Hubert Schmied

© privat/Pehböck

Chronik Österreich
11/17/2019

Verliebt in die falsche Frau: Der Vermisstenfall Hubert Schmied

Er wollte nur schnell etwas einkaufen, aber er kam nie wieder zurück. Die Vermutung liegt nahe, dass er einigen Männern zu gefährlich geworden ist.

von Yvonne Widler, Tobias Pehböck

Da war dieser seltsame Anruf. 

Hubert Schmieds Handy läutet, er blickt skeptisch auf das Display, entfernt sich ein paar Schritte und kommt Minuten später mit blassem Teint und ernstem Gesicht zurück. “Schraub’ mein Auto sofort wieder zusammen, ich muss weg. Sofort!” 

Peter Gruber*, ein Freund von Hubert Schmied und der einzige Mechaniker der kleinen Ortschaft, traut seinen Ohren nicht und kann nur den Kopf schütteln. Der Husch, wie alle Hubert Schmied hier nennen, kam doch erst vor einer halben Stunde in die Werkstatt, um die Radlager auszutauschen - und das Auto war doch gerade erst zerlegt worden. Peter Gruber konnte noch nicht einmal mit der Arbeit beginnen, da sollte er wieder alles rückgängig machen? 

“Beeil dich, Peter! Ich muss ganz dringend los!” Auf Nachfrage will Husch jedoch partout nicht sagen, wohin er so plötzlich muss. Also leistet Peter Gruber dem Willen seines Freundes Folge und dieser springt in sein Auto und fährt davon. 

Doch nach ein paar Metern bleibt der schwarze Audi 80 abrupt stehen. Hubert Schmied dürfte erneut einen Anruf bekommen haben. Er steigt nun aus dem Auto aus, entschuldigt sich bei Peter Gruber und schlägt vor, gemeinsam ein Bier zu trinken. 

“Musst du also doch nicht mehr dringend weg?”

“Nein. Egal.” 

So hat es sich am Nachmittag des 16. Oktober 2003 zugetragen und dieser ominöse Anruf wird die Ermittler viele Jahre danach noch eindringlich beschäftigen. Hätte Peter Gruber das damals nur gewusst, vielleicht hätte er dann hartnäckiger nachgefragt. Denn einen Tag später war Husch verschwunden - und mit ihm die Unschuld der kleinen Ortschaft. 

Peter Gruber will heute, 16 Jahre danach, von dem ganzen Drama nichts mehr wissen. Und auch sonst hält sich das Umfeld des Husch sehr bedeckt. Hier, in der obersteirischen Idylle der Gemeinde Aflenz, muss man dreimal hinschauen und hinhören, um Antworten zu bekommen. 

Hubert Schmieds Geschichte spielt in fünf kleinen Ortschaften, die jeweils nur ein paar Autominuten auseinanderliegen. Dazwischen findet sich traumhafte, fast schon kitschige, ländliche Kulisse mit allem, was dazugehört: Saftige Wiesen, zwitschernde Vögel, rustikale Landgasthäuser und große Stille. 

Wer ist Hubert Schmied?

Am 25. Mai 1960 wurde Hubert Schmied als eines von neun Kindern geboren. Der Vater ließ die Großfamilie im Stich. Die Mutter kümmerte sich ganz alleine um ihre Schützlinge. Hubert Schmied hatte immer ein ganz besonders intensives Verhältnis zu ihr.

Er war der älteste der Buben und somit das männliche Familienoberhaupt. Die neun Kinder mussten rasch einen Lehrberuf abschließen und Geld verdienen, damit alle über die Runden kamen. Das war der Mutter sehr wichtig. 

Husch hat Schlosser gelernt und mit Auszeichnung absolviert”, sagt seine ältere Schwester Brigitte R., der es sichtlich schwer fällt über ihren vermissten Bruder zu reden. Sie erzählt, dass er auch 13 Jahre lang als Fernfahrer oft in Spanien unterwegs war.

Aber irgendwann sei ihm das zu anstrengend geworden und er habe den Job an den Nagel gehängt. “Dann hat er den Campingplatz hier in Seebach gepachtet, hat sich um die Gäste gekümmert und war Wirt vom zugehörigen Campingstüberl, das hat er mit Leib und Seele gemacht. Aber leider nur zwei Jahre lang.” 

Brigitte R. erzählt außerdem, dass Husch eine kleine Tochter hatte, Ingrid. Sie lebte allerdings mit ihrer Mutter Isabella in einem spanischen Bergdorf. Die Beziehung entstand in der Zeit als er dort oft als LKW-Fahrer unterwegs war, ist aber nach einigen Jahren zerbrochen.

