Chronik | Österreich
08.12.2018

Muslime wählten Ümit Vural zum neuen Präsidenten

Jurist Ümit Vural folgt Ibrahim Olgun an der Spitze der IGGÖ nach. Er ist der erste Kurde in dieser Funktion.

Es war ein offenes Geheimnis in den vergangenen Tagen. Und wie der KURIER bereits vor einem Monat in Aussicht stellte, wurde am Samstagnachmittag Jurist Ümit Vural zum neuen Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) gewählt. Der bisherige Vorsitzende des Schurarates (quasi des IGGÖ-Parlaments) folgt mit 84-prozentiger Zustimmung der Delegierten dem glücklosen Theologen Ibrahim Olgun nach. Er ist der erste Kurde in diesem Amt.

Der Rechtsanwaltsanwärter in der Kanzlei von Promi-Anwalt Rudolf Mayer entstammt wie sein Vorvorgänger Fuat Sanac der Islamischen Föderation, die der türkisch-nationalistischen Milli-Görüs-Bewegung nahesteht. Seine Vereinsmitgliedschaft könnte der Jurist aber niederlegen – um als Präsident für alle Muslime glaubwürdig zu sein. Und wohl auch, um externen Kritikern weniger Angriffsfläche zu bieten.

"Mutige Interessenvertretung"

IGGÖ-intern wird Vural als Pragmatiker beschrieben. Anders als „der fromme Theologe“ Olgun sei er ein Vertreter des „Realo-Flügels“, der in Österreich sozialisiert wurde und von den hier lebenden Muslimen eine Emanzipation von ausländischen Einflüssen einfordere. Egal, ob diese nun aus der Türkei, aus Ägypten, Saudi-Arabien oder dem Iran kämen.

In einem Video, das die IGGÖ am Samstagabend via Facebook veröffentlichte, sagt der neue Präsident, Familie und Freunde hätten ihm zwar mit Verweis auf seine Karriere von der Kandidatur abgeraten. Es sei aber "Zeit für einen Schritt nach vorne", die Herausforderungen (für die IGGÖ; Anm.) seien nie größer gewesen. "Rassismus, Ausgrenzung und Anfeindungen gegen Österreichs Muslime scheinen mit jeden Tag an Bösartigkeit zuzunehmen." 

Laut Vural müsse sich die IGGÖ deshalb einem Wandel unterziehen. Er strebe eine Kombination aus "Modernität, Sachverstand und Religiosität" an. Die Glaubensgemeinschaft müsse "eine starke und mutige Interessenvertretung" werden und sich "gegen jene Kräfte stellen, die den sozialen Frieden gefährden und den Muslimen das Gefühl geben, sie seien nur Bürger zweiter Klasse".

 

Vural, der im Zusammenhang mit dem Islamgesetz bereits mit dem Kultusamt verhandelte, wird intern viel zugetraut. „Seine juristische Erfahrung ist genau das, was die Muslime heutzutage brauchen“, sagt SPÖ-Gemeinderat und IGGÖ-Kenner Omar Al-Rawi. Angesichts einer Regierung, die immer wieder Gesetze wie Kopftuch-Verbote vorantreibe, Moscheen schließe oder Imame ausweise, komme ein versierter Anwalt, der geschickt verhandle und Gesetze vor Gericht anfechte, wie gerufen.

Neustart in allen Gremien

Die Postenverteilung lässt vermuten, dass Vural mit seinem Team einen kompletten Neustart anstrebt. So einigte man sich im Schurarat auf den bosnischstämmigen Adis Candic und auf Seyfi Recalar von der Türkisch-islamischen Union (ATIB) als Vizepräsidenten. Als Vorsitzender des Schurarats folgt Vural der ehemalige Vizepräsident Esad Memic von der bosnischen Gemeinde nach.

Als Generalsekretär löst Murat Doymaz von der Union Islamischer Kulturzentren (UIKZ) Baki Uslu ab – der Vizechef der Türkischen Föderation (laut Islam-Experte Thomas Rammerstorfer der Österreich-Ableger der rechtsextremen Grauen Wölfe) hatte der Glaubensgemeinschaft einige Imageschäden beschert. Etwa weil er bei öffentlichen Auftritten und in sozialen Medien den Wolfsgruß gezeigt hatte. 

