© ORF/ORF/Thomas Ramstorfer

Interview

Maßnahmen gegen das Coronavirus "Watschen für jeden Klimaschützer"

Marcus Wadsak im Gespräch über sein neues Buch, persönliche Frustration und Optimismus angesichts der drohenden Klimakatastrophe.

von Andreas Puschautz

03/12/2020, 05:00 AM

Marcus Wadsak ist nicht nur der Leiter der ORF-Wetterredaktion, sondern auch einer der unermüdlichsten – und vermutlich der prominenteste – heimische Mahner vor den Gefahren des Klimawandels. Vor kurzem erschien sein neues Buch (siehe ganz unten), in dem der Meteorologe in vier übersichtlich gegliederten Kapiteln mittels wissenschaftlicher Fakten, vieler anschaulicher Grafiken und vor allem leicht verständlicher Sprache mit gängigen Mythen aufräumt.

KURIER: War die leicht verständliche Sprache des Buches eine bewusste Entscheidung?

Marcus Wadsak: Absolut. Das ist ja auch etwas, das ich in meinem täglichen Beruf versuche. Ich sehe mich als Übersetzer von wissenschaftlichen Fakten und komplizierten Rechnungen in einen alltagstauglichen Sprachgebrauch. Ich sehe immer meine Kinder vor mir: Wenn die es verstehen, habe ich es richtig gemacht.

Haben Sie beim Untertitel des Buches, Fakten gegen Fakes und Fiction, an etwas Bestimmtes gedacht?

Es gibt die immer wiederkehrenden Mythen wie, es könnte ja auch die Sonne sein. Das war auch in Österreich bis vor kurzem immer noch gerne gehört. Was ich speziell vor Augen hatte, war aber dieser Mann aus Amerika (US-Präsident Donald Trump, Anm.), der behauptet hat, der Klimawandel sei eine Erfindung der Chinesen.

Kritiker wenden ein, Österreich, aber selbst die EU wäre nur für einen kleinen Teil der globalen Treibhausgase verantwortlich. Was bringen unsere Bemühungen dann eigentlich?

Wenn wir die kumulierten CO2-Emissionen betrachten, dann ist Europa nicht so klein, denn wir haben sehr früh damit angefangen. Jetzt holen bevölkerungsreichere Länder zwar auf, weil sie viel mehr ausstoßen. Aber wenn wir von Beginn der Industrialisierung an schauen, sind die Europäer schon noch Vorreiter – gemeinsam mit den USA natürlich. Und was es bringt: Es braucht alles. Es braucht das Tun von Ihnen und mir, von Familien, von Gemeinden, von Ländern, von der EU. Und natürlich wird die Rechnung nur aufgehen, wenn wir endlich einmal begreifen, dass es ein globales Problem ist, das globales Handeln braucht. Das haben wir beim Ozonloch geschafft.

Wie erklären Sie sich, dass das Coronavirus zu umfassenden globalen Gegenmaßnahmen führt, die Klimakrise aber noch immer nicht?

Zu sehen, was alles möglich ist, wenn man will, ist ein spannendes Phänomen. Das ist schon fast ein bisschen eine Watschen für jeden Klimaschützer, der seit 30 Jahren predigt, welche Gefahren auf uns zukommen. Und dann kommt ein Virus und auf einmal werden Flüge gestrichen und Konferenzen per Skype abgehalten. Ich glaube, die Herausforderung für die Kommunikation des Klimawandels ist das Szenario, das eine Katastrophe in doch noch etwas ferner Zukunft aufzeigt. Es ist ein langsamer Prozess, der aber nicht aufzuhalten ist. Das heißt, die Gefahr scheint vielen noch zu weit weg. Aber was da vergessen wird ist, dass wir jetzt die Weichen stellen müssen, um nicht auf die Katastrophe zuzusteuern.

"Es ist manchmal frustrierend"

Aber es wird doch quer durch alle Lebensbereiche und Medien berichtet. Was könnte man verbessern?

Da kann man viel verbessern. Es war etwa falsch, vor 20 Jahren immer diesen Eisbären auf der Eisscholle zu zeigen, weil er uns suggeriert hat, das alles wäre weit weg. Es ist aber auch völlig falsch, Panik zu verbreiten, weil Panik dazu führt, dass wir in Starre verfallen oder uns hilflos fühlen. Wichtig ist, permanent mit objektiven Fakten zu kommen, um dieses Bewusstsein in uns zu verankern, das uns zum Handeln bringt.

