Lina Barischnikowa

© Kurier / Gilbert Novy

Interview
12/01/2019

Nach Mord an Andreas U.: „Ich bin um mein Leben gerannt“

Zeugin Lina B. war dabei, als einem guten Freund in den Kopf geschossen wurde. Noch heute hat sie Angst.

von Konstantin Auer

Andreas U. wurde am 4. November an seinem Geburtstag – scheinbar ohne Grund – erschossen. Er saß mit der 31-jährigen Lina B., seiner Nachbarin und guten Freundin, auf einer Parkbank im Wiener Gemeindebau, als ihm ein Nachbar in den Kopf geschossen haben soll. Der KURIER traf die Zeugin zum Interview.

KURIER: Sie sind gegenüber von Andreas U. gesessen, als er erschossen wurde. Was ist an diesem Abend passiert?

Lina B.: Ich habe in dem Moment nur gesehen, wie die Waffe in der Dunkelheit aufblitzte. Ich habe gesehen, dass Andreas auf die Seite kippt. Aber erst, als ich das Blut auf den Boden fließen hörte, habe ich realisiert, was passiert ist. Dann bin ich um mein Leben gerannt, so schnell wie nie zuvor. Ich habe gedacht, dass er mich jetzt auch erschießt. Ich habe gehofft, dass ich weit genug weglaufen kann, damit er mich nicht lebensbedrohlich verletzt oder sogar verfehlt.

Was dachten Sie, als Sie die Pistole gesehen haben?

Im ersten Moment habe ich gedacht, dass das nicht echt ist und er einen blöden Männerwitz machen will. Ich dachte, dass er Andreas einfach nur mit einer Schreckschusspistole erschrecken will. Also habe ich im ersten Moment keine Angst verspürt. Aber nach mehreren Sekunden, in denen er gezielt hat, wurde ich langsam unruhig. Aber realisiert habe ich das da noch nicht.

Lina Barischnikowa

Wie ist Ihnen der Verdächtige vorgekommen?

Normal wie immer. Vor dem Schuss hat er aber leicht nervös gewirkt. Er ist neben mir gestanden und hat nichts gesagt und gezittert. Er hat gewirkt, als würde er etwas sagen wollen. Die Situation war unangenehm, deswegen habe ich gefragt: „Wie geht es dir?“ Er hat mich angeschaut und gesagt: „Gut“. Dann war wieder Stille, bis er die Waffe herausgeholt hat. Erst als auch Andreas Angst bekam und sich hinter seinen Armen versteckte, hat er gesagt: „Geh, sei ruhig, ist ja gleich vorbei“.

Und er hat abgedrückt. Was ist dann passiert?

Beim Laufen bin ich einmal ausgerutscht. Ich wollte wissen, wie nahe er mir ist, ob er mich verfolgt. Er ist aber einfach davon spaziert, hat sogar noch die Hausmeisterin am Fenster gesehen und gegrüßt. Ich bin zu mir nach Hause gerannt, habe mich zur Tür gestellt und sie zugehalten, falls er doch kommt und habe die Polizei gerufen.

Wirre Aussagen

Immer mehr Anzeichen deuten darauf hin, dass der 46-Jährige, der am 4. November im Innenhof einer Gemeindebau-Anlage in Wien-Döbling den 47-jährigen Andreas U. auf einer Parkbank erschossen haben soll, möglicherweise nicht schuldfähig ist. Der Mordverdächtige wurde nun von der Justizanstalt  Josefstadt ins Otto-Wagner-Spital verlegt.

Gutachten wird erstellt

Der Verdächtige dürfte in den vergangenen Monaten eine Persönlichkeitsveränderung mitgemacht haben. So traf er in seinem Auto Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz vor giftigen Dämpfen. Er legte sich außerdem ein Wanzensuchgerät zu, um sicherzugehen, dass seine Wohnung nicht abgehört wurde und gab an, 140 Millionen Euro zu besitzen. Mit Spannung wird nun auf das psychiatrische Gutachten gewartet. 

Der mutmaßliche Täter hat sich am nächsten Morgen der Polizei gestellt. Wie ist es Ihnen bis dahin gegangen?

Ich war nach den Befragungen mit meinen Kindern bei einem Bekannten und hatte extreme Panikzustände. Ich konnte nicht beim Fenster vorbeigehen, weil ich die ganze Zeit gedacht habe: Vielleicht steht er jetzt da und erschießt mich. Die Polizei hat mich in der Früh angerufen und gesagt, dass sie ihn haben. Das war eine Erleichterung.

Sie haben einen Schock erlitten. Wie geht es Ihnen heute?

Daheim geht es. Aber ich schlafe mit Licht. Wenn ich in der Dunkelheit mit dem Hund rausgehe, habe ich immer noch Angst. Ich habe auch Kontakt mit dem Weißen Ring aufgenommen. Nächste Woche beginne ich eine Traumatherapie.

Wie erklären Sie sich, dass Sie verschont blieben?

Das versteht keiner. Das versteht auch die Polizei nicht. Ich war in seinem Wahn vielleicht keine Gefahr für ihn. Ich würde auch gerne wissen, warum er mich am Leben gelassen hat.

Wie ist nun die Stimmung im Gemeindebau?

Die meisten Nachbarn sind sehr unterstützend. Natürlich war die erste Zeit sehr, sehr schrecklich. Jeder hatte Angst. Wenn man ein Vogerl gehört hat, hat man gezuckt. Mittlerweile versuchen wir, Normalität reinzubringen. Wir haben eine neue Bank bekommen und haben eine Laterne für Andreas aufgestellt. Das ist so wie ein Andenken, als ob er noch da wäre.

Wie haben Sie das eigentlich Opfer kennengelernt?

Er hatte auch einen Sohn und wir sind alle zum Spielen in den Hof gegangen. Wir haben uns täglich gesehen, so ist eine gute Freundschaft entstanden. Man konnte mit ihm Spaß haben und Lachen.

Hätte man die Tat verhindern können?

Ich frage mich, warum so ein Mensch eine Waffe besitzen darf. Ich wünsche mir stärkere und regelmäßige psychologische Kontrollen.