Chronik | Österreich
15.07.2018

Österreich: Ein ungewöhnliches Schwammerljahr

Nord-Süd-Gefälle bei den Pilzen und manche kamen leider etwas zu früh für die Schwammerlsucher.

Aus Kärnten oder dem niederösterreichischen Wechsel/Semmering-Gebiet kamen zuletzt Jubelmeldungen: „So viele Eierschwammerl haben wir noch nie im Wald stehen gelassen. Derzeit nehmen wir nur die schönsten Pilze mit“, sagt ein Schwammerlsucher aus dem Tauerngebiet. Am vergangenen Wochenende stiegen mancherorts die Freunde des Suchens einander bereits auf die Zehen.

Im Norden des Landes wird hingegen noch zaghaft gefragt: „Zahlt es sich überhaupt aus, jetzt suchen zu gehen?“ Das Waldviertel etwa war bisher großteils zu trocken, auch in Oberösterreich oder im Großraum Wien wurden bisher vergleichsweise geringe Funde gemeldet. In der Steiermark regt sich aktuell mehr, der Süden ist heuer wegen der Wetterlage prinzipiell bevorzugt. Doch in den nächsten Wochen wird erst der Saisonhöhepunkt  erwartet, sogar der rare Kaiserling soll sich blicken lassen.

 

„Das perfekte Pilzjahr wie 2014 wird es heuer sicher nicht mehr geben“, meint Alexander Hengl vom Wiener Marktamt. Er und andere Experten beschreiben das heurige Schwammerljahr als ungewöhnlich, viele Pilze sind überraschend früh heraußen gewesen. Morcheln etwa waren teilweise nur eine Woche im April zu finden, viel zu früh und viel zu kurz. Dafür wuchsen im Mai mancherorts plötzlich Sommersteinpilze – Pech, dass sie zu diesem Zeitpunkt gar nicht gepflückt werden dürfen. Denn Eierschwammerl und Steinpilze dürfen nur zwischen 15. Juni und 30. September gebrockt werden, wie es im Jargon heißt.

Weniger Giftpilze

„Dafür gibt es derzeit auch wenige giftige Pilze“, sagt Hengl. Beim Marktamt können Schwammerl vorgelegt werden und diese werden untersucht: „Wir haben bisher 23 Menschen das Leben retten können, weil die Pilze giftig waren.“ Darunter waren vor allem giftige Champignons und Bovisten.

Fast jeder zweite Österreicher geht Pilze sammeln, obwohl selbst viele Schwammerlsucher zugeben, nur mittelmäßiges bis wenig Wissen zu haben. Eierschwammerl, Steinpilze und Parasole sind beliebt, weil sie leichter zu identifizieren sind. Grundsätzlich sollte immer gelten: Im nur geringsten Zweifelsfall lieber den Pilz im Wald zurück lassen. Dennoch gibt es immerhin rund 1000 essbare Arten.

Schwammerl sollten entweder aus der Erde gedreht oder mit einem Messer abgeschnitten werden. Der erdige Teil sollte im Boden bleiben, damit es auch im nächsten Jahr wieder Schwammerl gibt. Tatsächlich sind die geernteten Pilze nur der Fruchtkörper. Der Großteil, das Myzel, ist unter der Erde. Diese Myzele können hunderte Hektar groß werden.

Gefängnis droht

Generell dürfen zwei Kilo pro Person gebrockt werden. Gesammelt werden darf theoretisch überall, wo es nicht ausdrücklich verboten ist. Die Pilze müssen aber mindestens zwei Zentimeter groß sein und für private Zwecke gesammelt werden. Bei Vergehen drohen Geldstrafen bis 730 Euro oder sogar eine Woche Gefängnis.

Am besten erntet man nur frische Pilze, die nicht von Tieren angefressen sind. Heuer sind mitunter viele Maden in den schlechten Schwammerln zu finden. Sie sollten auch nicht zu feucht sein. Nasse Pilze schmecken nicht so gut, mitunter muss danach das Wasser erst mühsam herausgekocht werden – bei Eierschwammerl bedeutet das bis zu einer halben Stunde mehr Kochzeit.

