Rettungsgasse wird jetzt zum Polit-Skandal

Rettungsgasse
Foto: Dominik Schreiber Die Autobahnen in Österreich sind teilweise zu schmal, warnten die Experten im Vorfeld – vergeblich

Ein Mitglied der Ministeriumsarbeitsgruppe erhebt Vorwürfe und spricht von "politischem Druck" für die Einführung.

Der KURIER-Bericht über die  Probleme mit der Rettungsgasse schlägt hohe Wellen. Ein Insider packt nun aus und spricht von einem "Polit-Skandal" im Vorfeld.  "Die Mehrheit von uns in der Arbeitsgruppe des Verkehrsministeriums war gegen die Rettungsgasse", sagt Willy Matzke, der damals für den ÖAMTC Mitglied der technischen Arbeitsuntergruppe war und als Top-Verkehrsexperte gilt. "Aber es war politisch eine ausgemachte Sache, es gab Druck. Schließlich war auch schon eine Werbekampagne fixiert. Unsere Warnungen wurden nicht mehr ernst genommen." Wer dagegen war, sei aus der Kommission entfernt worden.

Wie berichtet, üben Polizisten, aber auch Feuerwehren Kritik an der Rettungsgasse. Der Österreichische Rettungsdienst forderte sogar eine rasche Abschaffung. "Es gab keinerlei Notwendigkeit für die Rettungsgasse", sagt  der Leiter der Sanitätsstaffel des Rettungsdienstes Hermann Dominik. "Sie wird auch niemals funktionieren."

Teilweise seien die Anfahrtszeiten zu Unfällen länger als früher über den Pannenstreifen, heißt es. Von der Asfinag wurde bei der Einführung versprochen, dass die Wege zu den Unfallstellen für Einsatzkräfte vier Minuten kürzer sein sollen. Schon damals war Kritik laut geworden, weil es dafür keine Belege gab. Tatsächlich seien dies "Erfahrungswerte aus Deutschland", gab die Asfinag später zu – Quellen, die dies bestätigen, wurden nie genannt.

Autobahn zu eng

KURIER/Boroviczeny Foto: KURIER/Boroviczeny Willy Matzke

Matzke sagt nun, er habe damals schon davor gewarnt, dass "auf weiten Teilen der Südautobahn, der Pyhrnautobahn und der Innkreisautobahn eine Rettungsgasse  kaum möglich ist. Diese Autobahnen sind zu schmal, die sind dafür nicht ausgebaut", sagt Matzke. Ein weiterer Sitzungsteilnehmer bestätigt Matzkes Darstellung: "Die Rettungsgasse stand von vornherein fest."

"Die Rettungsgasse war der Wunsch der Rettungsorganisationen selber", betont ein Sprecher von Verkehrsministerin Doris Bures. "Alles wurde genau geprüft. Betroffen sind maximal 21 Kilometer Autobahn, wo es eng werden kann. Etwa wenn zwei Lkw und ein breites Rüstfahrzeug nebeneinander sind."

Laut Matzke haben vor allem die niederösterreichische Feuerwehr und das nö. Rote Kreuz Druck für die Rettungsgasse gemacht – mit politischem Rückenwind aus ihrem Bundesland.

Auch der VP-nahe Asfinag-Vorstand Klaus Schierhackl habe dies unterstützt, sagt Matzke. Vom KURIER darauf angesprochen, sagt Schierhackl: "Die Rettungsgasse stand schon im Regierungsübereinkommen. Es gab einen einstimmigen Beschluss aller Parteien. Ich persönlich stehe dazu, dass ich für die Rettungsgasse bin. Auch wenn es Anlaufschwierigkeiten gibt, die Rettungsgasse ist sicher etwas Gutes."

Bei der nö. Feuerwehr hieß es nur: "Was sollten wir für ein Motiv haben,  die Rettungsgasse zu forcieren?"

Werbemillionen

Interessant ist  der drei Millionen Euro schwere Werbeauftrag für die Rettungsgassen-Kampagne. "Ich habe keine Lust, ein Feigenblatt abzugeben in einem Verfahren, bei dem offensichtlich auf höherer Ebene schon eine Vorentscheidung getroffen wurde", sagte Luigi Schober, als sich seine Agentur Young & Rubicam zurückgezogen hatte.

Georg Hofherr, dessen Agentur den Auftrag schließlich bekam, wollte sich am Donnerstag "auf Wunsch des Auftraggebers Asfinag" nicht äußern.

So funktioniert es

Im Internetforum des KURIER ging es nach dem Bericht über die Probleme bei der Rettungsgasse rund. Die meisten Autofahrer seien schlichtweg zu blöd für die Rettungsgasse, meinten viele. Tatsächlich gibt es noch immer vor allem drei Missverständnisse, die für die meisten Probleme sorgen:

Wann beginnt die Rettungsgasse?
Sie muss nicht erst gebildet werden, wenn ein Einsatzfahrzeug im Rückspiegel zu sehen ist, sondern schon weit vorher. Ab jenem Moment, wo sich der Verkehr verlangsamt (etwa unter 40 km/h), muss die linke Spur nach links und alle anderen nach rechts.

Wann endet die Rettungsgasse?
Wenn alle Fahrzeuge sich in Bewegung setzen, muss die Rettungsgasse dennoch weiter gebildet bleiben. Sie darf erst aufgelöst werden, wenn die 40 km/h wieder überschritten werden.

Wie funktioniert die Rettungsgasse bei drei Spuren?
Bis auf die linke (Überhol-)Spur müssen alle anderen so weit möglich nach rechts, auch auf den Pannenstreifen. Manche glauben vor allem auf der mittleren Spur, dass ein Ausweichen dorthin sinnvoll ist, wo sie einfach Platz finden. Genau das führt aber zum verzögernden Zickzackkurs der anrückenden Einsatzkräfte.

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(kurier) Erstellt am
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