© Jana Patsch

Chronik | Österreich
05/23/2019

Lokalaugenschein beim AKW: "Mochovce stoppen – niemals!“

Der KURIER zu Besuch in der Ortschaft, deren Atomkraftwerk für Spannungen mit Österreich sorgt. Angst hat hier niemand.

"Über Gäste aus Österreich freuen wir uns ganz besonders, leider machen sie sich äußerst rar“, begrüßt Róbert Herc die Besucherin am Atomkraftwerksgelände von Mochovce. Herc leitet das werkseigene Besucherzentrum Energoland.

"Jetzt warten wir, ob Ihr Bundeskanzler Sebastian Kurz die Einladung unseres Premiers Peter Pellegrini annimmt und zur Baustellenbegehung kommt.“ Nicht nur in der kleinen Ortschaft, etwa 160 Kilometer östlich von Wien, sondern in der ganzen Slowakei hat Kurz mit seiner Ankündigung "Wir kämpfen für den Stopp des Ausbaus des AKW in Mochovce“ für Aufregung gesorgt. Von "Einmischung in innere Angelegenheiten“ ist die Rede.

FILE PHOTO: A vehicle travels past the Mochovce Nuclear Power Plant cooling towers in Mochovce

Große Zustimmung

"Wir haben nichts zu verbergen“, versichert Róbert Holý, der Sprecher des AKW. "Nach Voranmeldung sind Führungen auch in Englisch möglich.“ Die Nutzung der Kernenergie wird von den Einheimischen weitgehend akzeptiert.

Jedes Jahr besuchen etwa 15.000 Interessierte das Informationszentrum. Dort erfahren sie etwa, dass derzeit weltweit 470 Reaktoren in Betrieb sind und weitere 60 in Bau.

Energiewende?

Eine Energiewende ist für keine der Parteien in der Slowakei ein Thema. Sogar die Grünen fordern in ihrem Programm zuerst ein Verbot von Holzexporten, dann ein Pfand auf PET-Flaschen und erst an dritter Stelle Vorrang für erneuerbare Energien.

"Laut Umfragen sind zwei Drittel der Bevölkerung für die Atomkraft. Regional, um die Kraftwerke herum, liegt die Zustimmungsrate sogar über 80 Prozent“, erzählt Holý, der seit 27 Jahren im AKW arbeitet. Der Bau in Mochovce wird von vielen als Segen empfunden.

Arbeitsplätze dank AKW

In der Südslowakei gibt es nur wenig Industrie und wenige Arbeitsplätze. "In unserem Dorf profitieren wir enorm von dem Kraftwerk“, erzählt Ladislav Éhn. Der elegante Herr im gut geschnittenen Anzug ist Bürgermeister von Kalná nad Hronom.

Die 2100 Einwohner zählende Gemeinde liegt 11 Kilometer entfernt im Schatten der Kühltürme, in einer lieblichen, leicht hügeligen Landschaft mit gutem Straßennetz. Größe und Architektur von Éhns Amtsgebäude würden gut in eine Bezirksstadt passen. Vor dem Bau des AKW wurden viele Bewohner von Mochovce nach Kalná übersiedelt.

Zuwanderung

Heute sind die Arbeitslosenzahlen in der Region niedrig, es gibt keine Landflucht mehr – im Gegenteil, es wandern Menschen zu.

Wirte statt Bauern

"Durch den Zuzug hat sich die Einwohnerzahl in der Stadt Levice verdoppelt. Die Bevölkerungsstruktur verändert sich. Es gibt keine Landwirtschaft mehr. Die 12.000 Hektar Ackerland wurden von Dänen gekauft“, berichtet Éhn.

SLOVAKIA-ENERGY-NUCLEAR

Frühere Kolchosbauern sind Wirte oder Zimmervermieter geworden. Denn in Mochovce arbeiten viele Ausländer. Im "Koliba“, einem großen, im Almstil errichteten Restaurant in Kalná, werden die Gäste von Kellnerinnen in slowakischer Pseudo-Tracht und mit guten Sprachkenntnissen bedient.

Gastarbeiter aus Italien

Einige Fremdarbeiter sind sesshaft geworden und haben Slowakinnen geheiratet. Andere haben ihre Familien mitgebracht und Slowakisch gelernt. Das größte Kontingent mit etwa 700 Mitarbeitern stellen die Italiener.

2006 wurde der slowakische Energiekonzern SE (Slovenské Elektrárne), der zweitgrößte Elektrizitätsproduzent in Ost- und Zentraleuropa, privatisiert. Mit 66 Prozent ist Enel aus Italien Mehrheitseigentümer, den Rest teilen sich zur Hälfte der slowakische Staat und die tschechische EPH, die einem Oligarchen gehört.

Kosten explodieren

Stimmen, die diese Privatisierung kritisieren, werden immer lauter. Premier Peter Pellegrini äußerte den Verdacht, manche Firmen würden die Fertigstellung des Baus verzögern, um länger im Geschäft zu bleiben. Block III sollte eigentlich in diesen Tagen in Betrieb gehen, Block IV in einem Jahr.

Die slowakische Atomaufsichtsbehörde UJD hat bisher jedoch noch keine Erlaubnis für die Inbetriebnahme der beiden neuen Reaktoren erteilt. Es seien noch immer nicht alle Sicherheitsauflagen erfüllt. Die Fertigstellungskosten explodieren. Die Gesamtsumme des Projekts wird aktuell auf 5,7 Milliarden Euro geschätzt.

Fotos sollen Mängel dokumentieren

Im Herbst sind im Internet zudem Fotos aufgetaucht, die angeblich Mängel im Kraftwerk dokumentieren. Zu sehen waren etwa Waschbecken ohne Hahn und Löcher in Betondecken. Der Italiener Mario Zadra, dessen Vertrag nach 1,5 Jahren Arbeit im Werk nicht verlängert worden war, soll sie gepostet haben. Es wurde auch entdeckt, dass eine Firma mit gefälschten Zertifikaten Schweißarbeiten durchgeführt hatte.

„Heilige Pflicht“

"Ich habe keine Angst, was die Sicherheit betrifft“, versichert Bürgermeister Éhn. „Schließlich leben die Verantwortlichen hier gemeinsam mit uns. Wir werden regelmäßig über das Vorgehen im Kraftwerk informiert, durch eine eigene Zeitung, einen TV-Kanal, SMS und den Dorfrundfunk“. Éhn ist schon drei Perioden im Amt und wurde von vier Parteien als gemeinsamer Kandidat nominiert.

Die Frage, ob sie sich vorstellen könnten, dass die Baustelle in Mochovce aus finanziellen oder politischen Gründen eingestellt wird, beantworten sowohl AKW-Sprecher Holý als auch Bürgermeister Éhn kurz und eindeutig: "Niemals!“ Der Ex-Generaldirektor des Konzerns SE, Tibor Mikuš, spricht sogar von einer "heiligen Pflicht“, das Kraftwerk fertigzustellen.