Chronik | Österreich
29.06.2017

Analyse: Rettungsgasse bringt keine Zeitersparnis

Die Einsatzkräfte sind nicht schneller am Unfallort, die Kritik wird immer lauter. Vor allem die Feuerwehren werden blockiert.

Fünf Jahre nach Einführung der umstrittenen Rettungsgasse ist der Nutzen dieser Maßnahme offenbar gleich null. Kürzlich versuchte ein hochrangiger Beamter des Verkehrsdienstes im Innenministerium in einer wissenschaftlichen Arbeit nachzuvollziehen, ob die Einsatzkräfte durch die Rettungsgasse schneller unterwegs sind. Seine Bilanz: "Der exakte wissenschaftliche Nachweis der Zeitersparnis ist auch mir nicht gelungen."

Von den angekündigten vier Minuten schneller am Unfallort ist nicht einmal mehr eine Sekunde übrig geblieben. Sogar laut Evaluierungsbericht des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV) – ein Befürworter der Maßnahme – müssen die Löschtrupps in 58 Prozent der Fälle mit einer so großen Behinderung in der Rettungsgasse rechnen, dass es zu einem Stillstand der Fahrzeuge kommt. Ein Nachweis für das schnellere Vorankommen der Einsatzkräfte gelang auch dem KFV nicht.

Dazu wächst die Kritik vor allem bei der Feuerwehr: Erst vor zwei Wochen benötigte diese auf der Westbautobahn bei Ansfelden (OÖ) für rund neun Kilometer stolze 27 Minuten zur Unfallstelle. Nur wenige Tage zuvor brauchte der Löschtrupp auf der A1 bei Zöbern (Steiermark) 15 Minuten für lediglich 1,5 Kilometer. Die Feuerwehrleute mussten aussteigen und auf der Autobahn rangieren, wie ein Video zeigt. Als sie am Einsatzort waren, wartete dort bereits ein ausgebranntes Fahrzeug.

"Hat nie funktioniert"

Nach den neuerlichen Ereignissen kam zuletzt der laute Ruf nach einer Reform der Regelung. "Man muss es ganz klar aussprechen: Die Rettungsgasse hat bei uns noch nie funktioniert", sagte der Bezirksfeuerwehrkommandant von Linz-Land, Helmut Födermayr, in einem Interview. Langsam sagen immer mehr hochrangige Mitglieder der Einsatzorganisationen öffentlich, was sie zuvor in privaten Gesprächen offen ausgesprochen haben: Die vier Minuten Zeitersparnis sind eine Schimäre, verbessert hat sich gegenüber dem Pannenstreifen gar nichts.

Auch in Deutschland klappt es nicht: "Jeder Zweite weiß nicht, wie die Rettungsgasse funktioniert", titelte am gestrigen Mittwoch dieWestdeutsche Allgemeine. "Keine Rettungsgasse: Bundesverkehrsminister Dobrindt will höhere Strafen", heißt es beiretter.tv. Oder ebenfalls von Mittwoch, passiert bei Regensburg: "Lastwagen zieht in Rettungsgasse und kracht gegen Rettungswagen."

"Sehr gefährliche Situation"

Dass in Österreich die Rettungsgasse kaum funktioniert, prophezeite ein ministeriumsinternes Papier schon acht Jahre vor deren Einführung. Sie wurde als "sehr gefährliche Situation" und "nicht sinnvoll" beschrieben. Es "kann nicht nachvollziehbar behauptet werden, dass sie gegenüber der geltenden Rechtslage eine Verbesserung bringen würde", schrieb die zuständige Abteilung im Verkehrsministerium. Der ARBÖ hatte im Vorfeld seine Pannenfahrer befragt, ob sie jemals am Pannenstreifen behindert wurden: "Es gab keine einzige Meldung, dass es da ein Problem gab", sagt eine damalige ARBÖ-Führungskraft.

Die vier Minuten

Dennoch wurde bereits vor der Einberufung einer Expertenkommission eine millionenteure Werbekampagne in die Wege geleitet. Mehrere Mitglieder des Gremiums sprachen von "starkem politischen Druck" für die Einführung und dass dies "eine ausgemachte Sache" war. Ein Beamter, der gegen die Maßnahme war, war ab der zweiten Sitzung plötzlich nicht mehr dabei. Im Verkehrsministerium rechtfertigte man sich später, dass ein Papier der Asfinag die vier Minuten Zeitersparnis belegt habe. Tatsächlich war dies eine Behauptung des Roten Kreuz, die aus angeblichen Plaudereien mit deutschen Kollegen stammte, wie der KURIER aufdeckte.

Der Rechnungshof sah im Endeffekt hohe Kosten bei keinem erkennbaren Nutzen. Die Grüne Gabriela Moser bezeichnete die Rettungsgasse lapidar als "Honorar-Produktionsmaschine für parteinahe Agenturen".

Als Fazit nach gut fünf Jahren bleibt übrig: Eine Rettung für die Rettungsgasse scheint nicht mehr möglich.