© Tobias Pehböck

Interview
10/06/2019

Psychiater Haller: "Gefährlich ist nicht der finstere Wald, sondern das eigene Heim"

Reinhard Haller ist einer der renommiertesten Psychiater des Landes. Im Video-Interview spricht er über Jack Unterweger, Franz Fuchs, seinen Alltag und Mängel im System.

von Yvonne Widler

„Sie ist die Psychologie des Menschen, aber gekleidet in sehr spannende Geschichten - das ist Kriminologie“, sagt der Psychiater und Gutachter Reinhard Haller„In der Psychiatrie können wir nicht mit mathematischen Formeln zu jener Sicherheit gelangen, wie das Toxikologen oder DNA-Analytiker können. Wir müssen zugeben: Die Vermessung der menschlichen Psyche ist schlichtweg nicht möglich.“

Eine der schwierigsten Aufgaben der Gutachter sei die Zukunftsprognose, aber genau die verlange das Gesetz. Im Video-Interview erinnert sich Haller an die Begegnung mit dem Prostituiertenmörder Jack Unterweger in den 1990er Jahren, der erste Fall in Europa eines sexuellen Serienkillers.

Jack Unterweger litt an bösartigem Narzissmus. Er spürte den größten Genuss, wenn Menschen vor ihm Angst hatten und er sie entwürdigen konnte.“

Die größte Herausforderung für Haller war es, das Vertrauen des Mörders zu gewinnen. „Unterweger war ein Meister der Manipulation - ohne dass er der Sympathie oder Antipathie auch nur irgendein Gewicht gab. Unterweger hatte vor mir ein Dutzend Psychiater abgelehnt, er wollte sich von ihnen nicht untersuchen lassen“, erzählt Haller.

Daraufhin hätte das Gericht beschlossen, dass Haller sich während des Prozesses ins Publikum setzen soll, um Unterweger zumindest aus der Ferne zu beobachten. „In der Pause habe ich mich dann bei ihm vorgestellt und ihm gesagt, dass ich sein Beobachter bin. Daraufhin hat er mich überraschender Weise ganz nett als sein Psychiater willkommen geheißen. Ich habe damals, obwohl ich bereits 42 Jahre alt war, sehr jung ausgesehen. Unterweger, der große Meister der Kriminalpsychologie, hat sich damals wohl gedacht, mit dem jungen Kerl werde ich leicht fertig.“

Heute wäre ein Verlauf wie bei Unterweger damals in dieser Form nicht mehr möglich, man hätte ihn besser und schneller überführen können. „Heutzutage kann kein Mörder mehr ruhig schlafen. Aufgrund der neuen Ermittlungsmethoden“, sagt Haller. So sei es möglich, auch nach 30 Jahren noch, eine biologische Spur zu finden, einen DNA-Abgleich zu machen und einen Täter zu überführen.“

 

"Jeder Selbstmord ist ein verhinderter Mord"

In Österreich hätten wir aktuell pro Jahr zwischen 50 und 100 Tötungsdelikte. Das seien skandinavische, kriminalitätsarme Verhältnisse. Es gebe zwar viele Selbsttötungen, aber wenige Fremdtötungen. In Ländern wie Italien sei es hingegen umgekehrt. „Somit ist das Wort von Sigmund Freud ‚Jeder Selbstmord ist ein verhinderter Mord‘ absolut richtig“, sagt Haller.  

Die Tötungen spielten sich bei uns zudem meistens in den eigenen vier Wänden ab, zwei Drittel davon seien Beziehungsdelikte. Oft in Zusammenhang mit Eifersucht. „Gefährlich ist nicht der finstere Wald, sondern das eigene Heim.“ Auf der anderen Seite hätten wir in Österreich im internationalen Vergleich eine sehr hohe Aufklärungsquote. „Wo wir Probleme haben, ich muss bei meinem eigenen Fach beginnen, sind die Gutachter. Wir haben viel zu wenige Gutachter. Darunter leidet die Qualität, weil die wenigen müssen Massenarbeit leisten“, sagt Haller besorgt.

Die Angst der Gutachter

Der größte Mangel für ihn jedoch: Österreich habe zu viele Menschen in der Unterbringungsmaßnahme zu Unrecht eingesperrt. „Derzeit sind es knapp 900 Menschen, die auf unbestimmte Zeit, also theoretisch bis zum Tod, im Maßnahmenvollzug sitzen. Alle Untersuchungen zeigen, dass mindestens 50 Prozent der Menschen dort zu Unrecht inhaftiert sind. Also nicht gefährlich werden.“ Haller erklärt sich dies auch mit der Ängstlichkeit von Gutachtern.

„Wenn wir sagen, dieser Mann  hat eine gute Prognose und dann geht er aber hinaus und tötet ein Kind, dann ist das auch für den Gutachter grauenhaft. Ich kenne leider Kollegen, die sich unter diesem Druck suizidiert haben, weil sie die Situation nicht ertragen haben.“

Das sei in einer Gesellschaft, die den Menschen nicht ihre Freiheit nehmen, aber gleichzeitig die maximale Sicherheit möchte, ein riesiges Problem.

Franz Fuchs, das Bombenhirn

Auf die Frage nach seinem bisher interessantesten Fall, zögert Haller nicht einmal eine Sekunde. „Das Bombenhirn Franz Fuchs. Er hat die genialsten Bomben gebaut hat, die je ein Mensch gebaut hat und er hat Österreich damit von 1993 bis 1997 in Angst und Schrecken versetzt. Vier Tote, 35 Verletzte.“ Haller sagt, er sei nie einem intelligenteren Menschen begegnet als Franz Fuchs. „Er war wirklich in jedem Bereich genial - außer im sozialen Bereich.“

Auch zur aktuellen Politik äußert Haller sich. Dass der US-Präsident Donald Trump den Narzissmus zelebriere wie kein anderer, das liege auf der Hand. Auch über den türkischen und den philippinischen Präsidenten könne dies gesagt werden.  „Es macht mir Angst, dass diese Politiker heute gewählt werden. Die großen Despoten der Menschheit waren doch alle bösartige Narzissten. Das hat sie von den anderen Menschen unterschieden.“

Zum Abschluss blickt Haller auf seine Karriere, die er als Medizinstudent begonnen hat, zurück. „Ich bin nach wie vor der Meinung, dass die Psyche des Menschen viel spannender ist als alles andere.“

In unserem Podcast "Dunkle Spuren" rollen unsere Reporter ungelöste, österreichische Kriminalfälle neu auf. Anfang November starten wir mit den nächsten Fällen, bis dahin könnt ihr hier die ersten drei Recherchen nachhören. 

Um die Wartezeit bis zu den nächsten Fällen zu verkürzen, haben wir Menschen interviewt, die sich täglich mit Verbrechen und Kriminalität beschäftigen. Neben Reinhard Haller haben wir bisher den österreichischen Cold Case Chef Kurt Linzer interviewt

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