Seine Tochter Ingrid allerdings sei ihm das wichtigste auf der Welt gewesen. Er hätte sie so oft wie möglich in Spanien besucht. Doch als Isabella eine neuen Mann kennenlernte, wollte sie nicht mehr, dass Husch dort immer wieder auftaucht. Sie hätte ihm den Kontakt zu seiner Tochter untersagt. “Darunter hat er sehr stark gelitten”, sagt seine Nichte Nicole R. und zeigt Fotos von ihrem Onkel aus früheren Zeiten. 

Seine Freunde und Familie beschreiben Husch als lebensfroh, lustig und sehr gesellig. So ein richtiger Lebemann sei er gewesen - auch gerne und oft der letzte, der von einer Feier nach Hause geht. Und gefeiert sei viel geworden.

Am Areal des Campingplatzes liegen zwei schöne Teiche und große Wiesen. Dort ist die Familie samt allen Freunden und Bekannten jeden Geburtstag zusammengekommen. Zu welchem Anlass auch immer, ob Ripperlessen oder Sautrogregatta, alle waren da. “Der Zusammenhalt bei uns war immer enorm stark”, sagt Nicole R.

Die letzten Stunden

Die zeitnahen Geschehnisse bis zum Verschwindens können fast lückenlos rekonstruiert werden: Nachdem Husch am 16. Oktober 2003 diesen seltsamen Anruf bekommen hatte, blieb er schließlich doch noch ein Weilchen bei seinem Freund Peter Gruber.

Am selben Abend fand eine Veranstaltung im Campingstüberl statt, der örtliche Sparverein feierte dort. Husch war auch dabei und verabschiedete sich von einem Bekannten gegen zwei Uhr früh. Während die meisten nach Hause gingen, trieb es Husch noch in einen Nachtclub. Dort wurde etwas später mit seiner Bankomatkarte ein Betrag von 540 Euro bezahlt. 

Um 7.30, es war mittlerweile der 17. Oktober 2003, wurde Husch wieder am Campingplatz gesehen. Er kam in gewechseltem Gewand aus seiner Wohnung, die direkt über den Gästeduschen liegt. Ein Camper sagt, sie hätten kurz geplaudert, aber Husch hätte es sichtlich eilig gehabt.

Husch ging kurz ins Campingstüberl, griff nach dem Einkaufszettel, der auf der Theke lag und setzte sich in sein Auto, um nach Bruck an der Mur zu fahren. Das ist die nächste größere Stadt in der Gegend. In Bruck wollte er eigentlich zum Nussbaumer, einem Lebensmittelgroßhandel, um Notwendiges fürs Campingstüberl zu kaufen. Die Fahrt dauert normalerweise eine halbe Stunde, doch Hubert Schmied kam nie in Bruck an der Mur an. 

Seine Nichte Nicole R. war die letzte, die Hubert Schmied am 17. Oktober gesehen hat. “Ich habe ihn auf der Bundesstraße noch erkannt und gedacht, schau, der Husch fährt schon einkaufen. Ich bin gerade in der Gegenrichtung an ihm vorbeigefahren, da war es 8.15 Uhr. Wir haben uns aus unseren Autos noch zugewunken.”

Für sie und Brigitte R. ist klar: Husch ist nicht freiwillig gegangen, er hätte doch keinen Grund gehabt. Sein Leben hier war gut. Natürlich dachten einige, er könnte in Spanien sein, aber dort war er nicht. Seine Ex-Partnerin und Tochter haben ihn ebenfalls nie wieder gesehen. “Außerdem haben wir 6.000 Euro in seiner Wohnung gefunden, die er wohl mitgenommen hätte, wäre er geplant verschwunden”, sagt seine Schwester.

Dass Husch einen Unfall hatte, konnten die Kriminalbeamten ebenfalls rasch ausschließen. “Sie dürfen nicht vergessen, sein Auto wurde bis heute ebenso nicht gefunden”, sagt Chefermittler Kurt Linzer von der heimischen Cold-Case-Abteilung im Bundeskriminalamt. Konkret handelt es sich um einen schwarzen Audi 80 mit dem behördlichen Kennzeichen BM 713 AU.

Die geheimnisvolle Seite des Husch

Erzählt man die Geschichte des Husch so gehört ein Aspekt ganz wesentlich dazu: “Er hatte eine starke Affinität zum Rotlichtmilieu”, so drückt es Ermittler Linzer aus. Wobei man in diesen sehr ländlichen Gegenden beachten müsse, dass nach einer gewissen Uhrzeit auch keine anderen Lokale mehr geöffnet haben. Zudem sei das Rotlichtmilieu in Aflenz nicht mit dem einer Großstadt zu vergleichen. 

