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Chronik Österreich
07/21/2021

Nach Unwetter-Katastrophe: Mehr Augenmerk auf die Bäche

Österreich investiert in den Hochwasserschutz Milliarden und definiert rote Zonen. Doch die Gefahr, dass sich Siedlungsbereiche und Risikozonen immer weiter überschneiden, wächst.

von Johannes Weichhart, Christian Willim

Patrick Strobl unterbrach seinen Familienurlaub, um nach Melk in Niederösterreich zu eilen. Der Bürgermeister hatte die Information erhalten, dass die Donau bereits beträchtlich angeschwollen war, die heftigen Regenfälle am Wochenende sorgten auch in der Stadt an der Donau für Alarmstimmung.

Jedes Hochwasser lässt in Melk böse Erinnerungen wach werden. Mehrmals wurde der Ort bereits schwer von den Fluten getroffen. Doch 1.500 Kubikmeter Beton und ein mobiler Hochwasserschutz, der innerhalb von vier Stunden errichtet werden kann, schützen das Zentrum mittlerweile vor den Wassermassen. 15 Mio. Euro wurden in die Maßnahmen investiert.

Trotzdem kam Melk nicht ungeschoren davon. Denn in einigen Katastralgemeinden hieß es am Wochenende „Land unter“. „Der Weierbach, der eigentlich nur ein Rinnsal ist, entwickelte sich plötzlich zu einem reißenden Fluss“, berichtet Vizebürgermeister Wolfgang Kaufmann. Man werde Retensionsbecken schaffen müssen, um in Zukunft auch das Hinterland besser schützen zu können.

Hochwassermanagement

1,2 Milliarden Euro hat Niederösterreich seit dem Jahr 2002 in den Hochwasserschutz investiert. Laut Landesvize Stephan Pernkopf wurden damit 300 Gemeinden sicherer gemacht, 50 Projekte befinden sich noch in der Pipeline. Nun soll der Fokus nochmals verstärkt auf Zubringerflüsse und eben auch Bäche gelegt werden. Betont wird, dass auch in Renaturierungsprojekte viel Geld gepumpt wird. So kostet die Altarmanbindung in der Wachau etwa 3,9 Millionen Euro.

An Österreichs großen Flüssen hat das Hochwassermanagement am Wochenende funktioniert und Gröberes verhindert. Gleichzeitig wurde vor Augen geführt, welch zerstörerischen Kräfte – etwa in Hallein oder Kufstein – das ganze Jahr scheinbar harmlose Bäche entwickeln können.

In Deutschland, wo die Unwetter ungleich verheerendere Ausmaße hatten, läuft indes die Debatte an, wieso Behörden nicht besser vorbereitet waren oder etwa gar Warnungen nicht ernst genommen haben könnten. Das Risikomanagement steht auf dem Prüfstand.

„Dass in Deutschland wirklich viele Menschen gestorben sind, irritiert mich massiv“, sagt Arthur Kanonier, Professor für Raumplanung an der Technischen Universität Wien, im KURIER-Gespräch. Zu Österreich hingegen lautet seine Einschätzung: „Die Informationen über den Gefährdungsgrad sind bei uns auf sehr hohem Niveau.“

Rote Zonen

Nach den großen Hochwasserereignissen 2002 und 2005 sei sehr viel Geld in die Forschung und Darstellung von Gefahrensituationen geflossen. Durch das genauere Hinschauen haben auch die gelben und roten Zonen zugenommen. Für viele Grund- und Hauseigentümer hat es dadurch ein böses Erwachen gegeben: Denn rote Zonen dürfen prinzipiell nicht in Bauland gewidmet bzw. bebaut werden.

„Die Leute haben sich mehr vor den roten Zonen, als vor den Naturgefahren gefürchtet“, erinnert sich Kanonier an die Angst der Besitzer vor dem Wertverlust. Zunächst sind diese Gefahreneinstufungen, die von Bundesseite erstellt werden, aber nur Gutachten. „Sie werden nicht unmittelbar rechtswirksam“, erklärt der Raumordnungsexperte.

Klimawandel

Das ist erst der Fall, wenn die Bundesländer sie in ihre Gesetze einpflegen. „Die Flächenbundesländer handhaben das anders, als die alpinen Bundesländer“, so Kanonier. In Oberösterreich etwa müssen alle Zonen, die einmal rot waren, rot bleiben – auch wenn Schutzbauten errichtet werden. In den Bergen stellt sich aufgrund der beengten Verhältnisse bei Zunahme und Vergrößerung von gelben und roten Zonen schnell die Frage, wo bei rigoroser Auslegung überhaupt noch etwas passieren kann.

Eines steht für Kanonier fest: „Die Überlappungen von Siedlungs- und Gefährdungsbereichen werden größer werden.“ Denn einerseits würden die Siedlungsräume tendenziell wachsen – Stichwort Flächenfraß. Und gleichzeitig würden die Risikozonen durch den Klimawandel größer werden. „Die Konflikte sind programmiert.“

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