Forscher warnen seit Jahrzehnten vor der drohenden Gefahr. Verzweifelt man als Wissenschaftler nicht irgendwann, wenn man von der Politik so lange ungehört bleibt?

Es ist manchmal frustrierend. Weil wir verkennen, dass die Zeit immer knapper wird und die Dringlichkeit sich erhöht. Wir müssen jetzt die Kurve kratzen. Ich habe auch während des Schreibens Phasen gehabt, in denen es mir nicht gut gegangen ist. Weil es unglaublich ist, wie viele Studien es gibt, wie groß der wissenschaftliche Konsens ist, wie klar die Szenarien der Zukunft am Tisch liegen und wie wenig gehandelt wird. Es ist ja auch in Österreich von der Politik ein bisschen etwas versäumt worden.

Sie wohnen im Burgenland und arbeiten in Wien. Wie legen Sie die Strecke zurück?

Mit der Bahn, soweit es geht. Ich habe meine Mobilität schon vor Jahren umgestellt. Für mich ist es einfach, ich brauche von Bahnhof zu Bahnhof 40 Minuten und bin dann mit dem Bus auch recht flott im ORF. Das ist öffentlich machbar und mit der ÖBB-Vorteilscard auch leistbar. Das Angebot gibt es halt nicht überall. Als ich vor 10 Jahren ins Burgenland gezogen bin, habe ich mit Freunden einen Verein gegründet, um Fahrgemeinschaften zu initiieren. Denn wenn ein Auto schon fahren muss, dann sollen vier Leute drinsitzen. Das hat überhaupt nicht funktioniert. Da haben wir auch noch viel zu tun: unser Auto loszulassen.

Es ist dieser Tage viel von Verzicht die Rede, aber was kann der Einzelne wirklich bewirken?

Ich bin ein Gegner des Wortes Verzicht. ‚Bewusst‘ ist das Stichwort. Ich bin nicht dafür, dass wir kein Fleisch mehr essen, aber seltener und dann gute Qualität, die heimisch produziert ist. Das macht schon viel aus. Dann überlege ich mir bei jedem Flug, ob der wirklich nötig ist. Dann beginne ich draufzukommen, dass die Bahn bei Kurzstrecken eigentlich komfortabler und nicht zeitintensiver ist.

Das Fliegen braucht aber auch einen ehrlichen Preis. Das ist zu billig. Die umweltfreundliche Variante muss einfach billiger sein als die umweltschädliche. Ich muss sie nicht verbieten, ich muss sie nur ehrlich bepreisen. Wenn ich der Umwelt einen Schaden anrichte, muss ich auch dafür aufkommen. Und dann kann ich mir überlegen, ob ich meine Erdbeeren zu Weihnachten wirklich brauche. Die werden halt einfach sehr teuer sein müssen. Du sollst sie haben können, aber einfach einen ordentlichen Preis dafür zahlen. Und dann kommen wir automatisch in eine Richtung, wo jeder beginnt, etwas zu tun. Und jeder Beitrag zählt.

Marcus Wadsak, geboren 1970 in Wien, Vater zweier Kinder. Schon vor dem Abschluss seines Meteorologie-Studiums an der Universität Wien begann er beim Österreichischen Rundfunk zu arbeiten. Erst moderierte er im Radio, bevor er 2004 als Wettermoderator der Zeit im Bild begann. Seit 2012 leitet er die ORF-Wetterredaktion.

2019 wurde der Wahl-Burgenländer zum Wissenschaftsjournalisten des Jahres gewählt, nebenbei ist er Gründungsmitglied con "Climate without borders", einem Zusammenschluss internationaler Wettermoderatoren mit dem Ziel, über den Klimawandel aufzuklären.

Zusätzlich erklärt Wadsak auch auf Twitter seinen über 17.000 Followern täglich Zusammenhänge und Unterschiede zwischen Wetter und Klima.

Müssen wir in Wahrheit nicht unser nur auf Wachstum ausgerichtetes Wirtschaftssystem ändern, wie es die Degrowth-Bewegung fordert?

