Chronik | Österreich
31.12.2017

Mit Retro-Chic in die Hotel-Zukunft

Im Zillertal eröffnete das erste Pop-up-Hotel der Alpen. Neues und Altes gehen für eine Saison Hand in Hand.

Die neue gezimmerte Holzstiege geht durch die Decke. Und damit durch den Fußboden eines ehemaligen Hotelzimmers. Auf dem Weg vom Erdgeschoß in den ersten Stock hängt noch die alte Tür und das Badezimmer im 70er-Jahre-Stil über dem Kopf des Besuchers. Hier ist nicht etwa Arbeitern beim Umbau die Zeit ausgegangen. Vielmehr verfolgt das junge Hotelierspaar Markus Rist und Silvia Gschösser ein Konzept, das Aufbruch in neue Zeiten verkörpert, ohne die alten auf die Müllkippe zu werfen.

„Wir wollten alles noch einmal zur Schau stellen und das Alte ehren, bevor wir nächstes Jahr generalsanieren“, sagt Gschösser. Gemeinsam mit ihrem Freund hat sie das Hotel in Ried im Zillertal vor der Wintersaison von dessen Eltern übernommen. Innerhalb von zwei Monaten wurde gemeinsam mit Architekten, Künstlern und Freunden eine Idee verwirklicht, die viel Mut erfordert.
Denn die Jungunternehmer haben Geld in eine Zwischenlösung investiert und so das erste Pop-up-Hotel der Alpen eröffnet. Das Ende ist bereits vorprogrammiert, weshalb das Projekt „Pop Down Hotel“ getauft wurde.

Ausgegrillt

„Einen neuen Namen hätten wir sowieso gebraucht, auch wenn wir wissen, dass das ein Risiko ist“, sagt Gschösser. Über 40 Jahre hieß das Haus, das nahe dem Kirchplatz des Ortes steht, „Grillhof“. „Wir machen viel mit vegetarischer und veganer Küche. Da hätte das nicht mehr gepasst“, sagt die 30-Jährige lachend.

Wie sie und ihr Freund sich ihre Rolle als Gastgeber vorstellen, wird in dem Hotel markant in Szene gesetzt. Im ersten Stock beginnt eine Tafel, die sich über den Parterre durch die alte Gaststube bis hinunter in den Keller zieht. „Wir möchten, dass Gäste, Einheimische, das Personal und wir alle an einem Tisch sitzen, so wie das früher auch in den Stuben der Bauernhöfe war“, erklärt der 41-jährige Hotelierssohn Markus Rist.

Die Einheimischen sollen so wieder motiviert werden, öfter ins Gasthaus zu gehen. Die Gäste wiederum mit ihnen in Kontakt kommen können. Ein Kulturprogramm mit kostenlosen Konzerten im Hotel soll helfen. Auf der beheizbaren Riesentafel werden die Speisen eingestellt. Jeder kann sich selbst bedienen. Für den Tisch haben die Hoteliers fünf Zimmer geopfert und die Trennwände eingerissen. Die Gäste schauen beim Essen auf die alte Einrichtung, die belassen wurde. Das ist ein fast museales Erlebnis.

Gefluteter Keller

Im Keller wurden ebenfalls Wände eingerissen. Der Gast kommt so auch in einem geöffneten Lagerraum und der Wäscherei zu sitzen. Das hat mehr Charme, als man meinen könnte. „Wir möchten die Leute auch hinter die Kulissen blicken lassen“, sagt Gschösser. Das Alte wird im ganzen Haus mit modernen Akzenten in spannenden Kontrast gesetzt.

Den Keller haben die Popup-Hoteliers zum Teil fluten lassen. Stege führen über das Wasser. Aber niemand muss in die Tiefen des alten Grillhofs steigen, um zu erkennen, dass hier Neues ausprobiert wird.

Vor der Neueröffnung wurde das in typischer Lederhosenarchitektur errichtete Hotel mit seinen Holzbalkonen komplett in weiße Farbe getüncht – ein echter Hingucker.„Als unser Team mit der Idee gekommen ist, habe ich mir zuerst gedacht die spinnen“, erzählt Rist. Aber das Wagnis hat sich gelohnt.

Betriebsübergaben: „Wir sind im Generationswandel“

Vor drei Jahren hat Mario Gerber den Familienbetrieb mit drei Hotels in Kühtai nahe Innsbruck übernommen und gerade 17 Millionen Euro in eines der Häuser gesteckt. Der 37-Jährige Spartenobmann der Tiroler Hotellerie kennt die Herausforderungen einer Betriebsübergabe aus eigener Erfahrung.

KURIER: Es gibt Schätzungen, dass in den kommenden 15 Jahren 2600 Tiroler Hotelbetriebe vor der Übergabe stehen. Was heißt das für die Branche?
Mario Gerber: Das ist schon ein Problem. Wir sind mitten in einem Generationswandel. Und so eine Übergabe ist zunächst eine sehr emotionale Geschichte. Da ist einmal die Elterngeneration, die vielleicht klein angefangen und das Unternehmen aufgebaut hat und sich dann schwer tut, das Zepter aus der Hand zu geben. Da kann es dann zu Konflikten kommen.

Immer wieder ist von Übernahmen durch ausländische Investoren zu hören. Gibt es Junge, die nicht ans Ruder wollen, weil sie bei ihren Eltern gesehen haben, was das heißt?
Das gibt es. Aber man darf sich nicht abschrecken lassen. Man kann einen Betrieb auch anders führen. Man muss wissen: Viele Seniorchefs sind den ganzen Tag im Unternehmen, weil sie das so wollen und es nicht anders kennen. Aber Unternehmer sein heißt natürlich auch, Gas geben. Von nix kommt nix.

Sind nicht auch die zum Teil hohen notwendigen Investitionssummen eine Hürde?
Vor einer Übernahme ist es wichtig, dass der Betrieb auf gesunden Füßen steht. Man sollte sich daher professionelle Hilfe holen. An Investitionskapital zu kommen, ist eine große Herausforderung. Eigentlich müssten Übernahmen wie Start-ups behandelt und gefördert werden.