Heuer ist aber in vielfacher Hinsicht ein schwieriges Jahr. Nicht nur die ungewöhnlichen Zeiten für die Schwammerl, auch die Schäden durch Stürme, Käfer und die lange Schneedecke sorgen mancherorts für neue Bedingungen – so mussten sehr viele Bäume im Frühjahr geschlagen werden.

Der Vollmondeffekt und die Radioaktivität

Unter Schwammerlsuchern kursieren viele Weisheiten. Der Vollmond ziehe die Pilze aus der Erde, schwören manche. Und andere weisen daraufhin, dass die Schwammerl 30 Jahre nach dem Reaktorvorfall in Tschernobyl noch immer versucht sind.

 

Zumindest die Geschichte mit den Mondphasen haben keine Substanz. Lustigerweise ist diese Theorie ohnehin nur im deutschsprachigen Raum verbreitet. Schweizer Forscher haben dies sogar überprüft und 17 Jahre lang untersucht – einmal  pro Woche zählten Pilzranger den aktuellen Bestand. Die Analyse der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) zeigte, dass die Pilzvorkommen gleichmäßig über den gesamten Mondzyklus verteilt sind.

Der Himmelskörper verursacht lediglich eine Gewichtsänderung von  0,0001 Mikrogramm pro Gramm Wasser – viel zu wenig um einen signifikanten Effekt zu haben. Da aber dennoch viele Schwammerlsucher an den Vollmond glauben, lohnt es sich, bei Neumond suchen zu gehen. Da ist die Konkurrenz wohl etwas kleiner.

 

Bei der Radioaktivität ist die Lage anders. Sie ist tatsächlich vorhanden, aber vom gefährlichen Bereich weiter entfernt als viele glauben. Nur bei den Maronenröhrlingen sollte man etwas aufpassen, ergaben Erhebungen des Gesundheitsministeriums. Steinpilze erreichen äußerst selten den Grenzwert von 600 Becquerel, der Durchschnitt liegt bei 110. Eierschwammerl haben durchschnittlich 231 Becquerel, gerade einmal jedes neunte Schwammerl liegt über dem gesetzlichen Grenzwert.

Prinzipiell gilt aber: 200 Gramm Pilze selbst mit erhöhter Strahlung von 1000 Becquerel zu essen ergibt die gleiche Strahlenbelastung wie ein etwa vierstündiger Flug in den Urlaub.

Eierschwammerl oder Steinpilze richtig lagern

Wer in den Wald auf Pilzjagd geht, sollte jedenfalls neben dem Messer ein Stoffsackerl mithaben. So können die Schwammerl atmen. Ideal ist ein eigenes Pilzmesser, dabei ist ein Pinsel inkludiert, mit dem man die Schwammerl im Wald putzen kann. Denn je weniger Boden und Nadeln man mitnimmt, desto weniger Arbeit hat man hinterher. Und für den Wald ist es auch besser.

Bei der Lagerung gilt: Keine Plastikdosen verwenden. Wichtig ist eine kühle Lagerung, am besten auf Papier. Sind die Schwammerl nass ist eine trockene Lagerung vorteilhaft. Sind sie sehr trocken, dann ist ein feuchtes Tuch obenauf angesagt.

 

Manche Pilzfans schwören darauf, dass die Schwammerl nicht abgeschwemmt werden, andere machen es trotzdem. Prinzipiell sollte der Fund aber möglichst rasch verarbeitet werden. Wer ihn einfrieren möchte, hat zwei Möglichkeiten: Vor allem bei Eierschwammerl lohnt sich das blanchieren in zerlassener Butter. Speziell bei Steinpilzen kann man die Pilze auch trocknen, sogar im Backofen (fünf Stunden bei 40 Grad). Danach sollte man die Schwammerl in ein Gefriersackerl geben und bis zu einem halben Jahr einfrieren. Ideal sind sie etwa in der Wildsaison im November.

Wichtig: Man sollte sich nicht von einer Pilzart mehrere Tage ernähren, das kann die Verdauung stören.