Wiener, Kammerrat und Rapid-Fan

Ümit Vural ist nach dem aus Afghanistan stammenden Ahmad Abdelrahimsai, dem gebürtigen Syrer Anas Schakfeh, Fuat Sanac und Ibrahim Olgun, die beide türkische Wurzeln haben, der fünfte IGGÖ-Präsident. Der Kurde türkischer Herkunft wurde 1982 im anatolischen Yozgat als ältestes von fünf Geschwistern geboren. Sein Vater arbeitete als Maurer, die Mutter als Hausfrau. Mit sechs Jahren kam Vural nach Österreich, seine Kindheit verbrachte er von da an in Rudolfsheim-Fünfhaus – wo er auch noch heute wohnt.

In seinem Heimatbezirk engagierte sich Vural bereits in der Jugend in seiner Moscheegemeinde. Zudem machte er sich auch auf dem Fußballplatz einen Namen: Von 1994 bis 2001 spielte er beim FavAC, wo er es als Spielmacher im Mittelfeld bis in die Kampfmannschaft schaffte. Heute ist Vural allerdings „glühender Rapid-Fan“.

Der studierte Jurist ist auch politisch kein unbeschriebenes Blatt. So kandidierte er 2009 mit seiner Liste "Perspektive" bei der Arbeiterkammer-Wahl, wo er auf Anhieb drei Mandate schaffte – die er 2014 auf vier ausbauen konnte. Seine inhaltlichen Schwerpunkte sind Antidiskriminierung und Chancengleichheit am Arbeitsplatz.

Einer breiteren Masse bekannt wurde Vural 2006 – als alle namhaften türkischen Verbände in der Wiener Stadthalle zum ersten Mal gemeinsam den Geburtstag des Propheten Mohammed feierten. Vural moderierte damals die Veranstaltung mit rund 12.000 Teilnehmern – und machte in der muslimischen Gemeinde als „kommunikative Reserve“ auf sich aufmerksam.

Der neue Präsident spricht neben Deutsch Kurdisch, Türkisch, Englisch und kann auch Arabisch-Kenntnisse vorweisen. Und noch was Persönliches: Neben türkischer Küche liebt er laut eigener Angabe halal Wiener Schnitzel und Apfelstrudel.   

Vorgeschichte

Wie berichtet, hatte der Schurarat vor etwa einem Monat mit einer Zweidrittelwahl Neuwahlen beschlossen. Olgun war intern unter Druck geraten, nachdem die Bundesregierung am 8. Juni die Schließung von sieben Moscheen sowie die Auflösung der Arabischen Kultusgemeinde Österreichs (AKÖ) verkündet hatte. Dem Präsidenten wurde IGGÖ-intern vorgeworfen, besagte Moscheeschließungen selbst verursacht zu haben, weil er dem Kultusamt formelle Mängel bei der AKÖ gemeldet hatte. Olgun argumentierte, dass er dazu nach dem Islamgesetz verpflichtet gewesen sei. 

Zudem wurde dem vom türkischen Moscheeverband ATIB aufgestellten Olgun von Kritikern immer wieder nachgesagt, "eine Marionette Ankaras" zu sein und die Kräfteverhältnisse im Schurarat zugunsten von ATIB beeinflusst zu haben. Von der aktuellen politischen Situation sei der Theologe "zum Teil etwas überfordert gewesen", meint Tarafa Baghajati, Obmann der Initiative Muslimischer Österreicher im KURIER-Gespräch.

Der junge Theologe war somit nur 2,5 Jahre im Amt und musste als erster Präsident der IGGÖ vor Ablauf der fünfjährigen Legislaturperiode sein Amt zurücklegen. Offiziell war aber nicht von einer Abwahl die Rede, sondern von einem im Sommer gestarteten Reformprozess, zu dem auch die Änderung der IGGÖ-Verfassung gehöre. Olgun machte im Gespräch mit dem KURIER aber keinen Hehl aus seiner persönlichen Enttäuschung.

Via Facebook wünschte Olgun seinem Nachfolger und dessen Team noch am Samstagabend "alles Gute und viel Erfolg".