beginnt,wenn die Polizei fertig ist.

Nicht bei allen Kriminalfällen finden Ermittler auch eine Leiche vor, aber wenn, dann ist es immer auch ein Auftrag für die Tatortreiniger. Nachdem an einem Tatort alle Spuren des Verbrechens gesichert sind, rückt Kamila Horvath-Karwas an, um den Ort wieder so aussehen zu lassen, wie er vor der Tat war. Doch nicht nur Morde beschäftigten die 26-Jährige hauptberuflich.

Tatortreiniger werden auch gerufen, wenn Tote erst nach Wochen gefunden werden. Dabei ist ihre Arbeit ganz anders, als es im Fernsehen in Serien zu sehen ist, sagt Horvath-Karwas. Sie spricht auch darüber, wie es ist, einen Tatort zu betreten, mit welchen Mitteln man Leichenrückstände beseitigt und wie sie zu dem doch ungewöhnlichen Beruf gekommen ist.

Kamila Horvath-Karwas: Durch meine Eltern. Begonnen hat die Geschichte mein Ehemann. Er hat Jus studiert und auf der Uni in einer Vorlesung vom Beruf des Tatortreinigers gehört. Wir fanden das alle gleich sehr interessant. Nachdem mein Vater einen Schlaganfall hatte, musste er leider seine Baufirma aufgeben. In der Reha hat er dann die Pläne für die Tatortreinigungsfirma umgesetzt.


Wie kann man sich den Alltag eines Tatortreinigers vorstellen?

Eigentlich kann man das gut mit drei Wörtern beschreiben: Flexibel. Spontan. Lernbereit. Der Beruf ist sehr abwechslungsreich. Wir sind 24 Stunden am Tag erreichbar, siebenmal in der Woche.

Also rund um die Uhr. Wollten Sie eigentlich nie etwas anderes machen?Naja. Als Kind wollte ich immer Medizinerin werden. Nach der Schule habe ich studiert und später in einer Personalabteilung gearbeitet. Irgendwann haben meine Eltern gemeint, dass wir immer mehr Arbeit haben und ob ich mir vorstellen könnte, mitzuarbeiten.

 

Hören Sie hier das gesamte Interview als Podcast:

Wer beauftragt Sie, sind das Angehörige oder Polizei und Rettung?

Zu 90 Prozent sind es Privatpersonen und Hausverwaltungen. Wenn etwa jemand alleine gelebt hat und schon länger tot ist, dann ist es meistens die Hausverwaltung, die uns kontaktiert.

Auf ihrer Webseite steht: „Wir reden nicht viel und wir hören auch kein Radio.“ Ist das wichtig?

Ja es ist so, dass wir sehr diskret und sehr konzentriert arbeiten müssen. Die Angehörigen dürfen nicht am Tatort beziehungsweise am Leichenfundort sein, aber sie sind oft in den Nebenräumen. Man muss auch auf die Betroffenen achten. Selbstverständlich reden wir miteinander, das ist auch sehr wichtig, aber Radio zu hören ist pietätlos.

Was war bisher Ihr schwierigster Einsatz?

Es gibt keinen leichten Einsatz, egal ob Mord, Selbstmord oder Leichenfund. Man macht sich immer Gedanken, warum und wie so etwas passieren konnte.

Ist ein Selbstmord etwas Schlimmeres als ein normaler Leichenfund. Oder ist es der Mord?

Für mich ist es der Mord. Weil es wie gesagt die persönliche Ebene betrifft. Vor allem wenn ein Vater die Mutter umgebracht hat oder sich selbst umbringt und die Kinder bleiben zurück und man sieht dann den Tatort. Man fragt sich dann schon, warum ist das passiert? Was muss eigentlich in einem Menschen vorgehen? Und könnte mir das auch passieren? Natürlich stelle ich nur mir selbst die Fragen. Wir dürfen und wir stellen auch niemanden anderen diese Fragen.

Sie kommen erst zu Schauplätzen, wenn die Tatortgruppe ihre Arbeit schon abgeschlossen hat. Haben Sie je eine Leiche gesehen?

Nein. Wir sehen keine Leichen mehr, wenn wir den Tatort oder Leichenfundort betreten, finden wir nur mehr Körperflüssigkeiten und teilweise Körperüberreste vor. Wenn wir die finden, geben wir sie in einen Behälter und dann dem Bestatter.

Ganz intensiv ist bei Leichenfunden auch der Geruch. Wie hält man das aus und kann man sich daran gewöhnen?

Naja. Es hängt davon ab, wie lange die Leiche gelegen hat, auch wie hoch die Raumtemperatur ist. Im Sommer riecht es mehr. Aber man kann sich eigentlich an alles gewöhnen.

Wie sieht eine Leiche nach zwei oder vier Wochen aus?

Leichen sehen wir, wie schon gesagt, nicht – nur mehr die Überreste. Die Leiche zersetzt sich nach zwei Wochen, dass sehen wir auch durch die Körperflüssigkeiten. Das sind dann genau diese 20 bis 40 Prozent die am Leichenfundort verbleiben.

Gibt es Unterschiede im Arbeitsaufwand zwischen einem normalen Leichenfund oder einem Mord?

Es hängt vom Verwesungsprozess ab. Wir hatten schon Leichenfundorte, an dem die Leiche schon über ein Jahr gelegen hat. Da ist sicher mehr zu machen. Bei einem Tatort, an dem sich jemand erschossen hat, ist das Blut überall verteilt und auch die Körperüberreste.

Wie oft werden Sie zu einem Mord gerufen? Ist das häufiger, als man denkt?

