© Wutte

Interview
05/22/2020

Nach wochenlanger Quarantäne am Schiff wieder in der Heimat

Die Tänzerin Julia Katharina Wutte erzählt von ihrer Zeit am Schiff und dem Leben in Isolation.

von Nikolaus Tuschar

Die 26-jährige Kärntnerin war als Artistin des Cirque du Soleil auf einem Kreuzfahrtschiff, als sie im April positiv auf Covid-19 getestet wurde. Sie musste sich in wochenlange Quarantäne begeben. Ihr Hilferuf auf Facebook machte den Fall in ganz Österreich bekannt.

 

KURIER: Erzählen Sie uns ein wenig von den zwei Monaten an Bord?

 Julia Katharina Wutte: Wir hatten seit dem 16. März keine Gäste mehr an Bord. Zuerst hat es geheißen, im Lauf der nächsten Woche fliegt auch die Crew heim. Dann wurden Schritt für Schritt die Regeln verschärft.  Am Anfang haben wir uns die Crew-Kabinen geteilt, dann sind wir in Gästekabinen verlegt und isoliert worden. Am 7. April kam die Durchsage des Kapitäns. „Ab morgen müsst ihr alleine in euren Kabine bleiben.“  Nur essentielles Personal durfte das Zimmer verlassen.

Gestrandet im Hafen von Dubai

Sport half, die Zeit zu überbrücken

Gestrandet im Hafen von Dubai

"Ich habe mich gedehnt und versucht, einen Handstand zu machen"

Gestrandet im Hafen von Dubai

Nach dem negativen Test war Julia sichtlich erleichtert

Gestrandet im Hafen von Dubai

Nach fast zwei Monaten ging es Richtung Österreich

Was macht die Isolation mit einem?

Mein Flug war eigentlich für den 11. April angesetzt. So mit dem Ziel vor Augen, kommt einem die Isolation gar nicht so schlimm vor. Doch dann wurde ich positiv auf Corona getestet. Zu diesem Zeitpunkt waren schon viele meiner Kollegen weg, ich wurde auf die Isolationsstation des Schiffes verlegt.

In den ersten Tagen arbeitet vor allem das Wissen in einem, dass man das Virus hat. Geholfen haben mir dann die Gespräche mit meiner Familie. Nach drei Tagen auf der Station wird einem langsam bewusst – jetzt musst du die Zeit der Quarantäne überstehen. Trübsal blasen bringt nicht.

Ich hab versucht mich so gut es geht von Social Media abzukapseln und mir die Zeit mit Büchern und Training vertreiben. Auf dem begrenzten Raum des Isolationszimmers hab ich dann zum Beispiel Liegestütz, Sit ups und Klimmzüge gemacht - manchmal hab ich auch getanzt. Danach waren die 14 Tage vorbei und man denkt sich, man hat es überstanden. Ich durfte endlich den Abstrichtest machen. Dann ist dieser zweite Test auch noch postiv. Ich hab dann aber gleich noch einen dritten manchen dürfen. Dieser war dann zum Glück negativ, allerdings musste ich weitere 14 Tage auf das Ergebnis warten. Dann ging es eigentlich recht schnell. Vier Tag später war ich auf dem Weg nach Österreich.

Sind Sie wieder glücklich, zuhause zu sein?

Es war fast eine 40-Stunde-Reise. Ich bin in Deutschland zwischengelandet, hab dort übernachtet. Und dann wurde ich in Wien von meinem Cousin und meiner Tante abgeholt. Dort hab ich dann meinen vierten und letzten Test gemacht. 24 Stunden später kam das Ergebnis - negativ. Das Gefühl, richtig angekommen zu sein, habe ich dann in Klagenfurt gehabt. Einfach mal den Kühlschrank aufmachen und sich aussuchen, was man isst - das ist nach einer solchen Zeit des vorgeschriebenen Menüplans purer Luxus. Auch im Garten zu sitzen und zu sehen, wie alles blüht. Da sieht man eigentlich, wie gut es uns in Österreich geht. Hier zu leben, ist ein Privileg.

Der letzte Tag am Schiff - wie genau lief die Rückreise ab?

Am 18. Mai um 3.45 Uhr Früh kam das angekündigte Kommando. Ich bin in dieser Nacht nicht einmal schlafen gegangen. Als ich von Bord ging und mich umdrehte, wurde mir erst bewusst, in was für einem Gefängnis ich eingesperrt war. Das Gefühl: unbeschreibliches Glück über die Freiheit. Im Hafen kamen dann zwei Mitarbeiter der österreichischen Botschaft, die mich auch zum Flughafen begleitet haben.

Die Behörden haben mehrfach betont, dass sie sich intensiv um Ihre Rückkehr bemüht haben. Wie waren Ihre Erfahrungen mit dem Außenamt?

Am Anfang wurde viel telefoniert. Im März wurde gesagt, ich kann jetzt nur warten. Der Hafen und der Flughafen waren zu diesem Zeitpunkt gesperrt. Die Kommunikation mit den Behörden übernahmen größtenteils mein Cousin und meine Tante in Österreich, da meine Internetverbindung an Bord schlecht war. Dann schaltete sich Tyrol Air Ambulance ein. Man überlegte, wie man mich heimbringen könnte, wenn alle Stricke reißen. Sie hatten meinen Hilferuf auf Facebook gesehen. Nach diesem Video wurde die Kommunikation mit den Behörden und der MSC (Schiffgeschaft) besser und intensiviert.

Wie kam es zu diesem Video?

Das war an dem Tag, an dem mich der Arzt angerufen hat und gesagt hat, mein Test ist zum zweiten Mal positiv. Zuerst wollte ich nicht an die Medien gehen. In dieser Situation war es Wut gemischt mit Verzweiflung, die mich dazu brachten, das Video zu verfassen. Dass dieses Video solche Wellen schlägt, hätte ich nie erwartet. Das war auch nicht meine Intention – ich wollte einfach nur mehr weg.

Ab wann wurde Ihnen bewusst, dass die Situation ernster ist, als vielleicht zu Beginn angenommen?

Am Schiff bist du in einer eigenen Welt – abgeschottet halt. Doch dann ging es Schlag auf Schlag. Als ich mitbekommen habe, wie ernst die Situation wirklich ist, waren wir schon mitten in der Krise.