Tatsächlich würde man an dem unscheinbaren Haus vorbeifahren. Das Dreamland* sieht heute nämlich von außen noch genauso aus wie damals, nur ist es kein Bordell mehr, sondern heute heißt es Pension Daniela* und begrüßt Urlauber der Region. Holzvertäfelungen, Blümchenmuster und verzierte Balkone. 

Im damaligen Dreamland hatte Husch zuletzt besonders viel Zeit verbracht, drei Mal die Woche soll er hier an der Bar gesessen sein. Und das hatte einen Grund. 

Im Jahr 2002 tauchte plötzlich eine neue Prostituierte in dem Bordell auf. Gabi*. Ungarin, 20 Jahre jung, lange braune Haare. Bildhübsch. Husch hatte sich in sie verliebt und kam immer öfter, um Zeit mir ihr zu verbringen. Oft wollte er nur reden oder kuscheln.

Sie trafen sich auch außerhalb ihrer Arbeitszeiten, sie besuchte ihn hin und wieder am Campingplatz. War Husch im Dreamland, so bezahlte er die Stunden am Zimmer zwar, aber dennoch führte diese Liaison zu Problemen. Denn einerseits konsumierte er weniger Getränke als andere Gäste und er wurde zunehmends eifersüchtig, wenn Gabi gewisse Jobs hatte.

In der Ortschaft und von der Familie erfährt man, dass Husch immer wieder erzählte, er wolle Gabi aus diesem Milieu rausholen. Sie sollte bei ihm im Campingstüberl als Kellnerin arbeiten. Er wolle sie freikaufen.

Abgesehen von der Familie, die nicht sonderlich erfreut darüber war, stieß dies vor allem jenen Leuten bitter auf, die Geld mit Gabi verdienten. 

Da gab es einerseits ihre zwei ungarischen Zuhälter, die Gabi als junge Frau nach Österreich geschickt haben. Sie kamen einmal im Monat in die Steiermark, um das Geld abzukassieren und Erzählungen aus dem damaligen Milieu zufolge, wären dies zwei äußerst brutale Männer gewesen. Sie hätten die Frauen geschlagen, wenn das Geld zu wenig war und folglich Morddrohungen gegen sie oder ihre Kinder ausgesprochen. Die Prostituierten hätten jedes Mal große Angst gehabt, wenn die beiden Ungarn kamen. 

Und da gab es andererseits den Dreamland-Besitzer Josef Meinbacher*, der einem Besuch - allerdings ohne jegliche Aufzeichnungen - zugestimmt hat. Er führt das ehemalige Dreamland heute noch, nur eben jetzt als Frühstückspension. 16 Jahre nach dem Verschwinden öffnet ein wohlgenährter Mann in Jogginghose die Türe. “Ich weiß  zum Verschwinden des Husch überhaupt nichts ”, sagt Meinbacher mit tiefer, rauchiger Stimme und führt und in den Raum am Ende des Ganges.

Es ist der Barbereich des ehemaligen Dreamlands. Einige Ecken sind erneuert worden, aber man kann sich gut vorstellen, wie es hier einmal war. Eine Neon-Lichterkette schlängelt sich heute noch an einer verspiegelten Säule bis zur Decke des Raumes hinauf. 

Die Ermittler haben Meinbacher in all den Jahren ziemlich in die Mangel genommen, aber nie etwas aus ihm herausbekommen. Und auch heute sagt er kaum etwas. Nach seiner Einschätzung dem KURIER gegenüber sei Husch in Spanien, “der lebt sicher noch”.

Zudem beharrt Meinbacher darauf, dass Husch “linke Geschäfte gedreht hat”, konkreter will er sich nicht äußern. Angesprochen auf Hubert Schmieds Versuche, Gabi freizukaufen, winkt Meinbacher sofort ab. Das habe nichts mit seinem Verschwinden zu tun und er kontert sofort mit einer Gegenfrage: “Was sagt denn Gabi dazu?” Die Ungarn will er nie gesehen haben und mit denen hätte er auch nie etwas zu tun gehabt. Und ob die beiden etwas mit Hubert Schmieds Verschwinden zu tun haben, wisse er nicht. 

Geheimnisse und Lügen

16 Jahre nach Hubert Schmieds Verschwinden ist Gabi eine gebrochen Frau. Sie lebt mittlerweile in einem anderen Bundesland und arbeitet an einem Würstelstand. Die Prostitution hat sie hinter sich gelassen. Depressionen, Angst und Panikattacken bestimmen heute ihr Leben. In einem Telefonat mit dem KURIER erklärt sie, dass ihr heute erwachsener Sohn nichts von ihrem früheren Beruf weiß und dass sie daher nichts sagen möchte. Auch nicht anonym. 