Momentan ja. Es hängt auch von der Jahreszeit ab, jetzt im Winter werden wir öfter gerufen. Aber auch nach dem Winter, wenn es wärmer wird und die Betroffenen keine Familie hatten und es merkt niemand, dann bemerkt man es erst am Verwesungsgeruch, der aus der Wohnung kommt. Aber wir werden schon ein paar Mal in der Woche gerufen.

Es gibt also saisonale Schwankungen. Gibt es im Sommer weniger zu tun?

Nein es ist auch im Sommer genug zu tun aber dann sind es mehr die Leichenfunde. Mord ist halt das, was man in den Nachrichten hört – und das machen wir auch regelmäßig– aber das meiste sind Leichenfundorte. Wir werden teilweise sogar zweimal am Tag angerufen, dann am nächsten Tag wieder nicht. Im Durchschnitt zwei bis dreimal die Woche.

Welche Materialien verwenden Sie, wenn Sie einen Leichenfundort oder Tatort reinigen müssen, das werden wohl nicht die gängigen Haushaltsmittel sein oder?

Genau. Wir verwenden Spezialreiniger. Wir arbeiten auch mit Schutzanzügen, das ist sehr wichtig. Wir haben Überzugsschuhe, Hauben, Masken und Brillen, weil die Bakterien, die dort vorhanden sind, sehr gefährlich werden können. Auch Polizisten, Feuerwehrmänner oder Rettungskräfte bekommen von uns Überzugsschuhe und Handschuhe.

Warum ist das so wichtig?

Viele wissen nicht, was der Betroffene hatte, wenn sie den Tatort betreten. Wenn man in die Flüssigkeiten steigt und nachher nach Hause fährt, und zum Beispiel der Hund die Schuhe ableckt und später das Kind im Gesicht, dann verteilen sich die Bakterien. Die können bis zu einem Jahr später noch vorhanden sein. Wir arbeiten deshalb auch mit speziellen Kübeln der MA48. Dort geben wir den humanen Abfall rein und lassen das bei 1200 Grad in Simmering verbrennen, damit nichts passieren kann.

Wie lange dauert so ein Reinigungsprozess?

Das hängt auch vom Leichenfundort ab. Die Reinigung und Desinfektion von einem Leichenfundort dauert in der Regel von 3 Stunden bis zu einen Tag

Wie darf man sich in Ihrer Firma die Arbeitsaufteilung vorstellen, sind alle am Tatort?

Wir sind ein Familienunternehmen. Das heißt, die Tatorte machen wir nur mit der Familie. Das meiste macht meine Mama und ich helfe ihr so oft wie möglich. Das ist ein heiliger Raum für die Betroffenen und da muss man gut und diskret arbeiten. Deswegen haben wir keine Beschriftungen auf den Autos oder unseren Anzügen. Diskretion ist uns sehr wichtig.

Was kostet denn eine Tatortreinigung?

Das kann man pauschal nicht sagen. Das ist so wie bei einer Autopanne, da kann es der Mechaniker auch nicht gleich sagen. Ich kann nur sagen, dass es bei 300€ aufwärts beginnt. Es kommen ja oft noch Sachen dazu, wie dass wir die Wohnung räumen müssen. Und die Spezialreinigungsmittel sind auch nicht billig. 100g Luminol kosten zum Beispiel mehr als 600 Euro.

Kann diese Reiniger jeder kaufen oder nur Sie?

Nur Gewerbebetriebe. Das sind spezielle Mittel, die man nicht einfach so verwenden kann, die können sehr gefährlich sein. Es bedarf auch einer besonderen Schulung im Umgang mit Reinigung, Desinfektion, Viren und Bakterien.

Haben Sie die TV-Serie „Der Tatortreiniger“ gesehen? Ja, ich fand sie sehr lustig und amüsant, aber sie hat eigentlich nichts mit unserem Beruf zu tun. Er macht alles falsch, was man falsch machen kann.

In der Serie kommt der Hauptdarsteller immer wieder mit Hinterbliebenen in Kontakt. Wie viel Kontakt haben Sie mit den Hinterbliebenen und wie professionell muss man hier sein, dass das einen nicht selbst zu stark belastet?

Wir haben schon regelmäßig Kontakt mit den Hinterbliebenen. Es ist aber so, dass wir meist am direkten Leichenfundort bleiben. Die Hinterbliebenen bleiben in den Nebenräumen und räumen auf. Wir stellen keine Fragen nach dem Warum. Das geht uns auch nichts an und belastet uns vielleicht auch privat.

Kann man nach einem Einsatz am Abend einfach so abschalten? Geht das einem nicht weiter durch den Kopf?

Das ist schon auch ein Lernprozess gewesen, damit umzugehen. Es ist aber einfach so, dass wir zu Hause darüber sprechen. Ich denke, das ist bei jedem Beruf so.

Reden Sie mit Psychologen darüber, was sie sehen?

Ja wir haben Supervision. Wir können der Psychologin immer alle Fragen stellen und sie stellt uns Fragen, damit wir das besser verarbeiten können. Ich habe auch noch nie von einem Tatort geträumt – das ist schon mal gut.

Sie haben aufgrund Ihrer Arbeit zwangsweise sehr viel mit dem Tod zu tun, wie stehen Sie selber zu dem Tod beschäftigt Sie das oft?

Naja der Tod ist etwas Normales. Menschen werden geboren, Menschen müssen sterben. Es hängt nur davon ab, ob es sich um eine Person handelt, die schon älter ist und etwa mit 80 oder 90 Jahren stirbt. Da entsteht ein einfacher Leichenfund. Oder ob das ein Kind betrifft oder einen Vater oder eine Mutter, die sich selbst umbringt oder umgebracht wird. Das ist dann was, dass mich schon mehr mitnimmt.

 

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