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Chronik Österreich
11/06/2019

Rauchverbot: Die Angst der Wirte vor den Anrainern

Wenn es vor einem Lokal laut wird, muss nicht der Gast, sondern der Wirt mit einer Anzeige rechnen.

von Birgit Seiser, Bernhard Ichner

Die erste offizielle Beschwerde wegen Lärms flatterte einer Wirtin pünktlich mit Inkrafttreten des Rauchverbots ins Haus: Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass das Rauchen auf den allgemeinen Flächen unmittelbar vor dem Lokal nicht erwünscht ist und von uns als Verwalter der Anlage untersagt wird.

Das Schreiben stammt von der „Brucker Wohnbau“, die das Haus in Bruck an der Mur verwaltet. Geschäftsführer Heinz Karelly bestätigt die Probleme: „Die Eigentümer beschweren sich, weil in der Nähe der Lüftungsabzüge geraucht wird und es deshalb in die Wohnungen zieht.“

Frühere Sperrstunden

Vor Briefen wie diesen fürchten sich im Moment viele Wirte in ganz Österreich. Erwin Scheiflinger, Vizechef der Gastronomen bei der Wirtschaftskammer Wien, sieht vor allem die Haftung der Wirte als großes Problem.

Wird es vor dem Lokal laut, werden nämlich die Wirte angezeigt und nicht die Gäste: „Ich kann doch als Gastronom nichts dagegen tun, wenn sich Menschen vor dem Lokal laut verhalten. Wie soll man denn kontrollieren, ob das einfach Passanten sind, die vorbeigehen oder wirklich Gäste des Lokals?“, fragt Scheiflinger.

Die Folge solcher Ruhestörungen könne über kurz oder lang die Vorverlegung der Sperrstunden sein.

Wenn eine Disco um Mitternacht schließen muss, kann der Betreiber ja gleich in Konkurs gehen.

Erwin Scheiflinger | Wirtschaftskammer Wien

Die Wiener Polizei verzeichnete am fünften Tag des Rauchverbots übrigens nicht mehr Anzeigen wegen Lärmbelästigung als zuvor. In Facebook- und WhatsApp-Gruppe von Wirten wird das mit dem Ausbleiben der Gäste begründet. Fotos von leeren Lokalen werden seit Tagen in sozialen Netzwerken geteilt.

Allerdings sind nicht alle Gastronomen unglücklich mit der derzeitigen Situation.

Einer, der von der neuen Situation profitiert, ist Daniel Mada, der in der Mariahilfer Windmühlgasse die alteingesessene „K&K Bierkanzlei“ betreibt. Sein Lokal gilt als ein Stammlokal der Bezirks-FPÖ. Und wie seiner Klientel war dem Gastronomen das Rauchverbot lange ein Dorn im Auge.

Mada fürchtete um seine rauchende Stammkundschaft, die gern abends kam, um bei ein paar Getränken zu plaudern. „Warum kann ich als Wirt nicht selber entscheiden, ob bei mir geraucht werden darf oder nicht“, war lange sein Standpunkt.

Doch der befürchtete Umsatzverlust blieb aus. Seit Daniel Mada mit 1. Mai einen rauchfreien Probebetrieb startete, kommen auf einmal Familien mit Kindern ins Lokal, die hier zu Mittag oder zu Abend essen – die hätten früher die Nase gerümpft und wären vorbeigegangen, sagt er. „Die alten Stammgäste kommen aber auch noch – und bleiben genau so lang wie früher.“

Der eine oder andere berichte aber von einem eingeschränkten Zigarettenkonsum, sagt der geläuterte Wirt – der noch einen weiteren Vorteil des rauchfreien Betriebs sieht: „Es stinkt weniger.“ Probleme mit den Anrainern hat Mada, der bereits um 21 Uhr schließt, zwar nicht.

Auf benachbarte Lokale, die erst um 23 Uhr Sperrstunde machen, kämen wegen auf der Gasse rauchender Gäste aber Schwierigkeiten zu, bestätigt er. „Da ich selber über dem Lokal wohne, weiß ich: Man hört jedes einzelne Wort.“

KURIER-Umfrage

Die Wiener selbst zeigen sich - für den Moment - übrigens relativ entspannt: Ein besserer Schutz der Anrainer vor lärmenden Lokalbesuchern ist nur 41 Prozent der Bewohner in Innenstadtbezirken (1. bis 9. Bezirk) ein wichtiges Anliegen. 46 Prozent halten das Thema für „nicht wichtig“, 13 Prozent haben dazu keine Meinung.

Zu diesem Zwischenergebnis (Stand: 5.11.) kommt die große KURIER-Bezirksumfrage, an der sich noch bis Ende November alle Wienerinnen und Wiener beteiligen können. (Die Teilnahme ist unter kurier.at/bezirksumfrage möglich, auch per Post werden die Fragebögen zugesandt.)

Unterschiede zeigen sich übrigens zwischen den neun Bezirken, die zu dem Thema befragt wurden: Vergleichsweise skeptisch gegenüber Nachtschwärmern ist man im 2. und 3. Bezirk: Hier halten je 48 Prozent einen besseren Lärmschutz für wichtig. Im 7. Bezirk sind es nur 29,3 Prozent; im 4. Bezirk nur 31 Prozent.

Shisha-Wirte bangen

Verzweifelt sind dagegen die Betreiber der Shisha-Bars. Zwar versuche man, sich über den Getränkeverkauf über Wasser zu halten, seit Inkrafttreten des Rauchverbots seien aber 95 Prozent der Kundschaft weggebrochen, berichtet Shisha-Verbandsobmann Jakob Baran.

Zwar brachte die Branche (wie berichtet) eine Verfassungsklage ein. Die dürfte aber wohl erst im März vom Verfassungsgericht behandelt werden. „Und bis dahin gibt es uns nicht mehr.“