Chronik | Wien
15.11.2018

Neuwahlen: „Der IGGÖ-Präsident muss unabhängig sein“

Die Vertretung der österreichischen Muslime steht vor einem umfassenden Reformprozess.

In der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) stehen die Zeichen auf Neuanfang. Nachdem der Schurarat Neuwahlen beschloss und nach 2,5 Jahren Amtszeit das vorzeitige Ende der Ära von Präsident Ibrahim Olgun einläutete, soll nun ein Reformprozess stattfinden. Im Gespräch mit dem KURIER erklärt Tarafa Baghajati, Imam und Obmann der Initiative Muslimischer Österreicher (IMÖ), vor welchen Herausforderungen der künftige Präsident steht.

Wer auch immer am 8. Dezember zu Olguns Nachfolger gewählt wird, müsse die Bedeutung der Glaubensgemeinschaft erhöhen – bzw. wieder herstellen. „Die IGGÖ muss wieder ein Faktor im Diskurs um Islam und Muslime werden“, meint Baghajati. „Zurzeit sind wir nur mehr Zuschauer.“ So sei die offizielle Vertretung der Muslime in Österreich etwa vor der 15a-Vereinbarung zum Kopftuchverbot im Kindergarten von der Bundesregierung nicht einmal zu Gesprächen eingeladen worden. Olgun sei in der aktuellen politischen Situation „zum Teil überfordert“ gewesen.

Wer immer ihm nachfolgt, habe drei Voraussetzungen zu erfüllen, sagt Baghajati: „Es muss indiskutable Bedingung sein, dass der Präsident und alle Funktionäre an Schlüsselstellen nicht nur kompetent, sondern auch unabhängig sind. Und dass sie strikt die Politik des Verbandes, aus dem sie kommen, von jener der IGGÖ trennen.“ Unabhängigkeit bedeute, dass Entscheidungsträger „ausschließlich im Dienst der österreichischen Muslime stehen und keinen Einfluss aus dem Ausland zulassen“. Die ethnische Zugehörigkeit sei den allgemeinen Bedürfnissen unterzuordnen.

Emanzipation

Dieses Amtsverständnis war bisher nicht klar festgelegt, im Zuge des Reformprozesses gebe es aber Bestrebungen in diese Richtung. „In unserem eigenen Interesse“, wie Baghajati betont. Um für alle Muslime gleichermaßen glaubwürdig zu sein, empfiehlt er dem künftigen Präsidenten, aus dessen Verband austreten.

Es ist durchaus möglich, dass das die der Milli-Görüs-Bewegung nahestehende Islamische Föderation betreffen wird. Denn obwohl bis dato niemand für Olguns Nachfolge kandidiert hat, werden dem Vorsitzenden des Schurarats, Ümit Vural, gute Chancen nachgesagt. Er selbst will das nicht kommentieren.

Vurals Zugehörigkeit zur Islamischen Föderation könnte zwar eine Steilvorlage für externe Kritiker sein. Dass die IGGÖ Schaden nehmen könnte, glaubt Baghajati aber nicht. Mit seiner Emanzipation vom Heimat-Verein würde der künftige Präsident beweisen, dass er kein Befehlsempfänger sei.

Davon abgesehen stellt der IGGÖ-Experte aber klar: „Wir wählen unsere Vertreter nicht auf Bestellung der österreichischen Politik oder der Medien. Das ist unsere interne Angelegenheit.“ Vural, der Reformbereitschaft mitbringe und sich punkto Krisenmanagement ausgezeichnet habe, habe seine volle Unterstützung. Andere ernst zu nehmende Namen hätten sich nicht herauskristallisiert.

Teamarbeit

Geht es nach den Reformwilligen in der IGGÖ könnte sich auch die Arbeitsweise des Präsidenten ändern. „Die Zeiten, in denen einer als alleiniger ‚Führer‘ handelt, müssen vorbei sein“, meint Baghajati. Der nächste Präsident sei gut beraten, sich ein unabhängiges Team der besten Köpfe zusammenzustellen, dass die Themenbereiche Bildung, Integration, Frauen, humanitäre Einsätze und Medien abdeckt.

Und noch mehr sei nicht in Stein gemeißelt, erklärt der IMÖ-Obmann. Etwa könne die IGGÖ „nicht ewig einen Mufti (einen islamischen Rechtsgelehrten; Anm.) beschäftigen, der nicht Deutsch kann“.

Baghajati plädiert weiters für ein freiwilliges Bekenntnis dazu, dass keine Ethnie mehr als 50 Prozent in einem IGGÖ-Gremium hat (Zurzeit sind zirka 60 Prozent des Schurarats türkischstämmig.) und für eine Mindestfrauenquote von 20 und später 30 Prozent. Zudem sollten Muslime, die keinem Verband angehören, die Möglichkeit zur Mitarbeit in der IGGÖ bekommen.