© Weißensee/Stefan Valthe

Chronik Österreich
01/16/2021

"Marcel Hirscher" kommt heuer nicht zum Eislaufen

Die größte Eislaufveranstaltung der Welt am Weißensee ist wegen der Corona-Pandemie abgesagt.

von Anja Kröll

Die robusten Stiefel suchen auf der weißen, schneebedeckten Eisfläche nach Halt – und erhalten als Antwort ein lautes Knirschen. „Das Eis trägt. Nur da rüber darfst mir net gehen, sonst bist weg“, sagt Norbert Jank.

Er muss es wissen: Jank ist der Eismeister des Kärntner Weißensees. Vielmehr: Lebende Eismeister-Legende.

Normalerweise ist Hochsaison

Der 74-Jährige kennt den See am Fuße der Gailtaler Alpen wie kein anderer. „Normalerweise hätte ich jetzt Hochsaison, weil die Holländer da wären“, sagt der 74-Jährige und bohrt demonstrativ ohne Handschuhe bei minus 18 Grad ein Loch ins Eis.

Doch normal ist heuer nichts. Der See ist trotz eisiger Temperaturen nicht zugefroren. Und Holländer sind wegen Corona auch keine da. Dabei verwandeln diese den Weißensee seit 32 Jahren in den letzten beiden Jännerwochen zur größten Eislaufveranstaltung der Welt. Die „Alternative Elf-Städte-Tour“ versetzt Hobby- und Profiläufer auf der 6,5 Quadratkilometer großen Eisfläche – der größten Europas – in den Rennmodus.

Eigene Flugrotationen

Wer das verstehen will, verlässt die Eisfläche und nimmt im Büro von Thomas Michor, Tourismuschef des Weißensees, Platz. „Die Eislaufprofis haben in Holland einen Status wie ein Marcel Hirscher bei uns in Österreich.“ So wäre auch heuer von 16. bis 30. Jänner alles für die „Kufen-Hirschers“ angerichtet gewesen – unter Berücksichtigung der Covid-Regeln. Sogar sechs eigene Flugrotationen zwischen Rotterdam und Klagenfurt standen bereit.

Startpunkte waren für die Hobby- und Profiläufer aufgebaut und minutengenau durchgetaktet. „Alle Läufer hatten farbliche Kategorien, denen sogar die WCs zugewiesen wurden“, sagt Michor. Und dann, Ende November: Alles umsonst. Die Pandemie hatte gewonnen.

2,3 Millionen Euro

Was das wirtschaftlich für den Weißensee bedeutet, verdeutlichen Zahlen. 35.000 Nächtigungen bringen die eislaufbegeisterten Holländer. In der gesamten Wintersaison zählt man 120.000. 1.400 bis 1.600 Starter wagen sich bei den Volksläufen aufs Eis. Wollten die Weißenseer dies ausgleichen, müssten sich alle Bürger beteiligen. Doppelt. Der Ort zählt 760 Einwohner.

„Die Veranstaltung bringt eine Wertschöpfung von 2,3 Millionen Euro“, sagt Michor. Hinzu kommt der Werbewert. Alle großen holländischen TV-Stationen übertragen die Rennen live. Denn Eislaufen ist in Holland Kult. So wurden früher bei der „Elf-Städte-Tour“, der Ursprungsvariante, 200 Kilometer auf Kufen in elf verschiedene Städten Hollands zurückgelegt.

James Bond war da

Dann kam der Klimawandel, das Eis in den Grachten ging, die Holländer machten sich auf die Suche nach einem alternativen Austragungsort und fanden – James Bond. 1987 raste Bond-Darsteller Timothy Dalton in „Hauch des Todes“ über den zugefrorenen See. „Die Holländer sahen das und kamen zu uns“, sagt Bürgermeister Gerhard Koch (FPÖ), der weiter positiv bleibt: „Die verlorene Wintersaison schmerzt. Die verlorenen Holländer schmerzen. Aber das wird den Weißensee nicht umbringen.“

Zumindest ein Videogruß aus Kärnten soll die Holländer heuer erreichen. Der Inhalt ist streng geheim. Fast wie in einem echten Bond-Film.

Eismeister gewährt Einblick

21, 22, 23 – so habe Norbert Jank gezählt, als es passierte. Der erfahre Eismeister des Weißensees war im Dezember mit seinem Fahrzeug auf dem Kärntner See eingebrochen. „Das ist schon öfter passiert, aber ich war noch nie komplett untergetaucht. Das Zählen hat mir geholfen, um rechtzeitig aus dem Auto zu kommen“, erzählt der 74-Jährige, der von Dezember bis März mit seinem Team rund 800 Stunden auf dem See verbringt.

Seit mehr als 50 Jahren analysiert Jank das Eis des fast auf 1.000 Meter Seehöhe gelegenen Sees. „Ich habe am Anfang Kutschenfahrten auf dem See angeboten, da musste ich mich mit dem Eis beschäftigen.“

Eis essen, was sonst?

So lernt man im Gespräch viel über Kerneis (super) und „krautnassen“ Schnee, der das Eis zerstört. „Wenn es schneit, muss man den Schnee von der Eisfläche wegbringen. Bleibt er liegen, wird er zur Daunendecke und  das Eis wächst nicht“, liefert der achtfache Großvater die Erklärung, warum der Weißensee trotz eisiger Temperaturen nicht zufriert.  Respekt habe Jank bei der Arbeit immer. Und was macht ein Eismeister im Sommer? „Eis essen, was sonst?“

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.