© Bundeskriminalamt

Chronik Österreich
01/02/2022

Operation Trojanerschild: Die neue Dimension der Kriminalität

Drogenhandel, Auftragsmorde, Waffendeals - 3.500 Tatverdächtige werden beim Bundeskriminalamt bereits gezählt. Beweise liefern die Beschuldigten auf angeblich abhörsicheren Handys selbst.

von Michaela Reibenwein

Die neue Ware soll heute kommen. A. hat sich nach dem letzten Verkauf im 10. Bezirk nicht mehr gemeldet.“

Weihnachten war für die heimischen Ermittler diesmal schon im Juni. Da gelang ihnen der mit Abstand größte Schlag gegen die Drogenmafia, den es jemals in Österreich gab.

Das FBI forschte einen Entwickler von abhörsicheren Kryptohandys aus. Gegen Straffreiheit entwickelte er ANOM-Handys, die in der Unterwelt international genutzt wurden. Das FBI las mit. Im Frühjahr wurde das Bundeskriminalamt eingebunden. Anfang Juni war „Action Day“. In 16 Ländern wurden 800 Personen festgenommen

Von einem Tag auf den anderen hatten sie Beweismaterial in der Hand, von dem sie nie geträumt hatten. In angeblich abhörsicheren Chats unterhielten sich die Mafiamitglieder offen über Drogenlieferungen, geplante Racheakte oder Suchtmittel-Verstecke.

Die Polizei las mit

Was sie nicht wussten: Die Polizei las mit. „Wir waren erschüttert, was wir da gesehen haben“, sagt Dieter Csefan, Ermittlungsleiter im Bundeskriminalamt. „Das war eine absolut neue Dimension der Organisierten Kriminalität“. Aktuell ermitteln die heimischen Behörden gegen 3.500 Tatverdächtige im In- und Ausland. 20 Ermittler sind allein für diesen Komplex abgestellt, dazu kommen vier Staatsanwälte und etliche Dolmetscher.

Ihn werden wir auch umbringen. – Ich schwöre. So ein Idiot. Wir werden ihn drei Tage lang foltern. – Ja, wir werden ihn entführen und drei Tage lang foltern.“

Eine dreiviertel Tonne Suchtgift konnte sichergestellt werden. Außerdem 1 Million Euro Bargeld, 51 Schusswaffen und mehr als 1.000 Patronen. 138 Personen wurden im Zuge der Ermittlungen festgenommen, davon sitzen 132 noch in Haft. Die Ersten wurden bereits verurteilt (siehe Zusatzgeschichte).

Dass die Balkanmafia Wien als wichtige Drehscheibe nutzt, war bekannt. Doch die Größenordnungen und auch die Brutalität, die an den Tag gelegt wird, ließen sich bisher nicht erahnen. „Ein Menschenleben zählt hier nichts“, stellt Csefan fest.

Die Beweise lieferten die Beschuldigten selbst. Denn für ihre Auftraggeber filmten und fotografierten sie ihre Taten und Drogenlieferungen. Drei Auftragsmorde in Serbien konnten nach Hinweisen aus Österreich (nach Übersetzung der Chats) verhindert werden. Auch der Mord an Vladimir R. kurz vor Weihnachten 2018 am Lugeck in der Wiener Innenstadt spielte sich in diesem Milieu ab. Der (noch immer nicht ausgeforschte) Täter dürfte von einem verfeindeten Clan beauftragt worden sein.

Wenn er nicht gehorsam ist, tauchen wir ihn in Säure.“

Eine zentrale Rolle in den Ermittlungen spielt Dario D., besser bekannt als „Dexter“ – nach der beliebten TV-Serie. Er soll ranghohes Mitglied der Drogenmafia sein und wurde in Wien festgenommen. Hier lebte er unter falschem Namen.

Die serbischen Behörden werfen ihm drei Auftragsmorde vor. Die Opfer soll er in einem Fleischwolf zerstückeln haben lassen. Allerdings wurden deutlich mehr DNA-Spuren an der Maschine festgestellt. Und auch in Österreich soll er einen Drogenverkäufer, der ihm 2.000 Euro schuldete, mit einem Hammer foltern haben lassen. Auch davon gibt es Videomaterial.

Ich habe gesagt, dass ich ihn in Stücke hacken werde. Zuerst werde ich ihm die Ohren abschneiden. Dann die Augen. Dann die Hände, dann die Beine.“

Dexter schweigt. Genauso wie ein Großteil seiner mutmaßlichen Komplizen. Denn wer spricht, dem droht Rache. Und da nehmen die Clanmitglieder lieber hohe Haftstrafen in Kauf. Dessen ist sich auch der Hauptverdächtige bewusst. Als Dexter kürzlich bei einem Drogenprozess gegen einen mutmaßlichen Komplizen als Zeuge aussagen soll, erklärt er: „Niemand hat gegen mich ausgesagt. Ich werde freigesprochen werden.

Auch vor Gericht keine Furcht

Dexter, der gefürchtete angebliche Mafiaboss mit dem gedrungenen Körper, trägt einen grauen Jogginganzug einer Nobelmarke. Die Haare sind kurz geschoren, seine Stimme ist fest. Die Gummischnüre der FFP2-Maske graben sich tief in seine Wangen. „Ich war wegen einer Reise in Wien“, sagt er. Sein Auftritt im Gericht bleibt kurz. „Was glaubt er, warum er hier ist“, ärgert sich die Richterin. „Als Nächstes bekommt er ein Verfahren wegen falscher Zeugenaussage.“

Jetzt werde ich ihn anrufen, damit wir uns sehen. Werde ihn erschießen, wie einen Köter.“

Die Trojanerschild-Ermittlungen brachten auch korrupte Ermittler am Balkan zutage. Einige hatten sich von den Mafiaclans kaufen lassen. Auch sie tauchten in den Chats auf. „Das trifft natürlich auch uns. Wir müssen jetzt neue, vertrauenswürdige Partner suchen“, sagt Csefan.

Die Operation Trojanerschild wird die Ermittler noch jahrelang beschäftigen. Die Datenmengen sind enorm. Der Schlag gegen die Drogenmafia sei ein „extrem erfolgreicher“ gewesen. Was sich auch daran ableiten lässt, dass kurzfristig die Drogenpreise wegen Lieferengpässen nach oben schnellten. „Natürlich finden die Kriminellen neue Wege. Aber die Arbeit ist für sie schwieriger geworden“, stellt Csefan fest.

Denn die Kommunikation läuft fast nur noch persönlich. Man will nicht noch einmal riskieren, dass die Polizei mithören oder -lesen kann.

Schreibe jemandem, der ihm heute Abend alle Apartments anzünden kann oder gleich das ganze Haus, alles, was er hat. Es ist keine Frage des Geldes, egal wie viel.“

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