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Chronik Österreich
06/29/2019

Sommerreiseverkehr: So entstehen die Staus

Kilometerlange Kolonnen: Wie sie entstehen und wer daran wirklich Schuld trägt.

von Dominik Schreiber, Kid Möchel

Fragt man Autofahrer, wer Schuld an Staus trägt, dann hat die Antwort stetes den gleichen Tenor: „Die anderen Lenker.“

Mal sind es die Linksfahrer, mal die Drängler, oft werden sogar Autofahrer mit bestimmten Bezirkskennzeichen genannt, die als rollende Hindernisse unterwegs sein sollen.

Jeder zweite Stau vermeidbar

Stauforscher und Verkehrsexperten wissen längst, was wirklich hinter Staus steckt: Rund die Hälfte der Kolonnen entsteht schlichtweg durch Überlastung der Straße, die andere Hälfte könnte mehr oder weniger einfach verhindert werden.

Dazu muss man allerdings erst verstehen, wie derartige Staus ausgelöst werden: Vereinfacht gesagt sollte man sich eine fahrende Kolonne mit 50 km/h vorstellen. Der erste Wagen steigt aus irgendeinem Grund ganz minimal auf die Bremse und verringert seine Geschwindigkeit kurz auf 48 km/h. Der Lenker dahinter sieht das und bremste ebenfalls ab – auf 46 km/h. Der nächste muss dann bereits sein Tempo auf 44 reduzieren – und etwa 25 Autos später steht dann ein Fahrzeug. Der Stau beginnt.

Das eine Problem daran ist, dass der Stauauslöser niemals selbst mitbekommt, dass er diese Kolonne produziert hat. Und im Stau versteht wiederum niemand, was das ganze eigentlich ausgelöst hat.

Prinzipiell bekommt man die meisten Fahrzeuge mit 80 km/h durch einen Bereich. Aus diesem Grund ist dieses Tempo bei Autobahn-Baustellen, Stadtautobahnen und dichtem Verkehr vorgeschrieben. Autos und Lkw fahren dann gleichmäßige Geschwindigkeiten – was den Verkehrsfluss stark fördert.

Es gibt vier Verhaltensweisen, die dem entgegenwirken und so genannte „Staus aus dem Nichts“ verursachen:

- Dichtes Auffahren: Wer knapp am Vordermann fährt, muss stärker bremsen, wenn es ein Problem gibt. Im eingangs erwähnten Fall muss man dann eben nicht auf 48 sondern auf 40 km/h abbremsen. Damit steht nicht erst der 25. Wagen, sondern vielleicht schon der Fünfte. Der Dominoeffekt wird beschleunigt.

- Spurwechsel: Wer im Stau Spur wechselt, sorgt in seiner Spur für ein mögliches Bremsmanöver und für ein weiteres in der Spur, in die er fährt. So wird man mitunter gleich zum doppelten Stauauslöser. Das gleiche gilt auch für Engstellen: Vor Baustellen fährt man am besten bis zur Engstelle und fädelt dann im Reissverschlussverfahren (immer abwechselnd) ein. Wer sich 300 Meter vorher in eine Kolonne hineinquetscht, fördert ebenfalls Staus.

- Zu schnelles Aufschließen: Wer bei dichtem Verkehr eine Polizei-Funkstreife sieht, der kann beobachten, dass diese ganz langsam aufschließt und versucht, den Verkehr wieder in Fluss zu bringen. Denn das schnelle Aufschließen zum Vordermann und das folgende starke Abbremsen, löst erneut einen Dominoeffekt aus.

- Kontraproduktives Fahren:Handytelefonate oder das Abschweifen mit den Gedanken sorgt für unrhythmisches Verhalten, was die Staugefahr verstärkt. Auch das Gaffen und dafür notwendige Abbremsen bei Unfallstellen auf der Gegenfahrbahn verursacht Kolonnenverkehr. Weiters sorgt ständiges Linksfahren (beziehungsweise das Nichtnutzen der rechten Spur) dafür, dass es früher zu Staus kommt – denn wenn die gleiche Menge an Autos über zwei Spuren fährt statt über drei, staut es sich um einiges leichter.

Forschung: Ameisen als Vorbilder

Verkehrsexperte Hans Monderman beeindruckte seine Gäste gerne und legte sich eine Augenbinde an. Danach ging der Niederländer blind über einen riesigen Kreisverkehr etwa in der Größe des Verteilerkreises in Wien-Favoriten. Wie durch Zauberhand blieben die Fahrzeuge alle stehen. Monderman führte das nicht nur dem KURIER, sondern auch Dutzenden anderen Personen vor – Unfall gab es keinen.

In den Test-Bereichen gab es keine Schilder und Ampeln. Ein Konzept, das man heute in Österreich als Begegnungszone kennt. Die verschiedenen Verkehrsteilnehmer werden  erzogen, Rücksicht aufeinander zu nehmen.

Bei Ameisen klappt das von Haus aus, weshalb sie ein Vorbild für Stauforscher  sind. Ähnlich wie in Mondermans Konzept achten die Ameisen stets aufeinander und haben das Gemeinschaftswohl im Sinn – sie drängeln nicht, sie quetschen sich nicht in Lücken und sie fädeln sich wie bei einem Reissverschlussystem ein. Die Folge ist, dass an einer Stelle bis zu 100 Wanderameisen pro Minute passieren können. Im Straßenverkehr sind nur 33 Pkw pro Minute möglich.

Je mehr desto besser

Französische Forscher haben sogar herausgefunden, dass die Ameisen umso schneller fortkommen, je mehr sie sind. Ganz im Gegenteil zu den Autofahrern.

Japanische Forscher haben festgestellt, dass bereits 22 Autolenker ausreichen, um einen Stau zu bilden. Sie haben diese auf einer 230 Meter langen Strecke im Kreis geschickt und sie beauftragt, gleichmäßig fahren. Nach kurzer Zeit fuhren manche bereits etwas zu schnell und andere zu langsam – es bildete sich ein Stau.