Fakt ist: Gabi hat sich in den zahlreichen Vernehmungen seit dem Verschwinden des Husch ständig widersprochen und auch gelogen. Die Ermittler staunten etwa nicht schlecht als sie schließlich herausgefunden hatten, dass Gabi und Josef Meinbacher ebenso eine Liaison miteinander hatten. Diese dauerte von 2003 bis 2006 und hat sich zeitlich mit jener von Husch und Gabi überschnitten. Diesen Teil der Geschichte hatten die beide sehr lange vor den Ermittlern verschwiegen. 

Dennoch kommt man hier nicht weiter. Wenn die beiden etwas wissen, dann sagen sie es nicht. Und gegen die beiden Ungarn gab es bisher keinen dringenden Tatverdacht von Seiten der Staatsanwaltschaft.

Es gibt noch eine dritte Person, die vermutlich auch etwas zum Schicksal des Hubert Schmied wissen könnte: Gerlinde Pichler*, Ex-Frau von Josef Meinbacher und damals Kellnerin im Dreamland. Die Freier haben den Schandlohn bei ihr bezahlt, für die Prostituierten war sie wie eine Mutter.

Pichler hat sich zu einem Gespräch mit dem KURIER bereit erklärt, allerdings decken sich ihre Aussagen sehr mit jenen des Josef Meinbacher: Die Ungarn kannte sie nicht, der Husch hätte vermutlich illegale Geschäfte gemacht. Auch sie hat sich erkundigt, ob und was denn Gabi dazu gesagt hätte.

An eine Sache will sich Gerlinde Pichler aber noch sehr gut erinnern: “Der Husch war die letzen Wochen vor seinem Verschwinden sehr seltsam, sehr nachdenklich.” 

Ein neuer Hinweis

Spaziert man 16 Jahre nach dem Verschwinden von Hubert Schmied durch die kleinen beschaulichen Ortschaften hier in Aflenz, dann lächeln die Menschen zurück, wenn man sie auf der Straße grüßt. Spricht man sie jedoch auf “den Husch” an, dann erschrecken sie, machen zwei Schritte zurück. 

Es lässt einen das Gefühl nicht los, dass viele hier mehr wissen als sie sagen. Und dass sie Angst haben. Wo sich aber fast alle einig sind: Das Verschwinden des Husch hat sicherlich etwas mit dem Rotlichtmilieu zu tun. Ob sein Schicksal an dem eventuellen Freikaufen von Gabi lag oder ob Husch tatsächlich andere “linke Geschäfte gedreht” hat, könne man nicht sagen. 

“Ob diese Versuche des Herrn Schmied, Gabi von diesem Bordell wegzubekommen, tatsächlich im Zusammenhang mit seinem Verschwinden stehen, ist nicht gesichert, aber ist relativ stark anzunehmen”, sagt Ermittler Linzer. Demnach sehe es stark nach einem Gewaltverbrechen aus. 

Wir ersuchen die KURIER-Leser wirklich um Unterstützung. Hubert Schmied war sehr bekannt in der Region, war auch beliebt, kannte sehr viele Menschen. Vielleicht hat ihn jemand nach dem 17.10.2003, 8.15 Uhr gesehen? Ihn oder sein Auto. Vielleicht ist es bewegt worden, in einer Garage oder auf einem Parkplatz. Wir können uns nicht vorstellen, dass es nur eine Zeugin gibt, die ihn gesehen hat. Uns würde jeder helfen.

Ermittler Kurt Linzer | Aufruf zur Mithilfe

Der seltsame Anruf vom Vortag des Verschwindens konnte nicht mehr zurückverfolgt werden. Damit der Fall gelöst werden kann, müsse endlich jemand, der mehr weiß, etwas sagen. Es brauche einen neuen Hinweis. 

Als Hubert Schmied am 17. Oktober 2003 in der Früh am Campingplatz war, plauderte er ganz kurz mit einem Camper. Dieser erinnert sich, dass Husch es sehr eilig hatte. 

Und er erinnert sich an seine Worte: “Ich hab' heute noch etwas Großes vor.” 

Falls Sie etwas zum Fall Hubert Schmied wissen, dann wenden Sie sich bitte dringend entweder direkt an das Bundeskriminalamt unter 01/24836/985025 oder an dunklespuren@kurier.at. 

 

*Namen wurden geändert

Hier geht es zu unserem Dunkle Spuren Podcast, der sich dem Verschwinden des Husch in zwei Teilen ausführlich widmet.