Ich bin auch nicht überzeugt davon, dass wir ewiges Wachstum brauchen. Aber ich glaube, man kann die Herausforderungen des Klimawandels annehmen und trotzdem Wachstum haben. Die Schweden haben es vorgemacht. Die haben in den 90er-Jahren eine CO2-Bepreisung eingeführt, bei der klar war, dass sie sich ständig erhöhen wird. Die sind mittlerweile bei einem ordentlichen Preis für CO2 und die Wirtschaft ist gewachsen. Also Maßnahmen zum Klimaschutz heißen nicht automatisch Wirtschaftsabschwung. Ganz im Gegenteil.

Stellen wir uns einmal vor, Österreich wäre wieder Vorreiter bei Klimaschutzmaßnahmen. Zum Beispiel die Voest in Linz würde wirklich eine Methode entwickeln, wie man mit nachhaltiger Energie einen Hochofen betreiben kann. Da bin ich ja Weltmarktführer! Wir brauchen einfach ein anderes Denken. Wenn du jetzt etwas schaffst, das dem Klima guttut, dann mache ich mir wenig Sorgen um die Wirtschaft.

Viele sprechen mittlerweile von der Klimakrise, Sie vom Klimawandel. Warum?

Ich gehe einmal zurück zum Anfang des Gesprächs: Ich habe ein Buch geschrieben, das jeder verstehen soll, das Fakten auf den Tisch legt und nicht in die Kritik geraten darf, dass es übertreibt oder Panik macht. Ich glaube, das Wort Klimawandel ist mittlerweile bei der breiten Masse angekommen. Wir wissen, wenn wir Klimawandel sagen, dass wir die menschengemachte Erwärmung meinen. Wir befinden uns in einem Klimawandel, der uns in eine Klimakrise führt, und wir stehen vor der Herausforderung, die Klimakatastrophe zu vermeiden.

Und das können wir noch?

Ja. Also das ist der optimistische Schluss, der mir auch im Buch geblieben ist. Es gibt derzeit wissenschaftlich keinen Grund, warum wir die Pariser Klimaziele (Beschränkung der Erderwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter, Anm.) nicht erreichen können. Ja, wir können es derzeit noch in den Griff kriegen.

Selbst wenn, müssen wir uns in Österreich aber dauerhaft mit geänderten, auch extremeren Wetterlagen anfreunden - richtig?

Absolut. Was wir nicht mehr schaffen, ist die bisherige Erwärmung von global 1 und in Österreich 2 Grad rückgängig zu machen. Es geht auch nicht um die Temperatur, die wir dann im Jahr 2100 haben werden. Ob das jetzt 1,5 Grad sind, die wir anzielen, oder 4 Grad, wenn wir so weitertun wie bisher. Sondern die Frage ist: Wie geht es nachher weiter? Erreichen wir diese 1,5 Grad, bleiben wir unter 2 Grad, dann haben wir es geschafft, das Klima auf einem neuen, auf einem höheren Niveau zu stabilisieren. Wir kommen wieder in eine stabile Klimazone.

Sind wir bei 3 oder 4 Grad, bleibt es nicht dabei, weil die Selbst-Rückkopplungsmechanismen (auch als Kipppunkte des Weltklimas bezeichnet, Anm.) eintreten und wir diese Erwärmung nicht einmal mehr stoppen können. Das heißt, wir können jetzt die Kurve kratzen und auf höherem Niveau wieder stabil werden, oder es geht ab wie die Post.

Könnte die Erde im Extremfall unbewohnbar werden?

Über weite Teil der Welt, ja.

Auch Österreich?

Nein. Soweit man hier sinnvoll Szenarien zeichnen kann, wird man Österreich auch mit 4 Grad mehr bewohnen können. Es wird nur ein komplett anderes Bild der Erde sein. Man muss sich das klarmachen: In der letzten Eiszeit hat die Erde wirklich komplett anders ausgesehen. Da war es nur um 4-5 Grad kälter als heute. Das soll uns wirklich als Warnung dienen, was 4 Grad mehr globale Mitteltemperatur bedeuten. Das ist nicht so wie im Sommer, wo es 25 oder 30 Grad hat. Beides geht zum Baden. Die globale Mitteltemperatur ist ein ganz anderer Hebel. 4 Grad mehr ist eine komplett andere Welt und ja, dann sind viele Teile der Welt nicht mehr bewohnbar. Manche auch gar nicht mehr da, weil ja der Meeresspiegel wahnsinnig ansteigt bei so einer Erwärmung.

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